Leben

Als wäre alles für immer Kunst muss gezeigt werden, sonst ist sie tot

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Kunst muss diskutiert werden, findet das Sammlerkollektiv. (Videostill von Peggy Buth)

(Foto: Courtesy of Art'Us Collectors' Collective)

Sammler, die als Kollektiv handeln, sind eine Seltenheit. Das Art'Us Collectors' Collective teilt seine Kunstwerke mit einem breiten Publikum, bleibt aber selbst im Hintergrund. Zur Berlin Art Week gibt es im Kühlhaus eine Ausstellung, die niemanden kaltlassen wird. Ein Gespräch über Visionen und Emotionen. 

Kunst, die nicht gesehen wird, in Archiven lagert, ist vergessen. Kunst will und muss gezeigt werden. Nur, wenn das Werk gesehen wird, kann darüber diskutiert werden. Dann euphorisiert es Menschen. Dieser Meinung ist das "Art'Us Collectors' Collective". Vier Sammlerinnen und Sammler aus Berlin, Düsseldorf, München und Stuttgart haben sich zusammengetan und verfügen mittlerweile über eine Datenbank von über 1000 Werken. Sie wollen in erster Linie Kunst vermitteln, ihre gesammelten Kunstwerke mit vielen Menschen teilen. Spannend ist, dass sie in unterschiedlichen Bereichen - Fotografie, Malerei, Konzeptkunst - sammeln. Anlässlich der Ausstellung "Als wäre alles für immer. Von Prozessen und Nichtzugehörigkeiten" im Berliner Kühlhaus haben Gudrun Ruetz in Stuttgart und Florian Peters-Messer in Viersen via Zoom mit ntv.de gesprochen. Es geht um Anonymität, Kollektivgedanken, Streitthemen, Enthusiasmus und Emotionen.

ntv.de: Ihr Kollektiv besteht aus vier Sammlerinnen und Sammlern - es wird keine Fotos von Ihnen als Person geben. Spreche ich also mit einer Art Phantom?

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Bjarne Melgaard und sein Statement auf Leinwand zeigt: Kunst ist keine Dekoration.

(Foto: VG Bild Kunst Bonn, 2029, Björn Behrens)

Gudrun Ruetz: Nein, natürlich sind wir Menschen aus Fleisch und Blut. Wir wollen uns auch nicht verstecken, aber der Fokus unseres Kollektivs liegt auf der Kunst. Wer unsere Webseite besucht, wird sehen, dass wir dort Kunstwerke zeigen, die uns personalisieren.

Florian Peters-Messer: Unser Ansinnen ist es, für die Kunst zurückzutreten, die Anonymität ist da von großem Nutzen. Es geht um die Inhalte unserer gesammelten Künstlerinnen und Künstler.

Warum und wann haben Sie Art'Us Collectors' Collective gegründet?

Gudrun Ruetz: Wir sind seit fünf Jahren aktiv, da hatten wir unser erstes Ausstellungsprojekt. Kollektiv bedeutet für uns in erster Linie, dass wir gleichbedeutend sind. Alle reden mit gleicher Stimme, jeder ist gleichbedeutend in seiner Persönlichkeit, aber auch in seiner Kunst, die er sammelt. Uns geht es um Kunstvermittlung, indem wir unsere Sammlungen wie jetzt in Berlin teilen. Wir unterstützen aber auch andere Ausstellungsprojekte oder Kataloge finanziell und fördern junge Künstlerinnen und Künstler.

Die Kritiker sagen, dass in Kollektiven Verantwortung besser weggeschoben werden kann …

Florian Peters- Messer: Unsere Entscheidungsfindung läuft kollektivistisch ab. Wir setzen uns zu viert hin, reden, überlegen, ob wir dieses oder jenes Projekt machen wollen oder nicht. Dann ziehen wir an einem Strang und nichts wird versteckt. Für den kreativen Prozess der Umsetzung eines Projekts, wie jetzt bei der Ausstellung im Kühlhaus, beauftragen wir Experten.

Wo gibt es Streitpunkte?

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Immer in Bewegung, um die "Vision Kunst" mit möglichst vielen zu teilen. Eine Neonarbeit von Fiete Stolte

(Foto: Courtesy of Art'Us Collectors' Collective @Fiete Stolte)

Gudrun Ruetz: Kunst hat etwas mit Emotion zu tun, niemand sammelt Kunst, weil das ein Sachthema ist. Kunst ist immer die Emotion, die einen herannimmt, anfasst und begeistert. Sonst würden wir sie nicht kaufen. Wenn konträr über ein Ausstellungsprojekt nachgedacht wird, dann ist es ein interner Diskurs, den wir führen. Natürlich wird der auch mal emotional, weil es um eine Herzensangelegenheit geht.

Florian Peters-Messer: Ich würde mal ganz schlank sagen, richtige Streitpunkte gibt es nicht. Wir haben beruflich einen ähnlichen, nämlich betriebswirtschaftlichen oder juristischen Background. Wir sind in der Lage, ein Thema sachlich und zielorientiert zu betrachten. Ich bin allerdings manchmal etwas emotionaler. Von Zeit zu Zeit gibt es Unwuchten, was die Arbeitsverteilung betrifft. Aber das wuchtet sich beim nächsten Projekt wieder um. Worüber intensiv gesprochen wird, ist die Mittelvergabe. Das sind allerdings zielorientierte Gespräche. Wenn man Streit als etwas definiert, was durchaus eine emotionale Qualität hat, dann findet der nicht statt. Von emotionaler Qualität ist eher, dass wir uns sehr gerne mögen und auch mal ein Gläschen Wein zusammen trinken.

Was verbindet Sie jenseits der Kunst außer einem Glas Wein und dieser Emotionalität?

Gudrun Ruetz: Wir haben alle eine 5 vor unserem Alter, sind offen und spontan. Keiner von uns ist einer dieser Egoisten, die die erste Geige spielen wollen. Deshalb funktioniert auch das Kollektiv. Im Grunde haben wir überraschend festgestellt, dass wir in völlig anderen Städten, in unserem Alter, noch Freunde gefunden haben. Wir sind nicht die Buddies, die zusammen Abitur gemacht haben oder gemeinsam in den Urlaub fahren. Wir haben unterschiedliche Charaktere, über die Kunst aber haben wir uns kennengelernt und sie verbindet uns.

Was ist der Vorteil für Sie als Sammler im Kollektiv zu arbeiten?

Florian Peters-Messer: Es gibt zwei Dinge, die uns allen zu eigen sind: die Zusammenführung von Mitteln und unserer Kunst. Durch die Addition der Mittel kann man einfach mehr bewegen.

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"Kunst fühlt sich jeden Tag anders an“, sagt Gudrun Ruetz. Hier ein zwei Meter hohes Foto von Julian Röder, Protest gegen den EU-Gipfel in Thessaloniki.

(Foto: Courtesy of Art'Us Collectors' Collective @ Julian Röder))

Gudrun Ruetz: Da muss ich aber gleich dazwischen gehen. Ich möchte jetzt nicht die trockene Betriebswirtschaftlerin sein, die das Geld zusammensammelt. Eigentlich bist Du doch immer der Emotionale. Sammeln ist eine Leidenschaft und Passion, die uns allen sehr wichtig ist. Und wir wollen der Kunst, den Künstlerinnen und Künstlern, etwas zurückgeben. Die Auseinandersetzung mit der Kunst, die uns im täglichen Leben inspiriert, möchten wir weitergeben. Darüber hinaus ist es interessant, mit finanziellen Mitteln gemeinsam einen stärkeren Hebel zu haben.

Florian Peters-Messer: Diese Reihenfolge ist richtig. Gut, dass Du mich unterbrochen hast. Und als dritter Punkt ist wichtig, dass wir uns gegenseitig inspirieren und neue künstlerische Positionen kennenlernen.

Hat sich Ihr Blick auf Kunst durch das Kollektiv verändert?

Florian Peters Messer: Ja. Ich habe stark mit Konzeptkunst zu tun und über viele Jahrzehnte einen sich verschärfenden Blick entwickelt. Wenn ich jetzt mit Arbeiten konfrontiert werde, die auf einer anderen Ebene funktionieren, und ich mich damit auseinandersetzen muss, dann reißt das eine Betonwand weg.

Tauschen Sie die Kunst auch untereinander oder geht es nur darum, Kunst zu vermitteln und mit möglichst vielen zu teilen?

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Über die Brüchigkeit der Welt nachdenken, mal innehalten - das geht mit Kunst von Raul Walch.

(Foto: Uwe Walter)

Gudrun Ruetz: (lacht) So weit sind wir noch nicht. Wobei da schon mal Begehrlichkeiten erwachsen nach dem Motto: "Ach, das könnte ich mir auch mal aufhängen."

Warum ist das Teilen und damit Zeigen von Kunst für Sie so essenziell?

Florian Peters-Messer: Das ist ein wesentlicher Punkt, der uns vier verbindet. Wir haben so viel Kunst zu Hause und im Lager. Uns allen ist bewusst, dass Kunst ihre Wirkkraft nur entfalten kann, wenn sie in die Diskussion mit ihren Betrachtern kommt. Kunst ist keine Dekoration für Privatleute, sondern ist im Wesentlichen ein künstlerischer Ausdruck. Das Publikum kann sich neue Sichtweisen eröffnen. Wir sind davon beseelt, in die Kommunikation zu gehen, künstlerische Positionen in den Diskurs, nach außen, zu bringen und so etwas zurückzugeben.

Was macht die Kunst mit Ihnen persönlich?

Gudrun Ruetz: Kunst fühlt sich jeden Tag anders an. Selbst Arbeiten, die man schon sehr lange hat, sprechen einen täglich individuell an. Kunst schimmert nicht nur wie Malerei in unterschiedlichem Licht, sondern sie bringt unterschiedliche Seiten in uns zum Klingen. Sie ermöglicht es, dass wir uns selbst einen Schritt zurücknehmen und den vom Künstler avisierten Blick auf gesellschaftliche Themen erkennen.

Florian Peters-Messer: Für mich ist genau das das Wesentliche: Erkennen, dass es Möglichkeiten gibt, anders auf Fragestellungen zu schauen. Und noch eine Sache: Ich habe keine Kinder. Kunst ermöglicht mir, in die Denkweise anderer Generationen hineinzuschauen, wie zum Beispiel Digitalisierung oder den Umgang mit Sexualität. Ich bin 58, jemand der 27 oder 37 ist, sieht die Welt anders. Das erweitert meinen Blick auf die Welt, und erhöht mein Verständnis für das, was da draußen passiert.

Was erwartet das Publikum im Berliner Kühlhaus?

Florian Peters-Messer: Wir zeigen viele skulpturale und installative Arbeiten. Daher wird das eine sehr sinnliche Erfahrung, eine Ausstellung, die anders ist und zum Nachdenken anregt.

Gudrun Ruetz: Neben der Sinnlichkeit steht auch Brüchigkeit im Vordergrund. Wir erleben das momentan an uns selbst, dass wir uns Gedanken machen, wie es in dieser Krise weiter geht. Diese Brüchigkeit von Prozessen, erlernte Sicherheit, die verschwindet, das ist ein Kerngedanke der Ausstellung.

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Kunst im Kühlhaus wird "eine sinnliche Erfahrung", verspricht Sammler Florian Peters-Messer.

(Foto: Lower East)

Das Konzept hat Kurator Harald F. Theiss entwickelt. Dabei hatte er Zugang zu unserem virtuellen Schaulager, der gemeinsamen Datenbank. Sein kuratorisches Konzept entstand im Übrigen bereits während der Lockdown-Phasen. Er hat fragile, gesellschaftliche Entwicklungen mit der Kunst zusammengefügt.

Mit Gudrun Ruetz und Florian Peters-Messer sprach Juliane Rohr

Die Ausstellung "Als wäre alles für immer. Von Prozessen und Nichtzugehörigkeiten" läuft vom 15. September bis 1. Oktober im Kühlhaus, Luckenwalder Straße 3, 10963 Berlin. Mehr zu Art'Us Collectors' Collective hier

Quelle: ntv.de

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