Leben

Kontrolliertes Trinken Müssen Alkoholabhängige abstinent werden?

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Auch eine Reduzierung kann der Einstieg in den Ausstieg sein.

(Foto: imago/Panthermedia)

Für die meisten Alkoholabhängigen steht nach einem Entzug fest: Die Abstinenz ist der einzige Ausweg aus der Sucht. Doch mittlerweile gibt es einen alternativen Ansatz, der den Einstieg aus dem Ausstieg ermöglichen soll. Die Betroffenen dürfen weiter Alkohol trinken, aber in kontrollierten Mengen.

Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sind knapp 1,8 Millionen Menschen in Deutschland alkoholabhängig. Die direkten und indirekten Kosten alkoholbedingter Krankheiten werden auf jährlich 40 Milliarden Euro geschätzt. Wie aus einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2018 hervorgeht, wird jeder 20. Todesfall durch Alkohol verursacht.

Der Psychologe und Suchtforscher Prof. Dr. Joachim Körkel bietet einen alternativen Weg aus der Sucht an. Ihm zufolge dauert es im Schnitt neun bis zehn Jahre, bis ein Alkoholkranker professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. "Kaum ein Betroffener ist bereit, ein Behandlungsangebot wahrzunehmen, wenn Abstinenz vorgegeben wird. Behandlungsangebote zum Kontrollierten Trinken sind deshalb ein Weg, mehr Menschen an eine Suchtbehandlung heranzuführen", sagt der Experte in einem Gespräch mit n-tv.de. Der Weg des Kontrollierten Trinkens kann laut Körkel daher für Alkoholkranke ebenso eine Möglichkeit sein, aus der Sucht herauszufinden.

Kontrolliertes Trinken vs. Abstinenz

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Körkel hat bereits mehrere Bücher zum Thema "Kontrolliertes Trinken" veröffentlicht und begleitet Suchtkranke auf dem Weg in einen gemäßigten Alkoholkonsum. "Kontrolliertes Trinken bedeutet, dass jemand seinen Alkoholkonsum nach bestimmten Regeln ausrichtet", sagt er. Die Betroffenen entscheiden eigenständig, wann und wie viel Alkohol sie zu sich nehmen möchten. Körkel hält sich dabei zurück: "Es hat keinen Sinn, von außen etwas vorzugeben, was ich für richtig halte. Es könnte sie unter- oder überfordern", betont der Therapeut.

Eine Richtlinie könnten aber die jeweiligen Grenzwerte für risikoarmen Konsum sein. Das sind bei Männern laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen 24 Gramm reiner Alkohol täglich. Das entspricht 0,5 bis 0,6 Liter Bier oder 0,25 bis 0,3 Liter Wein. Für Frauen liegt der Grenzwert bei 12 Gramm am Tag, also bei halb so viel wie bei den Männern. Dazu sollten mindestens zwei alkoholfreie Tage in der Woche eingehalten werden.

Um wie viel und in welchem Tempo der Alkoholkonsum reduziert wird, bleibt den Betroffenen beim Programm zum Kontrollierten Trinken weitestgehend selbst überlassen. Nimmt ein Alkoholiker, der täglich 2 Liter Wein getrunken hat, zukünftig nur noch 1,5 Liter zu sich, wäre das gemäß dem Programm des Kontrollierten Trinkens schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung. "Wenn jemand von einer auf die andere Woche seinen Konsum um 25 Prozent reduziert, würde ich meinen Hut vor ihm ziehen", sagt Körkel.

Patienten, die mit dem Ziel des Kontrollierten Trinkens in seine Praxis kommen, frage er allerdings immer, was gegen eine Abstinenz spricht. "Ich will verstehen, wo der Patient steht und was seine Gründe sind, zumindest zurzeit keine Abstinenz anzustreben", betont Körkel. Man müsse zudem die oftmals vorhandenen psychischen Begleiterkrankungen wie beispielsweise Depressionen beachten und therapieren. Es gebe schließlich Gründe, weshalb ein Mensch übermäßig viel Alkohol trinke, und diese verschwänden nicht einfach von heute auf morgen.

Manchmal funktioniert Abstinenz einfach nicht

Nach Körkel belegen die vorliegenden wissenschaftlichen Studien, dass Behandlungen zum Kontrollierten Trinken mindestens so erfolgreich waren wie Abstinenzbehandlungen. Bei Experimenten mit Alkoholikern, von denen eine Gruppe den Weg der Abstinenz und die andere den des Kontrollierten Trinkens gewählt hatte, zeigte sich, dass die letztere Behandlung stets erfolgreicher war. Auch hätten insgesamt zwei Drittel seiner Patienten Erfolg mit dem Programm. Weiterhin würden sich 10 bis 30 Prozent der Teilnehmenden letztendlich doch für die Abstinenz entscheiden.

Das Ziel der dauerhaften Abstinenz erreichen nach den vorliegenden Erhebungen recht wenige Menschen. Körkel: "Zwei Drittel trinken spätestens ein Jahr nach einer stationären Entwöhnungsbehandlung wieder", erklärt der Psychologe. Weiterhin gebe es der Forschung zufolge Alkoholabhängige, für die eine Abstinenz einfach nicht funktioniert. "Es gibt Menschen, die waren dem Tod nahe und haben dann eine gute akzeptierte Form des Kontrollierten Trinkens gefunden", führt der Suchttherapeut weiter aus.

Nach Körkel ist das Kontrollierte Trinken für jeden Alkoholikertyp geeignet - für Pegeltrinker ebenso wie für Menschen, die nach längeren alkoholfreien Phasen regelmäßig die Kontrolle über ihren Konsum verlieren. Gegenüber dem sogenannten Suchtgedächtnis geht Körkel auf Abstand: "Das Suchtgedächtnis ist ein total überladenes ideologisches Konstrukt, das kein ausreichendes wissenschaftliches Fundament hat", sagt er. Der Betroffene erinnere sich beim Alkoholkonsum lediglich an vergangene Situationen und Empfindungen im Zusammenhang mit dem Trinken von Alkohol. "Genauso wie Sie Abstinenz lernen können, können Sie auch Kontrolliertes Trinken erlernen", betont Körkel.

Scheitern an der Mengenkontrolle

Körkels Therapieansatz wird seit Jahren unter trockenen Alkoholkranken diskutiert. Einer von ihnen ist Mitglied bei den Anonymen Alkoholikern (AA) und dort als Sachbearbeiter für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Er könne zwar nicht für die Gemeinschaft der AA sprechen, da diese nicht in öffentliche Streitthemen verwickelt werden möchte, aber von sich selbst und anderen Betroffenen, sagt er. Peter ist 74 Jahre alt und hat eine 20-jährige Trinkerkarriere hinter sich. Am Ende trank er täglich fünf Liter Bier. Nach mehreren kalten Entzügen gelang ihm vor 40 Jahren - unter ärztlicher Hilfe - der endgültige Ausstieg aus der Sucht.

Heute kommt bei dem ehemaligen Spiegeltrinker noch nicht einmal ein alkoholfreies Bier auf den Tisch: "Ich habe jeden Tag versucht, nicht zu trinken oder die Menge zu kontrollieren und bin wieder daran gescheitert", erinnert er sich. Seiner Meinung nach gibt es keinen anderen Weg als die vollständige Abstinenz für Alkoholiker: "Ein Versuch, kontrolliert zu trinken, würde bei mir mit Sicherheit scheitern. Es sind mir auch eine Menge Menschen begegnet, die mit alkoholfreiem Bier begonnen haben und wieder in der Klinik gelandet sind", sagt der trockene Alkoholiker.

Denn auch alkoholfreies Bier ist nicht gänzlich frei von Alkohol, meist sind 0,5 Prozent enthalten. Peter kennt niemanden, der ein Programm zum Kontrollierten Trinken absolviert hat. Er vermutet, dass jene, die eine solche Therapie beginnen, noch nicht bereit sind, sich vom Alkohol und von der Sucht zu trennen. "Der Rückfall beginnt nicht auf der Zunge und in der Kehle, sondern im Gehirn. Man fragt sich, ob man nicht doch ein Schlückchen trinken könnte", formuliert er seine Bedenken.

Allerdings hält der 74-Jährige das Kontrollierte Trinken für jene Menschen, die lediglich Alkoholmissbrauch betreiben, für sinnvoll. Alkoholabhängige hätten jedoch nur die Abstinenz als Alternative: "Saufen oder nicht saufen. Dazwischen gibt es nichts", sagt Peter.

Auch Körkel lehnt die Abstinenz als Ziel keineswegs ab: "Es geht darum, dass ich den Patienten auf dem Weg zu seinem persönlichen Ziel unterstütze. Ich begleite ihn auch zur Abstinenz, wenn er das möchte", sagt der Psychologe. Vor trockenen Alkoholikern habe er großen Respekt und rät diesen vom Kontrollierten Trinken ab: "Warum sollten sie ein Risiko eingehen, wenn sie wissen, dass dieser Weg funktioniert?"

Quelle: ntv.de