Leben

In Vino Verena Die ARD und ihr bräsiger Hipsterbart

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Die ARD hätte auch gerne so einen wie "Markus Lanz".

(Foto: picture alliance/dpa/ZDF)

Die neue Programmdirektorin der ARD plant einen Angriff auf das ZDF. Politik-Formate sollen hingegen zusammengestutzt werden. Unsere Kolumnistin über das Konkurrenzdenken zweier öffentlich-rechtlicher Sender, Polemik, den Bildungsauftrag und die Planung der Soko Pankow.

"Leider etwas zu links" und "mehr Mitte bitte". So lautet die knuffige 1-Sterne-Rezension, die mir neulich ein Schlawiner für meinen Podcast "Ditt & Datt & Dittrich" verpasste. Liebe Leserinnen und Leser, ich sage es gleich vorab zu dieser Kolumne: Ich trage etwas Sorge, die kommenden Gedanken und Fragen niederzuschreiben. Denn gern bedient man sich der Polemik, Leuten, die es wagen, etwas über (nicht gegen!) den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu sagen, in die rechte Ecke zu stellen, frei nach dem Motto: Du Rundfunk-Hetzer!

Eins vorab: Ich schreibe (seit Jahren) neben dieser Kolumne auch TV-Kritiken für ntv.de. Der Nachrichtensender gehört zur RTL-Gruppe. Ich bin es also gewohnt, wann immer ich über einen anderen Sender als den unsrigen schreibe, mir anhören zu müssen, ich sei "gekauft", "komplett RTL gesteuert" und solle lieber "vor der eigenen Türe kehren". Jaja, ich bin gekauft! Ich schreibe vernichtende Kritiken über die "Konkurrenz" - stets aus einer dunklen, asbestverseuchten Berliner Altbau-Butze. Das ist meine Zentrale! Ich fresse den ganzen Tag nur Haferbrei, und wenn ich nicht genügend Reich-Ranicki-hafte Worte finde, kommt ein sehr grimmig guckender RTL-Mensch in mein Wohnzimmer und zwingt mich 24/7 Aufzeichnungen des Musikantenstadls zu schauen. Wenn ich Pech habe, kommt sogar Joachim Llambi höchstpersönlich, und mal ehrlich: Da spurt man doch lieber!

"Wie die ARD das ZDF angreifen will"

Aber Spaß beiseite und hier nochmal in aller Deutlichkeit: Ich bin freie Autorin. Niemals hat mir irgendjemand vorgeschrieben, was ich kritisieren darf und was nicht. Ich kritisiere regelmäßig Sendungen wie das "Sommerhaus". Da bin ich dann komischerweise nicht "gekauft". Die öffentlich-rechtlichen TV-Sender: schwierige Kiste. Eine der neuesten Schlagzeilen (Spiegel) lautet: "Wie die ARD das ZDF angreifen will".

Liebe Leute der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, liebe Fernsehdirektoren und Intendanten, ich bin verwirrt! Vielleicht habe ich auch nur etwas falsch verstanden, aber: Wieso herrscht zwischen dem ZDF und der ARD und ihren in Rente gegangenen Omis und Opis, (deren üppige Betriebsrenten/Pensionen man nicht kritisieren darf, ohne eine Neiddebatte auszulösen) so ein Konkurrenzdenken?

Unabhängig davon, dass ich der festen Überzeugung bin, dass nahezu in allen Bereichen der Wirtschaft das Peter-Prinzip regiert, will mir die jüngste ARD-Programm-Attacke nicht in den Kopf. Warum machen die Anstalten nicht gemeinsam das, wofür sie vom Beitragszahler bezahlt werden? Den Bildungsauftrag erfüllen. Nicht in fremden Gefilden fischen und sich die letzten Kuchenkrümel nicht gönnen?

Es heißt, die ARD sei not amused, dass die Quoten des ZDF besser als die eigenen sind. Und was macht man da, statt zu fragen: Hey, wie können wir gemeinsam erfolgreich sein? Man plant einen "Angriff", wie etwa auf den sehr erfolgreichen gleichnamigen ZDF-Talk des immer besser werdenden Moderators Markus Lanz. Diese Attacke nennt man intern allen Ernstes "Neuausrichtung". Das ist ungefähr so innovativ, wie die x-te SOKO-Krimi-Reihe der vermeintlichen "Rivalen".

Die Balance zwischen Information und Unterhaltung

Hier kommt die Stelle, an der ich kurz abschweife und auf die ich mich schon die ganze Zeit freue: die SOKO. Einst ein TV-Hit mit dem Zusatz: "5113". Hat meine Mutter in den 80ern immer gern geschaut. Inzwischen aber - halten Sie sich bitte fest - gibt es die SOKO Wismar, SOKO Stuttgart, SOKO Kiel, SOKO Köln, SOKO München und die SOKO Kitzbühel. Hier mein Vorschlag: Ich gründe die SOKO Pankow und würde anschließend ausweiten wollen auf: SOKO Spahn, SOKO Scheuer, SOKO Schwippschwager und SOKO Klüngelei.

Neben dem ZDF-Angriff möchte die ARD die Anzahl investigativer Politikmagazine wie "Monitor" oder "Panorama" künftig zusammenstutzen. Denn kritische Berichterstattung, heißt es aus den Redaktionen, sei nicht nur "unbequem" und bei den Intendantinnen "unbeliebt", sondern schlicht "nicht mehr gewollt". Frank Überall, Politologe und Bundesvorsitzender des deutschen Journalistenverbandes, äußert sich über dieses Vorhaben wie folgt: "Wir wenden uns entschieden gegen jeden Versuch, die schon vor Jahren reduzierten Polit-Magazine der ARD weiter einzudampfen." Die "Balance zwischen Information und Unterhaltung", so der Journalist, habe "eine bedrohliche Schlagseite bekommen". Und hinter all dem steht auch die geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrags an.

Ist es tatsächlich polemisch, hier von einem Pseudo-Quotenkampf und einer Pseudo-Konkurrenz zu sprechen, die dem gemeinsamen öffentlich-rechtlichen Auftrag vollkommen konträr gegenübersteht? Anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und dem Auftrag nachzukommen, werden Angriffe geplant, um - ja, warum eigentlich? - wie ein Privatsender Quote zu machen oder Gewinne zu generieren, nur mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass man kein Privatsender ist.

Stattdessen ist die ehemalige Degeto-Geschäftsführerin und neue ARD-Programmdirektorin Christine Strobl offensichtlich wenig erfreut, dass der eigene Marktanteil 2,3 Prozentpunkte unter dem des ZDF liege. Hilfe, was für eine Katastrophe! Lasst uns das Programm umbauen! René Martens, Journalist bei der taz, hatte noch gehofft, die neue Programmdirektorin würde "weniger auf die Quote schielen als ihr Vorgänger".

Der lange Bart der Bräsigkeit

Die Tochter von Wolfgang Schäuble und Gattin des Innenministers von Baden-Württemberg, Thomas Strobl, möchte aber auch die ARD-Mediathek stärken und die Jugend mehr für den Sender begeistern. Das ist doch toll. Und natürlich kann niemand etwas für die Familie, in die man hineingeboren wurde, aber man fragt sich schon, ob eine so regierungsnahe, so mächtige Person Entscheidungen über den Sendeplatz und die Anzahl unabhängiger Politikmagazine haben sollte? Schließlich betont man immer wieder, sich gegen jeglichen Vorwurf der Regierungsnähe zu verwahren. Strobl selbst hatte einst im Jahre 2019 das Angebot der SWR-Intendanz mit der Begründung Interessenkonflikt abgelehnt.

Nun aber erfolgreiche Formate eines anderen öffentlich-rechtlichen Senders kopieren zu wollen, ist keine gute Strategie und offenbart vor allem eines: wie wenig Innovation an der Spitze dieses gigantischen Apparates herrscht. Der lange Bart der Bräsigkeit wird zwar auf Hipster-Form getrimmt, aber na ja, letztlich ist es dann eben ein bräsiger Hipster-Bart.

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind mit ihren kritischen Politik-Formaten stets ein gutes Kontrastprogramm zum freien Markt gewesen, obschon die wirklich kritischen Kracher - statt zur Primetime - meist nachts laufen, dann, wenn das geneigte Volk schläft.

Das Nervige zudem: Junge, wirklich medienaffine Menschen lachen sich kaputt, wie rammdösig es in den Fernsehanstalten zugeht. Als hätten sich die Entscheider an Dornröschens Spindel gestochen. Jüngstes Beispiel: Die peinliche Anpreisung des künftigen Programms als "das ganz große Sommerkino". Als habe der Zuschauer in seinem ganzen Leben noch nie etwas von Streaming-Diensten gehört. Und sie drehen einem Filme als absolutes Sommer-"Highlight" an, die man seit Jahren im Internet glotzen kann. Auch im Winter.

Zuletzt: Sprechen Sie mich ab jetzt bitte nur noch mit KOKO Dittrich an! Das ist eine Verschmelzung aus den Worten Kolumnistin und Kommissarin. Als KOKO Dittrich und Leiterin der SOKO Pankow garantiere ich Ihnen zwar keine "roten Rosen der Liebe", aber dafür die nächste Kolumne in zwei Wochen. Bleiben Sie kritisch!

Quelle: ntv.de

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