Frage & Antwort

Frage & Antwort Warum gruseln wir uns so gern?

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(Foto: imago stock&people)

Angst ist ein unangenehmes Gefühl. Wer sie hat, tut im Allgemeinen alles, um sie schnellstmöglich wieder loszuwerden. Trotzdem üben gruselige Erlebnisse mitunter eine geradezu magische Anziehungskraft auf uns aus. Warum?

Ich habe mich das zu Halloween schon öfter gefragt: Warum gruseln wir uns so gern? (will Laura K. aus Lübeck wissen)

Angst ist ein Warnsignal des Körpers. "Achtung! Pass auf! Gefahr!", will er uns signalisieren. Der Adrenalinspiegel steigt, der Organismus wird vorbereitet: Kampf oder Flucht, das sind die beiden Optionen. Für das eine wie für das andere müssen die Muskeln leistungsstark sein und der Geist hellwach. Aussitzen ist – evolutionär betrachtet – nicht vorgesehen.

Haben wir Angst, droht uns etwas Unangenehmes oder gar Riskantes. Sollten wir Situationen, die uns einen Schauer über den Rücken jagen, deswegen durchweg meiden? Nein. Es gibt, wie es der Wagnisforscher Siegbert Warwitz formuliert, "das dringende Bedürfnis des Menschen, einmal Angst zu haben und sich gruseln zu können." Das zeigt zum Beispiel das Grimmsche Märchen "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen". Das zeigen aber auch Kinder, die Gespenster spielen, einen Regenwurm essen, in einen frischen Kuhfladen greifen oder gern Vampirgeschichten hören. Was dahintersteckt? Der Wunsch, stärker zu werden und mutig zu sein. Die Kinder testen, inwieweit sie ihre Ängste in Schach halten können. "Kinder suchen instinktmäßig Situationen auf, in denen sie das Gruseln durchstehen und dadurch innerlich wachsen können", sagt Warwitz, "etwa einen dunklen Dachboden, den Keller oder Friedhof."

Von der Lust an der Angst

Inneres Wachstum aber ist nicht das Einzige, was Gruseln für uns attraktiv macht. Gruseln ist unangenehm, gleichzeitig aber - solange es ein bestimmtes, individuelles Maß nicht übersteigt - auch aufregend, im positiven Sinne. "Es ist ein Abenteuer, dem sich Kinder wie Erwachsene gerne stellen, um das Lebensgefühl zu intensivieren, um etwas Ungewöhnliches, einen Nervenkitzel zu erleben", erklärt Warwitz. "Diese besondere Gefühlslage hat einen Namen: Es ist die Angstlust."

Gruselige, aufregende Situationen durchzustehen, kann eben einfach Spaß machen, es kann eine erregende Erfahrung sein. "Aus einer überstandenen Angst erwachsen Lustgefühle", sagt der Experte. "Man erkennt die Abläufe zum Beispiel bei Kindern, die in der Geisterbahn fahren: Erst hört man Angstschreie, dann folgen strahlende und lachende Gesichter."

Angstlust zu erleben, gehört zu den Urbedürfnissen des Menschen. Wir spüren sie, wenn wir uns einer Gefahr erstens freiwillig aussetzen und zweitens mit der vollen Zuversicht, dass wir die Situation und die damit verbundenen Ängste bewältigen werden und alles ein gutes Ende nimmt. Angstlust kann sich also nach dem Nervenkitzel zusammen mit großer Erleichterung einstellen. Sie kann aber auch direkt mit dem Schauder einhergehen: Wer fasziniert einen Krimi oder Thriller im Fernsehen verfolgt und sich dabei selbst in Sicherheit weiß, erlebt ebenfalls Angstlust. Immer wieder gelingt es dem Film, kurzzeitig zu vermitteln, das Dargestellte wäre real. Doch die Gewissheit, dass für das eigene Leben in Wahrheit keine Gefahr besteht, kehrt schnell zurück. Auch wenn es schaurig wird, wissen Kopf und Bauch: "Alles ist gut. Mir passiert nichts." So wird der Krimi zum Gruselerlebnis – und ist gleichzeitig ein Genuss.

Quelle: ntv.de

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