Wirtschaft
Nur der Oberste Führer und ein kleiner Kreis Offizieller in Pjönjang weiß, ob Nordkreas Wirtschaft auf Erfolgskurs ist.
Nur der Oberste Führer und ein kleiner Kreis Offizieller in Pjönjang weiß, ob Nordkreas Wirtschaft auf Erfolgskurs ist.(Foto: REUTERS)
Montag, 11. Juni 2018

Rauch statt Zahlen: Nordkoreas unbekannte Wirtschaft

Von Max Borowski

Trump will Nordkoreas Diktator mit der Aussicht auf ein Ende der Wirtschaftssanktionen locken. Doch ist Kim darauf angewiesen? Wie es um Nordkoreas Wirtschaft steht, können Ökonomen nur schätzen - mit zweifelhaften Methoden und Ergebnissen.

Eine Zahl aus einer aktuellen Statistik lässt Ökonomen ratlos zurück: Laut einer Analyse des Finanzdienstleisters Aberdeen Standard Investments ist Nordkoreas Defizit im Handel mit China sprunghaft auf 1,9 Milliarden Dollar gestiegen. Das ist ein Anstieg um mehr als 140 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Während Nordkoreas Exporte nach China - offenbar aufgrund der verschärften internationalen Sanktionen - einbrachen auf den niedrigsten Stand seit sechs Jahren, stieg der Wert der Importe aus dem Nachbarland deutlich auf 3,6 Milliarden Dollar an.

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Doch wie bezahlt das von der Weltwirtschaft weitgehend abgeschnittene Nordkorea für diese Einfuhren? Seit im vergangenen Jahr auch China gemäß der von der Uno verhängten Sanktionen seine Importe weitgehend eingeschränkt hat, verfügt Nordkorea über keine nennenswerten Deviseneinnahmen mehr - zumindest keine bekannten. Die Erklärungen verschiedener Experten für das Handelsdefizit mit China reichen von nordkoreanischen Einnahmen aus illegalen Waffenexporten, Löhne nordkoreanischer Arbeitskolonnen im Ausland bis zu verdeckten Subventionen der chinesischen Regierung.

Auch nur annähernd verlässliche Daten dazu gibt es jedoch nicht. Während Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un mit US-Präsident Donald Trump über eine mögliche Wiedereinbindung des asiatischen Landes in die Weltwirtschaft verhandelt, ist über die Entwicklung oder auch nur die ungefähre Größe der koreanischen Wirtschaft praktisch nichts bekannt - nicht nur zum Außenhandel: Auch zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), der international gebräuchlichsten Messzahl für die Wirtschaftskraft eines Staates, veröffentlicht Nordkorea schon seit den 1960er Jahren keine Zahlen mehr. Als Ersatz dafür dienten manchen Experten später die Zahlen aus dem Staatshaushalt, der in dem jahrzehntelang strikt planwirtschaftlich organisierten Land, weitgehend der Gesamtwirtschaft entsprach.

Plusminus zehn Milliarden Dollar

Doch auch zum eigenen Budget gibt das Regime seit Jahren keine absoluten Zahlen mehr heraus, sondern teilt nur noch prozentuale Veränderungen der Einnahmen und Ausgaben mit - deren Verlässlichkeit höchst zweifelhaft ist. Zudem nimmt die Bedeutung dieser Zahlen tendenziell ab, weil - auch wenn es bis heute offiziell keine Privatunternehmen im Land gibt - seit einigen Jahren private Akteure offenbar eine wachsende Rolle in der nordkoreanischen Wirtschaft spielen.

In Ermangelung von Daten und Fakten greifen Analysten auf ganz unterschiedliche Beobachtungen zurück. Die Uno etwa wertet Schätzungen ihrer eigenen Experten im Land zu den landwirtschaftlichen Erträgen aus. 2015 veranschlagte die Weltorganisation Nordkoreas Wirtschaft auf diese Weise auf ein Volumen von gut 16 Milliarden US-Dollar. Damit wäre Nordkorea eines der ärmsten Länder der Welt. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass diese Schätzung die Entwicklung von Sektoren wie die zuletzt augenscheinlich boomende Bauwirtschaft und auch die Industrie nicht ausreichend berücksichtige.

Als aufwendigste Annährung an die nordkoreanische Wirtschaft gilt die Schätzung der südkoreanischen Zentralbank, die Berichten zufolge südkoreanische Geheimdiensterkenntnisse ebenso berücksichtigt wie Beobachtungen zum Füllstand von Stauseen oder zum Rauch aus Fabrikschornsteinen. Den bislang aktuellsten Zahlen zufolge wuchs Nordkoreas BIP 2016 demnach um satte 3,9 Prozent auf umgerechnet knapp 29 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Allein Südkoreas Verteidigungshaushalt betrug in dem Jahr umgerechnet knapp 37 Milliarden Dollar.

Die vielleicht ehrlichste Einschätzung zu Nordkoreas Wirtschaft stammt von der CIA. In seinem "Factbook" gibt der US-Geheimdienst für das Jahr 2015 für Nordkoreas BIP einen Wert von rund 40 Milliarden Dollar (kaufkraftbereinigt) an - mit dem Hinweis, dass es sich um eine Fortschreibung einer 20 Jahre alten Schätzung handle mit einer Ungenauigkeit von plus oder minus zehn Milliarden Dollar.

Quelle: n-tv.de