Leben

Von Unterwäsche bis Kontoauszug Aufräumen lassen ist Luxus pur

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Ganz so übertreiben müssen sie ja nicht gleich!

(Foto: imago/Rüdiger Wölk)

Mit "aufräumen lassen" ist nicht gemeint, dass jemand hinter einem herläuft und die Socken aufhebt. Damit ist gemeint, dass jemand so klar Schiff macht, dass man nie wieder auch nur eine einzige Socke auf den Boden fallen lässt!

Kleiderschrank aussortiert, Keller ausgemistet, Regale sortiert: Wer das in der "Corona-Zeit" allein geschafft hat, dem sei hiermit gratuliert. Wow! Ein Hoch auf alle, die das leisten konnten. Viele andere aber schließen lieber die Türen ihrer Einbauschränke und vermeiden so, das Chaos zu sehen. Und sich trennen von Dingen? Nicht immer leicht. Hier kann professionelle Hilfe die Lösung sein. Unsere Autorin hat mit zwei Frauen gesprochen, deren Job "Aufräumen" lautet. Für andere.

Rita Schilke aus Berlin ist eine von Ihnen. Seit zehn Jahren ist sie im Job und kann inzwischen davon leben. Doch es ist ein anstrengender Job, sagt sie. Aufräumen können viele, aber sich auf jemanden einlassen, das sei etwas ganz anderes. "Manche Kunden fragen, ob ich auch Psychologin bin. Bin ich natürlich nicht. Jedenfalls nicht per Schein." Aber Sensibilität sei wirklich vonnöten.

Das sagt auch Veronica Zapp, die eher im südlichen Raum Deutschlands unterwegs ist. Sie hat auf ihre Aufräum-Karriere noch eine Coaching-Ausbildung als Life-Coach draufgesattelt. "Aufräumen ist ja eine sehr persönliche Sache. Man bekommt alles zu sehen. Von der Unterwäsche bis zu den Gehaltsabrechnungen. Daher braucht man ein gegenseitiges Vertrauen."

Trauer- oder eher Konsum-Aufheber?

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Veronica Zapp wuchs selbst einmal alles über den Kopf.

(Foto: Andrea Muehleck)

So unterschiedlich die Menschen, so verschieden auch ihr Aufräumverhalten. Da gibt es die Realisten, die genau wissen, dass 25 Decken mindestens 15 zu viel sind. Trennen wollen sie sich trotzdem nicht von den Quilts, Plaits und Kunstpelz-Kuschelfellen. Und dann gibt es die Träumer, die vergessen, dass sie sich fast die gleichen schwarzen Schuhe schon vor einem Jahr gekauft hatten. Und im Jahr davor ebenfalls. Oder die Aggressiven, die horten, weil sie sich so sicherer vor der Welt fühlen. Oder die Trauernden, die sich nicht von Dingen trennen möchten, die einem geliebten Verstorbenen gehörten. Und dann die ganz vielen, die sich gerne belohnen, weil unsere Gesellschaft sich eben per Konsum belohnt und so immer mehr und mehr Dinge besitzen.

Irgendwann aber wird es zu viel. Und Menschen holen sich Aufräumprofis ins Haus. Veronica Zapp ging es einst genauso: Als junge Familienmutter wuchs ihr buchstäblich alles über den Kopf. "Ich habe zwei Kinder, wir haben gebaut, der Umzug stand vor der Tür, ich habe wieder angefangen, als Redakteurin zu arbeiten und dann wurden beide Schwiegereltern krank. Ich war zerrissen. Dann habe ich angefangen, systematisch auszumisten."

So geht es auch vielen ihrer Kunden: "Den Leuten wächst ihr Kram über den Kopf. Viele brauchen erst einmal eine Grundordnung. Mit einem Profi geht das leichter. Ein Profi hat keine Meinung zu den Dingen. Ein Profi sagt niemals: Das muss jetzt weg. Was für den einen Müll ist, ist für den anderen sehr wertvoll. Deswegen gibt es kein richtig oder falsch", so Zapp.

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Rita Schilke hat ein Buch geschrieben, das helfen kann.

(Foto: Rita Schilke)

Auch Rita Schilke fragt ihre Kunden lieber, als selbst zu entscheiden. "Ganz oft wissen die Leute gar nicht mehr, wozu sie etwas haben oder was sich in diesem oder jenem Karton verbirgt. Dann wird Ihnen von allein klar, dass etwas weg kann. Sie leiden ja darunter, zu viele Dinge zu besitzen. Meine Antwort ist: Der Berg ist zu groß. Und wenn der Berg zu groß ist, macht der Kopf zu."

So unterschiedlich beide Aufräumerinnen rhetorisch wirken, so sehr gleichen sie sich in dem, was am Ende dabei rauskommt. Die eine etwas bodenständiger, die andere etwas behutsamer. Aber letztlich geht es beiden Profis darum, ihren Kunden das Leben zu erleichtern.

Meist ist dabei der Anruf bei einer der professionellen Aufräumerinnen schon der erste Schritt. Und wenn Rita Schilke dann bei Kunden zum Termin erscheint, haben die manchmal schon mit dem Aufräumen angefangen.

Aufräumen kann man lernen

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Trotzdem geht sie methodisch vor. Setzt sich mit den Kunden erst einmal an den Tisch. Fragt nach dem Beruf, danach, wer alles in der Wohnung wohnt. Und überlegt dann mit dem Kunden gemeinsam, wo es am meisten drängt. Die Küche? Der Schreibtisch? Das Wohnzimmer?

Die Veränderung beginnt in der Auseinandersetzung mit den Dingen. Brauche ich das wirklich? Wo findet es seinen festen Platz? Aus Ratgebern kann man nicht so viel an Anleitung bekommen, meint Veronica Zapp. Trotzdem könne man Aufräumen lernen. "Jeder kann es schaffen, eine Grundordnung zu halten. Natürlich gibt es immer Hotspots - wie der Papierkram, der sich auf dem Küchentisch stapelt oder getragene Klamotten, die nicht weggeräumt werden. Reden wir zum Beispiel über eingehende Post: Da halte ich meine Kunden an, einen Platz dafür zu finden und dann zumindest einmal die Woche die Post zu öffnen. Und sich einmal die Woche die Zeit zu nehmen, sie zu beantworten bzw. die Rechnungen zu bezahlen."

Zapp sagt, ihre Kunden begännen, ihr Verhalten zu reflektieren. Ein anderes Konsumverhalten entwickle sich dazu parallel: "Das nächste Mal, wenn sie wieder eine weiße Bluse kaufen wollen, fangen sie an sich selbst zu fragen, ob sie sie wirklich brauchen." Trotzdem gibt es auch Kunden, die es bereuen, wenn etwas in der Tonne gelandet ist. So wie der Herr, der in seiner Garderobe einen Stapel an noch in Folie verpackten Hotel-Hausschuhen hortete. Für den Besuch. Als Schilke meint, dass dieser Besuch offensichtlich diese Hausschuhe nicht trage, da sie ja immer noch verpackt seien, wurden sie gemeinsam entsorgt. Doch einen Tag später kam der verzweifelte Anruf, wo die Hausschuhe seien. Rita Schilke ist froh, in diesem Fall immer genau zu wissen, was mit den Dingen geschehen ist. Der Herr habe die Hausschuhe dann noch "gerettet" und sei sehr erleichtert gewesen. Doch solche Fälle sind die Ausnahme.

Wie möchtest du leben?

Allen Kunden ist gemein, dass sie sich eher in einer besseren Einkommensklasse befinden. Akademiker zum Beispiel, die laut Schilke viel Energie in den Job stecken. Und abends keine Lust mehr haben aufzuräumen. Auch Zapp berichtet Ähnliches. Sie hat häufig mit Selbstständigen zu tun, die rund um die Uhr arbeiten und daher wenig Zeit für ihr Zuhause aufwenden.

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Schilke meint, im Grunde könnte man vieles auf einen Satz bringen: "Wenn etwas Neues kommt, muss etwas Altes gehen."Eine Philosophie, die auch auf vieles andere im Leben passt. Und sich bei Zapp so ausdrückt: "Ich frage meine Kunden: Wie möchtest du leben?"

Die Antwort darauf ist sicherlich eine sehr individuelle. Aber die Frage ist es wert, gefragt zu werden. Immer wieder. Nicht nur in Sachen Aufräumen.

Quelle: ntv.de