Leben

Ungiftig, flexibel, wohlriechend "Ein Holzhaus ist ein Lebensgefühl"

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Ein Holzhaus "hält quasi ewig".

(Foto: imago images/U. J. Alexander)

Nachhaltigkeit spielt auch beim Hausbau für viele Menschen mittlerweile eine Rolle. Dass Holzhäuser immer beliebter werden, hat aber auch noch andere Gründe. Und die haben mit Geruch, Gestaltung und einer Bohrmaschine zu tun, wie Architektin Julia Krüger im Interview mit ntv.de erklärt.

ntv.de: Warum haben Sie sich auf Holz spezialisiert, was reizt Sie daran?

Julia Krüger: Ich war schon immer fasziniert von Holz. Während des Architekturstudiums war eine Spezialisierung nicht möglich, aber dann habe ich für meine Familie ein Haus gebaut. Ich hatte mir immer geschworen, wenn überhaupt, dann baue ich für uns ein Holzhaus. Da habe ich dann begonnen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen und es nie bereut. Von den heute verwendeten Materialien wie Porenbeton oder Poroton bin ich überhaupt nicht überzeugt und Styropor als Wärmedämmung nenne ich "Giftmüll an die Fassade kleben".

Da Sie ja selbst in einem Holzhaus leben, wie ist denn das Wohngefühl?

Es riecht immer nach Holz. Wenn man mal in den Urlaub fährt und Fenster und Türen die ganze Zeit geschlossen sind, ist der intensive Holzgeruch nach der Rückkehr einfach schön. Und das Wohnklima ist angenehm, man hat erstaunlicherweise trotz der Luftdichtheit der Häuser, die sie ja heute haben müssen, nie Schimmelprobleme. Die Luftfeuchtigkeit ist so niedrig, dass manche sich sogar einen Luftbefeuchter reinstellen. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten wie zum Beispiel Lehm an den Wänden, der Feuchtigkeit nach Bedarf speichert und wieder abgibt.

Hält ein Holzhaus auch so lange wie ein Haus aus Stein?

Holz traut man irgendwie keine lange Lebensdauer zu. Aber Holz hält quasi ewig, wenn man es fachgerecht verbaut. Viele der ältesten Häuser und Konstruktionen sind aus Holz und nicht aus Stein. Früher konnte man allerdings nur baufeuchtes Holz verwenden. Da hat man Stämme geschlagen, sie vielleicht ein Jahr liegengelassen und dann verbaut. Heute haben wir es einfacher. Man arbeitet hauptsächlich mit Konstruktionsvollholz oder Brettschichtholz, das sind Naturhölzer, meist aus Fichte oder Kiefer, die technisch getrocknet und nicht mit chemischen Mitteln imprägniert werden.

Gibt es dann nicht Probleme mit Ungeziefer?

Nein, da geht nichts mehr rein. Kein Wurm hat Freude an dieser Art von getrocknetem Holz und in den technischen Trockenkammern überlebt nichts.

Wie steht es um die Sicherheit bei Holzhäusern?

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Das "Hoho" in Wien ist 84 Meter hoch und besteht fast nur aus Holz.

(Foto: picture alliance/dpa/Kito)

Ich sage meinen Bauherren immer: "Denken Sie nicht, dass Sie die Reste des Ständerwerks oder der Holzdämmplatten fürs Lagerfeuer verwenden können". Das kokelt vielleicht, aber brennen tut es nicht. Gefahr geht weniger von der Holzkonstruktion an sich aus, auch ein Mauerwerksbau kann brennen. Es kommt auf die Brandlast innerhalb des Hauses an, auf Gardinen, Sofas, Teppiche, Betten.

Bei Holzhäusern denkt man ja schnell an urige Almhütten oder die typischen roten Häuser aus Skandinavien. Wie sieht ein modernes Holzhaus aus?

Es gibt zwei Varianten. Die eine ist das Massivholzhaus. Ich wäre von der Bauweise überzeugt, wenn dem nicht die Energieeinsparverordnung entgegenstehen würde. Das Gebäudeenergiegesetz, wie es seit dem 1. November heißt, schreibt vor, dass man unter anderem das Haus zusätzlich zu der massiven Holzwand noch dämmen muss. Aber das ist nicht das Prinzip dieser Häuser. Früher wurden die vorwiegend im Alpenraum gebaut, man hat den Rohbau aufgestellt, Dach obendrauf und dann wurden sie mindestens ein Jahr stehengelassen. Das hat einen guten Grund: Das Haus "schrumpft", das heißt, die Holzkonstruktion sackt mit der Zeit bis zu 15 Zentimeter. Aber da man heute die Häuser sofort beziehen will, wartet man nicht mehr ab. Und Sie können sich vorstellen, was passiert, wenn ich vor eine Holzwand, die sich langsam nach unten setzt, eine steife Dämmebene stellen muss.

Was tut man dagegen, dass sich das nicht alles komplett verzieht?

Man installiert die Dämmebene aufwendig auf Rutschleisten. Wenn das Haus dann nach unten sackt, rutschen die Nägel mit. Und oben muss ich entsprechend bis zu 15 Zentimeter Luft lassen, verkleidet mit einem Brett, damit mir die Wand nicht bricht. Ganz abgesehen davon gehört die Dämmung eigentlich nach draußen. Früher hatten Blockhäuser im Obergeschoss auch keine Bäder, sondern nur Schlafzimmer, denn was macht man mit Heiz- und Abwasserleitungen, wenn das Haus sich setzt, die Rohre aber nicht? Da stecken meines Erachtens so viele faule Kompromisse drin, die es am Ende nicht mehr rechtfertigen, ein Massivholzhaus zu bauen.

Sie haben sich also für Variante zwei entschieden.

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Styropor zur Dämmung ist alles andere als klimafreundlich.

(Foto: imago stock&people)

Ich persönlich baue nur Holzständerwerkhäuser. Aber ich habe mich gegen die Fertigbauweise entschieden, weil bei der Herstellung häufig mit Folie gearbeitet wird. Ich sehe keinen Sinn darin, ein Holzhaus zu bauen, um dann Kunststoff zu verwenden. Ich versuche, möglichst ohne Kunststoffe auszukommen. Dummerweise sind die besseren Dämmstoffe auch hier die teureren Bauprodukte. Und da scheitert es häufig an den Bauherren, die zwar ihre Kinder zu "Fridays for Future"-Demos schicken, aber sich, wenn es um das eigene Haus geht, aus finanziellen Gründen lieber Styropor an die Wände klatschen. Hauptsache den billigsten Hausanbieter finden und sich dann aber keine Gedanken über verwendete Materialien und schlecht bezahlte, ausländische Bauarbeiter machen. Da hört die Liebe zum Klimaschutz und zu Forderungen nach fairen Löhnen oft auf.

Wie läuft der Bau eines Ihrer Holzhäuser ab?

Wir kriegen sozusagen ein überdimensionales Holzpuzzle auf die Baustelle. Es werden ausschließlich einzelne Balken geliefert, die sind nummeriert und die Holzverbindungen vorbereitet. Dazu gibt es einen riesigen Plan und dann fangen die Zimmerleute an, die einzelnen Balken entsprechend der Konstruktionszeichnung zusammenzusetzen. Bei einem normalen, zweigeschossigen Einfamilienhaus dauert der Ständerrohbau zwei Wochen. Und in vier Wochen ist die Außenhülle dicht, das geht recht schnell.

Was treibt die Menschen, die sich von Ihnen ein Holzhaus entwerfen lassen, an. Ist das vor allem das Thema Nachhaltigkeit oder gibt es noch andere Gründe, um sich gegen Beton und Co. zu entscheiden?

Ich denke, das ist ein Lebensgefühl. Die meisten, die zu mir kommen, waren vorher in einem anderen Holzhaus und haben festgestellt, dass ihnen das gefällt. Außerdem lieben es meine Bauherren, flexibel zu bleiben. Ich kenne kein einziges Bauvorhaben, bei dem wir nicht nachträglich Wände versetzt haben. Das ist im Holzbau überhaupt kein Problem, da sägt man eben ein Stück Holz raus, setzt was Größeres rein und fertig. Im Mauerwerksbau geht das nicht so leicht. Auch bei der Fassadengestaltung spielt Flexibilität eine Rolle, ich muss ein Holzhaus ja nicht immer mit Holz bekleiden.

Sondern?

Ich kann es verputzen, eine Schiefer- oder Metallfassade davorsetzen oder sogar eine Klinkerfassade, auch das kommt vor und macht ja gerade die Individualität des eigenen Hauses aus. In vielen, neu entstandenen Siedlungen würde ich mich jeden Tag fragen, welches war nochmal mein Haus? Alle mit weißer Putzfassade, schwarzen oder grauen Fenstern und einem grauen Dach drauf - ich kann sie nicht mehr sehen. Die Materialwelt ist doch so vielfältig. Man hat doch auch nicht jeden Tag eine blaue Jeans und ein weißes Hemd an, sondern kleidet sich individuell und ich denke, das sollte man auch auf sein Haus übertragen. Diese "kulturelle" Monotonie, die diese Fertighausfirmenwelt geschafften hat, ist schon beängstigend.

Welche Nachteile haben Holzhäuser?

Mir fällt kein Nachteil ein. Es gibt eher viele Vorteile. Ich sage den Bauherren immer: "Ihre Bohrmaschine können Sie verkaufen, kaufen Sie sich einen Akkuschrauber und Holzschrauben dazu und alles hängt ohne Kunststoffdübel an der Wand". Auch nachträgliche Umbauten sind recht einfach. Wenn der Statiker sein Ok gegeben hat, reichen meist eine Säge und der Akkuschrauber.

Mit Julia Krüger sprach Katja Sembritzki

Quelle: ntv.de