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1,5-Grad-Schwelle vor dem Fall "Globaler Wandel des Erdklimas längst in Gang"

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"Wir sehen eine zunehmende Destabilisierung der Meereisbedeckung", warnt Pörtner.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) warnt in ihrem neuen Klimabericht, dass die 1,5-Grad-Schwelle in den nächsten fünf Jahren überschritten werden könnte - die Wahrscheinlichkeit dafür liege bei 50 Prozent. Die Erwärmung um 1,5 Grad Celsius im Vergleich zu den vorindustriellen globalen Durchschnittstemperaturen gilt als Indikator für den Punkt, an dem die Klimaauswirkungen für die Menschen und den gesamten Planeten zunehmend schädlich werden. Was das bedeutet und wie sich die Auswirkungen des Klimawandels bereits zeigen, erklärt Ökophysiologe Hans-Otto Pörtner vom Alfred Wegener-Institut (AWI) für Polar- und Meeresforschung im Interview.

Herr Professor Pörtner, die Wahrscheinlichkeit, dass eines der Jahre zwischen 2022 und 2026 das wärmste Jahr seit dem Beginn moderner Wetteraufzeichnungen wird, gibt die WMO mit 93 Prozent an. Ebenfalls mit 93-prozentiger Wahrscheinlichkeit wird der Fünf-Jahres-Durchschnitt für 2022 bis 2026 über dem Wert der letzten fünf Jahre von 2017 bis 2021 liegen. Wie kommen solche Prozentzahlen zustande?

Hans-Otto Pörtner: Die aktuelle Prognose, dass wir in den nächsten fünf Jahren ein Jahr sehen werden, das im Durchschnitt 1,5 Grad globale Erwärmung erreicht oder überschreitet, ist letztlich eine Aussage, die aus Klimamodellen kommt, die solche Wahrscheinlichkeiten unter Berücksichtigung der vorhandenen Klimaschwankungen hinreichend genau berechnen können. Und diese Wahrscheinlichkeit beträgt 50 Prozent. Was diese Aussage bedeutet: Wir nähern uns mit der globalen Erwärmung diesem Schwellenwert von 1,5 Grad. Das heißt auch, dass wir die Schwelle, sobald wir uns immer näher darauf zubewegen, dann mit immer höherer Wahrscheinlichkeit punktuell überschreiten, und zwar im globalen Mittel.

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Hans-Otto Pörtner ist Leiter der Abteilung für Integrative Ökophysiologie am Alfred Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung.

(Foto: picture alliance / photothek)

Sie haben den Sonderbericht des Weltklimarates (IPCC) zu 1,5 Grad koordiniert. Wie kam es zu diesem Sonderbericht?

Der Bericht entstand seinerzeit aus einer Einladung der UNFCCC-Klimarahmenkonvention, weil für Szenarien unter 2 Grad Erwärmung nicht genug Kenntnisse vorlagen. Diese Lücke sollte geschlossen werden. Die Einladung wurde auf der Pariser Konferenz 2015 ausgesprochen und der IPCC hat sie für den sechsten Berichtszyklus angenommen. Es war insofern ein erfolgreiches Unterfangen, weil erstmals versucht wurde, 1,5 Grad zu berechnen und auszuwerten. Wir haben einen Vergleich der Szenarien für 1,5 und 2 Grad Erderwärmung gemacht und waren selbst sehr erstaunt, wie groß die Unterschiede zwischen diesen Szenarien sind und wie stark der numerisch scheinbar kleine Unterschied in den Auswirkungen zu Buche schlägt.

Die Zahl, um die sich alles dreht: 1,5 Grad. Der WMO-Generalsekretär Petteri Taalas sagt: "Die Zahl von 1,5 Grad ist kein zufälliger statistischer Wert." Was ist damit gemeint?

Das Ziel, die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad begrenzen zu wollen, leitet sich daraus ab, dass man sich die Auswirkungen des Klimawandels umfassend angeschaut hat. Eine Koalition der Willigen unter Führung der kleinen Inselstaaten hatte die Verschärfung des Klimaziels in Paris eingebracht: nicht nur einfach 2 Grad, sondern deutlich darunter bleiben, mit dem Ziel, dass 1,5 Grad Erwärmung nicht überschritten werden. Im Sonderbericht zu 1,5 Grad haben wir die Ergebnisse mit den anderen IPCC-Arbeitsgruppen zusammengeführt, von der globalen Erwärmung und deren Auswirkungen bis hin zu den Möglichkeiten, den Klimawandel einzugrenzen.

Welche Szenarien sind erforderlich, um 1,5 Grad zu halten?

Unser Bericht und auch die Aktualisierung durch die WMO zeigen: Wir stehen auf der Kippe. Wir sehen, dass die politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse sehr träge sind. Es macht uns Sorgen, dass diese numerischen Klimaziele von der Politik nicht ernst genug genommen werden. Aus der Risikobewertung, die wir im Sachstandsbericht der IPCC-Arbeitsgruppe II Ende Februar, Anfang März dieses Jahres verabschiedet haben, kann man sehr genau ersehen, dass wir mit dem Überschreiten von 1,5 Grad die obere Grenze unseres "Normalbereiches" überschreiten.

Das Alfred-Wegener-Institut (AWI) hat mit der Mosaic-Expedition beunruhigende Information aus der Arktis mitgebracht. Auch die WMO sieht in ihrem Bericht dramatische Entwicklungen nördlich des Polarkreises. "Was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis" lautet ein geflügeltes Wort aus dem AWI. Was geschieht im hohen Norden und wie betrifft es uns in Europa?

Wir sehen eine zunehmende Destabilisierung der Meereisbedeckung und eine Abnahme in der Fläche. Wir sehen eine Veränderung in den Ökosystemen, in der Plankton-Aktivität, in der Tierwelt. Der Trend der abnehmenden Meereisbedeckung wird dazu führen, dass die Rückstrahlung der Wärme von der weißen Oberfläche abnimmt und sich dadurch dieses Meeresgebiet stärker erwärmt. Letztendlich hat dies auch klimatische Auswirkungen. Bekannt ist die durch den Klimawandel veränderte Zirkulation in der Hochatmosphäre, der Jetstream, der Lage und Verlagerungsgeschwindigkeit der Wettersysteme steuert. Auf der Nordhalbkugel hängen sich Hoch- oder Tiefdruckgebiete oft ein und kommen nicht voran. Es resultieren Hitzewellen weltweit mit Tausenden von Toten, warme Arktiswinter und Kältewellen in Nordamerika, aber auch Dürren und Sturzfluten in unserer Region. Dies zeigt uns, dass da längst ein globaler Wandel des Erdklimas in Gang gesetzt wurde.

Für das Jahr 2022 soll das periodisch auftretende Klimaphänomen La Niña den globalen Temperaturmittelwert geringfügig absenken. Mit La Niña geht üblicherweise verstärkte Trockenheit in Südwesteuropa und im Südwesten von Nordamerika einher, wo bereits heute Dürre herrscht. In Nordeuropa und in Australien hingegen sehen die WMO-Fachleute feuchtere Bedingungen als im langjährigen Mittel voraus. Müssen wir uns an brennende Wälder in Spanien und Kalifornien und Hochwasser in Australien gewöhnen?

Wir haben in der Tat steigende Feuerrisiken. Waldbrände sind zunächst einmal natürliche Ereignisse, aber die Intensität und die betroffene Fläche nimmt zu. In Australien haben wir gewaltige Flächenvernichtung durch Feuer gesehen, mit entsprechenden Auswirkungen auf die natürliche Umwelt und mit dem Tod von Millionen, Milliarden von Tieren. Das sind Ausmaße, die wir ohne den Klimawandel so nicht bekommen hätten. Das gilt auch für andere Regionen. Zunehmende Dürre, die Ungleichverteilung von Niederschlägen wird ebenfalls fühlbar, teilweise saisonal verstärkt.

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Sie haben in leitender Funktion an verschiedenen Berichten des Weltklimarates IPCC mitgearbeitet. Der aktuelle Bericht der WMO beschreibt Klima hauptsächlich als Atmosphärenthema. Am AWI leiten Sie die Abteilung für Integrative Ökophysiologie. Ihre Arbeit macht deutlich, dass es in der Klimakrise nicht nur um Atmosphärenwissenschaft geht. Wäre Nachhaltigkeitskrise nicht der bessere Begriff zur Beschreibung einer umfassenden Bedrohung, vor der wir stehen?

Wir müssen uns als Teil des Systems Erde verstehen. Klima ist nicht nur Atmosphäre, Wasser und Eis, sondern auch Biosphäre und Böden. Alle diese Teilsysteme kippen im Moment aus der Balance. Was mir als Physiologe vor allem Sorge macht, ist die ausweglose Exposition gegenüber extremen Temperaturen, die letztendlich, auch wenn das nur zeitlich begrenzt passiert, einen Lebensraum unbewohnbar machen kann für Tier, Pflanze und Mensch. Dieser Planet ist durch ein zuträgliches Klima für die lebendige Natur gekennzeichnet, sonst hätte sich Leben hier nicht entwickelt und es sähe aus wie auf dem Mars. Wir haben es in der Hand, unsere natürliche Umwelt so zu gestalten, dass unsere Lebensgrundlagen erhalten bleiben.

Mit Hans-Otto Pörtner sprach Franz Ossing

Das ganze Interview lesen Sie auf helmholtz.de

Quelle: ntv.de

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