Leben

Der Denglische Patient All we want is Lebensfreiheit!

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Auf den Lockdown folgt die Lebensfreiheit.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Der langweilige Lockdown ist der aktuelle "Anglizismus des Jahres". Der Wettbewerb zeigt uns, dass sich unser Leben rasanter verändert, als wir auf Deutsch noch dichten können. Trotzdem sollten wir es wenigstens versuchen.

Nimmt man sich die - sorry - Shortlist der englischen Ausdrücke vor, die im Wettbewerb "Anglizismus des Jahres 2020" nominiert wurden und versucht sich für einen Augenblick noch einmal in den Februar vor genau einem Jahr zurückzuversetzen - was hätten einem damals die folgenden Wörter gesagt oder bedeutet?

- Lockdown, der Sieger der Wettbewerbsjury und des Publikums
- Superspreader
- Shutdown
- Social Distancing

Nichts!

Oder wenigstens nicht genug, um sie in irgendeiner Weise für bedeutsam und vor allem ausreichend trendy oder gar trendsetting zu halten, um nun vor allen anderen Anglizismen, die wir tagtäglich benutzen, als unumstrittene Favoriten hervorzugehen.

Dasselbe hätte wohl auch für Homeoffice und Homeschooling gegolten, zwei Heimtätigkeiten, die schon lange bekannt sind und praktiziert werden, aber deren plötzliche Popularität - wie Umstrittenheit - vor gerade einmal 12 Monaten nicht zu ahnen war. Covid-19 hat es möglich gemacht. Und ganz nebenbei hat diese Krise mit ihren vielen sprachlichen Entgleisungen auch ein treffendes Kofferwort geprägt: Covidiot.

Alle diese Beispiele zeigen uns (mal wieder), wie rasant sich unser Leben und - als Ausdruck für dieses Leben - unsere Sprache verändern. Es passt dabei bestens ins Bild, dass ausgerechnet einem biologischen Virus ein besonders schneller Zyklus sprachlicher Schöpfungen und sprach-viraler Ansteckungen gelungen ist. Sogar die Mutationen eines Anglizismus konnten wir miterleben - und mit der englischsprachigen Weltgemeinschaft diskutieren: War im März 2020 vor allem vom Social Distancing die Rede, wurde bald schon das Physical Distancing bevorzugt. Denn es reichte schon aus, dass das Virus die Kraft entfaltete, die Menschen körperlich (physically) auseinanderzuhalten und -zureißen. Die Zerstörung des sozialen Zusammenhalts wollte man nicht auch noch benennen oder gar fordern - selbst wenn es oft passiert ist.

Englisch verdrängt andere Sprachen

Obwohl sich die sprachliche Entwicklung und Angleichung an den internationalen Wortschatz noch nie so schnell vollzogen haben, kennen wir den Prozess aus der Geschichte, vor allem der jüngeren. So spült auch die Digitalisierung andauernd neue Wörter aus dem englischen Wortschatz in den deutschen. Ganz einfach, weil spätestens seit den 1960er-Jahren die Rechner (Computer), die Programme (Applications, Apps) und die Programmiersprachen (Codes) der Programmierer (Coder und Hacker) auf der englischen Sprache basieren. Dabei gehen manche Begriffe so schnell wie sie kommen, man denke nur an die Floppy Disc, ein Relikt der späten 1970er-Jahre.

Spätestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich Anglizismen auch auf vielen anderen wissenschaftlichen Gebieten und in gesellschaftspolitischen Debatten durchgesetzt. Das hat stets zwei Effekte mit sich gebracht. Der eine war positiv: Die Kommunikation zu den betreffenden Themen wurde globaler, sodass sich immer mehr Menschen daran beteiligen konnten. Der andere Effekt war negativ: Englisch hat andere Sprachen im Zuge dieser Kommunikation verdrängt. Dagegen konnten selbst die Franzosen nichts machen, die heute noch lieber "ordinateur" als Computer sagen. Auch wir kennen und lieben den "Rechner". Er ist eine Alternative, kein Ersatz für den "Computer".

Ein bemerkenswertes Beispiel für die positiven wie die negativen Effekte der englischen Weltsprache - der Lingua Franca - habe ich als Denglischer Patient während meines Studiums vor 20 Jahren in London erlebt: Die Sozialwissenschaftler, die mir damals an der London School of Economics begegneten, beschäftigten sich mit einer Theorie des deutschen Soziologen Jürgen Habermas, die bereits 40 Jahre alt und bei uns - mit Verlaub - ausdiskutiert schien: "Der Strukturwandel der Öffentlichkeit". Der Grund für die Renaissance des Themas war die damals relativ frische Übersetzung ins Englische, die aus der "Öffentlichkeit" den Begriff "public sphere" gemacht hatte. Auf einmal stand dieses Wort auch für das "Internet" - als hätte sich Habermas auch damit beschäftigt. "Public Sphere" war mit Verweis auf ihn in aller Munde und die Diskussionen setzten an, wo sie in Deutschland Jahrzehnte früher abgebrochen worden waren.

Von Zesen hatte seine deutschsprachige Schnauze voll

Das führt zur wichtigen Frage, wann englischsprachige Begriffe erforderlich sind und wann nicht. Mit derselben Frage hat sich vor ungefähr 350 Jahren schon der Schriftsteller Philipp von Zesen beschäftigt. Er hatte damals seine deutschsprachige Schnauze voll davon, dass es so viele fremdsprachige Einflüsse gab - zwar nicht aus der englischen, sondern aus der lateinischen und der griechischen Sprache. Da sich von Zesen zu den ersten Berufsschriftstellern der noch jungen "teutschen" Sprache zählen durfte, wollte er ihr mit einer langen Liste sogenannter Eindeutschungen Gutes tun und legte kräftig los:

Aus der "Assekuranz" macht er zum Beispiel "die Versicherung" oder aus der "Bibliothek" die "Bücherei". Ihm gelangen großartige Übertragungen, die wir noch heute verwenden und ohne die wir uns die moderne deutsche Sprache gar nicht vorstellen können. Hier eine kleine Übersicht seiner "Germanismen", die ich für besonders gelungen halte:

Briefwechsel statt Korrespondenz
Leidenschaft statt Passion
Rechtschreibung statt Orthografie
Tagebuch statt Journal
Abstand statt Distanz
Entwurf statt Projekt
Wahlspruch statt Devise
Augenblick statt Moment.

Auch hat er sich schöne neue Wörter ausgedacht, ohne die wir unser Leben heute nicht führen könnten: der "Lebenslauf", die "Lebensgefahr", "Kunstverstand", "Glaubens-" oder die "Gewissensfreiheit".

Darüber hinaus dichtete von Zesen aber auch viele Flops: der "Tageleuchter" statt "Fenster", der "Gesichtsendiger" statt "Horizont" oder das "Scheidezeichen" statt Komma.

Was uns das für heute sagt? Oder zeitgemäß mit einem Anglizismus gefragt: What's the insight for today? Dass wir längst nicht jedes englische Wort zu akzeptieren brauchen. Das "Heimbüro" oder der "Heimunterricht" stehen dem (sowieso pseudoenglischen) "Homeoffice" oder dem Homeschooling in nichts nach. Dazu würde "Heimarrest" passen - als Alternative für Lockdown. Wie gerne würde ich wissen, was Philipp von Zesen gesagt hätte. Vielleicht hätte er es auch einfach vermieden, das schlimme Wort zu verschlimmbessern - sondern die ganze Welt darauf hingewiesen, was auf den Lockdown folgt: die Lebensfreiheit!

Quelle: ntv.de