Wirtschaft

Radikalumbau beim Krisenkonzern ThyssenKrupp trifft das Stahlgewitter

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Tausende Arbeiter in den Stahlwerken von ThyssenKrupp verlieren bei der Kehrtwende ihre Jobs.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das Bündnis mit Tata ist so gut wie vom Tisch, die geplante Aufspaltung des Konzerns abgeblasen, 6000 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs: Die Börse feiert die Kehrtwende des Stahlriesen als Befreiungsschlag. Doch die Euphorie könnte schnell verfliegen.

Nach langem Rätselraten sind die Würfel für die dringend nötige Restrukturierung bei ThyssenKrupp offenbar gefallen: Per Adhoc-Mitteilung gibt der Krisenkonzern bekannt, dass er wegen Widerstand von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager kaum mehr Hoffnung auf ein Bündnis mit dem indischen Rivalen Tata hat. Auch die seit Herbst geplante Aufspaltung des Konzerns in einen Industriegüter- und einen Werkstoffteil legt ThyssenKrupp-Chef Guido Kerkhoff zu den Akten. Und er schwingt die Jobsense: 6000 Stellen werden abgebaut, zwei Drittel davon in Deutschland. Nur noch der Aufsichtsrat muss zustimmen.

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Betriebsbedingte Kündigungen könnten bei einem Abbauprogramm dieser Größenordnung nicht ausgeschlossen werden, sagt Personalvorstand Oliver Burkhard. 2000 der 6000 Stellen wären auch bei der so gut wie geplatzten Stahlfusion mit Tata gestrichen worden. Für die rund 27.000 Stahlarbeiter von ThyssenKrupp sei das Veto der EU-Kommission dennoch "ein harter Schlag", sagte Kerkhoff. Ihnen hätte die Allianz mit Tata "eine Zukunftsperspektive gegeben". Durch den Zusammenschluss wäre Europas zweitgrößter Stahlkonzern mit rund 48.000 Mitarbeitern und Werken in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden entstanden. Nun bleibt ThyssenKrupp zwar als Ganzes erhalten. Gerettet ist der Konzern mit dem Sanierungsplan aber längst nicht.

An der Frankfurter Börse explodiert der Kurs nach der Ankündigung der massiven Kehrtwende zwar zwischenzeitlich um bis zu 20 Prozent. Die Aktionäre feiern, weil ihnen die auf bis zu eine Milliarde Euro geschätzten Umbaukosten bei der bisher geplanten Aufspaltung erspart bleiben: An der Börse brachte es ThyssenKrupp bisher auf einen Marktwert von gerade mal noch sieben Milliarden Euro. Der Aktienkurs war seit Ende vergangenen Jahres um 40 Prozent eingebrochen. Die Aufspaltung des Konzerns sei an der Börse immer mehr infrage gestellt worden, räumt der Vorstandschef ein.

"Das sieht der Markt jetzt natürlich sehr positiv. Man sieht auch, dass die Aktionäre kein Vertrauen hatten in die Strategie", sagt Fondsmanager Ingo Speich vom Sparkassenhaus Deka. Doch woher über kurzfristige Kursgewinne hinaus beim Stahlriesen langfristiger Erfolg kommen soll, steht in den Sternen.

Stahlriese im Sinkflug

In der Stahlbranche braut sich schon seit langem ein Gewitter zusammen. Die Konjunktur ist mau. Auch die Nachfrage aus der Autoindustrie und dem Maschinenbau lahmt. Hohe Eisenerzpreise drücken die Erträge. Hinzu kommen zahlreiche Billig-Konkurrenten aus Fernost. Und obendrein kämpft ThyssenKrupp auch noch mit hohen Importzöllen, die US-Präsident Donald Trump verhängt hat. Bester Beweis für die schlechten Aussichten: Durch die Wiedereingliederung der Stahlsparte rechnet ThyssenKrupp für das Gesamtjahr unterm Strich mit einem Verlust.

Die Arbeitnehmervertreter fordern ein tragfähiges Zukunftskonzept: "Das alles ist eine unsägliche Belastung für die Beschäftigten", sagt Vize-Aufsichtsratschef Markus Grolms. "Das muss jetzt aufhören. Der Vorstand muss sagen, wie es ist und Vorschläge machen, wie es besser werden soll."

Als Rettungsanker hat der Krisenkonzern nun die profitabelste Sparte, das Geschäft mit Aufzügen, auserkoren: Um frisches Geld in die Kassen zu spülen, soll das Kronjuwel des Konzerns an die Börse gebracht werden. Mit den Erlösen will sich der Konzern sanieren. Schließlich werde die Sparte, an der der finnische Konkurrent Kone Interesse angemeldet hatte, höher bewertet als der ganze ThyssenKrupp-Konzern, sagt Kerkhoff. Deshalb will er an der größten Cashcow auch nach dem IPO die Mehrheit behalten.

Im Aufsichtsrat dürfte es rundgehen

Damit der radikale Umbau kommt, müssen die Großaktionäre mitziehen. Neben den mächtigen Arbeitnehmervertretern sind der Hedgefonds Cevian mit einem Anteil von rund 18 Prozent und die Krupp-Stiftung mit 21 Prozent die wichtigsten Player. In Strategiefragen liegen sie regelmäßig über Kreuz.

Die Finanzinvestoren drängen auf Rendite. Sie wollen den Konzern am liebsten filetieren und die Gewinnbringer verkaufen. Im Clinch mit den renditegetriebenen Investoren hatten im vergangenen Sommer sowohl Kerkhoffs Vorgänger Heinrich Hiesinger als auch der damalige Aufsichtsratschef Ulrich Lehner entnervt hingeschmissen. Auch jetzt machen sie Druck: Cevian-Co-Chef Lars Förberg fordert, bei ThyssenKrupp sei eine fundamentale Neuausrichtung dringend notwendig. Es dürfe "keine historischen oder politischen Tabus mehr geben".

Die Krupp-Stiftung als größter Einzelaktionär will die Zerschlagung des Konzerns dagegen verhindern. Was sie von Kerkhoffs Strategieschwenk hält, insbesondere vom geplanten Börsengang der Aufzugssparte, lässt sie nicht durchblicken. "Die Stiftung möchte, dass das Unternehmen in allen Geschäftsfeldern wettbewerbsfähig aufgestellt ist, mit zukunftssicheren Arbeitsplätzen und einer nachhaltigen Dividendenfähigkeit. Vor diesem Hintergrund werden wir die neuen Vorschläge bewerten", heißt es in einer Mitteilung.

Vielleicht bekommt die geplante Allianz mit Tata ja entgegen allen Wahrscheinlichkeiten doch noch eine Chance. EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager wollte den Rückzieher von ThyssenKrupp am Freitag nicht kommentieren. Ein Sprecher von Vestager sagte, der Fall sei noch nicht abgeschlossen. Aktuell sei eine Entscheidung bis zum 17. Juni vorgesehen.

Um die Genehmigung aus Brüssel zu erhalten, wollten ThyssenKrupp und Tata kleinere Werke verkaufen. Auch weitere wirtschaftlich gerade noch vertretbare Angebote hätten die Bedenken nicht ausgeräumt, sagt Kerkhoff, der am Morgen mit Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager gesprochen hatte: "Wir machen keinen wirtschaftlichen Unfug." Der Aufsichtsrat soll am 21. Mai über die Pläne entscheiden.

Quelle: n-tv.de, Mit Material von Reuters und Dow Jones