Leben

Der Denglische Patient German Gender

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In zweisprachigen Beziehungen kann es schon mal Verwirrung geben.

(Foto: imago/PhotoAlto)

Deutsch hat es, Englisch nicht: der, die oder das Gender - also das Geschlecht. Es macht den Sex männlich und die Party weiblich. Während das alles für Engländer oder US-Amerikaner ein Rätsel ist, kann es in zweisprachigen Beziehungen herrliche Missverständnisse erzeugen.

Man kann es weder übersetzen noch wirklich erklären, was mein englischer Freund Joe fühlt, wenn seine deutsche Freundin fragt, ob er "ihn" anmachen kann und ob er "sie" mag:

"Can you turn him on?"

"Do you like her?"

Während er sich in solchen Situationen wundert, über wen sie nun schon wieder spricht, ist in Wahrheit gar nicht von anderen Menschen die Rede. Vielmehr macht Joes Freundin das, was im soziologischen Neudeutsch auch als "gendern" bezeichnet wird: Sie gibt leblosen Gegenständen ein Geschlecht - rein grammatikalisch versteht sich. Schließlich hat sie nicht mehr als den Fernseher im Kopf. Und die neue Fernsehserie, die sie gemeinsam sehen - im Englischen beides "it": Please turn it on - the tv! Do you like it - the series? (Achtung! Klingt nach Mehrzahl, ist aber Einzahl.)

Missverständnisse wie diese bilden den sprachlichen Alltag in Beziehungen, in denen die Partner Englisch zur Verkehrssprache gemacht haben - damit sie sich überhaupt verstehen! Und da es von solchen Beziehungen alleine in Deutschland immer mehr gibt, kann es auch zu immer mehr Missverständnissen kommen. Da wird "the apple" auf einmal männlich, nur weil es für uns "der Apfel" ist. Und "the orange" wird weiblich, weil wir "die Orange" essen. Dasselbe gilt für "den Müll" oder "die Gebrauchsanleitung": "Did you take him down?", "I don't understand her" …

"Can you please do her?"

Jede sechste bis siebte Ehe, die in Deutschland geschlossen wird, soll mittlerweile mehrsprachig sein. Hinzu kommen unzählige weitere zwischenmenschliche Verbindungen - privat genauso wie im Büro. Entsprechend groß ist das Risiko, dass irgendwer auf Englisch fröhlich losgendert - und dabei ganz leicht die irrwitzigsten Doppeldeutigkeiten fabriziert. Zum Beispiel, wenn die Kollegin fragt: "Can you please do him?" Gemeint ist vielleicht der Bericht. Oder wenn der Kollege fragt: "Can you please do her?" Gemeint ist vielleicht die Aufgabe.

Für Joe ist es in solchen Situationen Fluch und Segen zugleich, Englisch als Muttersprache zu haben. Einerseits darf er sich wundern, wer nun schon wieder betreut, umgebracht, übers Ohr gehauen oder gar begattet werden soll - so weit die grobe Auswahl an Bedeutungen, die die englische Redewendung "to do someone" haben kann. Andererseits ist er nicht selten der Einzige, der die Ambivalenz bemerkt. So kann er im Sinne aller beteiligten denglischen Patienten vorsichtig zurückfragen:

Who are we going to care for/remove/have sex with/rip off?"

Es fällt nicht schwer, einzusehen, dass es für englische Muttersprachler auf Dauer keine dankbare Position ist, stets diejenigen zu sein, die die peinlichen Rückfragen stellen müssen. Gerade Briten haben damit bekanntlich ihre Probleme, wie nicht zuletzt der Twitter-Kanal "Very British Problems" gezeigt hat. Mit 4 Millionen Followern sind Alltagsprobleme wie dieses zum Welthit geworden: "Was macht ein Engländer, der den Namen einer Person nicht verstanden hat? Er verkneift sich die Nachfrage, lässt sich nichts anmerken und vermeidet in Zukunft, sie direkt anzusprechen".

Meinem Freund Joe kann ich allerdings keine Zurückhaltung vorwerfen. Im Gegenteil! Vielleicht liegt es daran, dass er als Reporter der BBC sein Geld damit verdient, Nachfragen zu stellen, die ins Schwarze treffen. Und weil er sich selbst immer wieder in der deutschen Sprache versucht, wollte er neulich noch etwas mehr über das Phänomen wissen, das ich hier als "German Gender" bezeichnen möchte.

Joe hatte bemerkt, dass wir britische Medien im Deutschen mal zu Männchen und mal zu Weibchen machen: "der Telegraph", "der Economist", "der Guardian", aber "die Times" oder "die Sun". Ich hielt die Antwort für relativ einleuchtend, gerade im Fall der Sonne. Wieso sollten wir daraus "das Sun" oder "der Sun" machen? Dasselbe gilt für "den Telegrafen", "den Ökonomen", "die Zeit".

Doch Joe ließ nicht locker: "Warum sagt ihr 'das Internet', aber 'der Spam' und 'die Webcam'?" Die Frage war berechtigt und ich gebe zu, dass ich sie mir noch nie gestellt hatte: Englische Lehnwörter, die ganz besonders in der digitalen Welt allgegenwärtig sind, werden auf eine Weise gegendert, die nicht immer sofort einleuchtet. Zum ersten Mal fiel mir auf, dass es in jedem Fall so etwas wie deutsche Patenwörter gibt, die wir zugrunde legen:

Das Netz - das Internet.

Der Müll - der Spam.

Die Kamera - die Webcam.

Dasselbe gilt für englische Wörter, die wir verkürzt haben. Aus "open-air concert" haben das "Open Air" und aus "flat rate" haben wir die "Flat" gemacht. Auch Joes Arbeitgeber BBC ist ein interessantes Beispiel. Wir nennen ihn "die BBC", weil wir sie als "British Broadcasting Corporation" für eine Korporation halten - also weiblich.

Ob das alles fair ist, bleibt freilich eine andere Frage. So ist "der Sex" männlich, weil er nun einmal vom Geschlechtsverkehr abstammt. Und "die Deadline"? Obwohl sie der Horror für jeden Kolumnisten ist und auch schon mal seinen Tod bedeuten kann, bleibt sie weiblich.

Quelle: n-tv.de

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