Leben
Manchmal muss man einfach die Hosen runterlassen, auch im tatsächlichen Sinn.
Manchmal muss man einfach die Hosen runterlassen, auch im tatsächlichen Sinn.(Foto: imago stock&people)
Sonntag, 11. November 2018

Pupse, Pickel, Pilze: "Tabus sind steinzeitliche Reflexe"

Yael Adler ist Hautärztin. Sie sieht jeden Tag nässende Wunden, Hämorrhoiden oder Haarausfall und spricht mit Menschen, denen diese Leiden hochpeinlich sind. Inzwischen ist die Ärztin Expertin für Körpertabus aller Art.

n-tv.de: Jeder Mensch pupst, muss aufs Klo oder hat mal einen Pickel. Warum schämen wir uns trotzdem dafür?

Yael Adler: Ein Grund sind steinzeitliche Reflexe, die immer noch in uns sind. Krankheiten und sichtbare Makel bereiten uns besonders bei anderen Unbehagen, weil wir uns oder unseren Steinzeitstamm ja anstecken könnten. Umgekehrt wollen wir aber auch nicht, dass wir diejenigen sind, die ausgestoßen werden. Außerdem stecken tief in uns Verbote und Gebote, die religiös oder gesellschaftlich weitergegeben werden. Das kann sein, dass man sich am Po nicht kratzt, man keinen Sex während der Menstruation hat oder nicht rülpst nach dem Essen. Wobei das natürlich von Kultur zu Kultur verschieden ist.

In Ihrem Buch sprechen Sie dieses Tabus ganz offen an. Warum?

Darüber spricht man nicht: Dr. med. Yael Adler erklärt fast alles, was uns peinlich ist
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Ich möchte nicht, dass alle Tabus fallen. Ich muss nicht vor anderen in der Nase popeln oder den anderen beim Klogang zusehen. Aber viele Menschen verlieren sehr viel Lebensqualität, weil sie still leiden, sich zurückziehen, vielleicht sogar in die soziale Isolation geraten, anstatt darüber zu sprechen. Manche Krankheiten wie Hämorrhoidalleiden, Mundgeruch, Ausfluss oder Haarausfall können auch chronisch oder in der Folge sogar unheilbar werden, wenn man sie aus Scham verschweigt. Und wenn man etwas Ansteckendes hat, muss man ja auch in Verantwortung für andere handeln, damit man beispielsweise Fußpilz, Warzen oder auch eine Geschlechtskrankheit nicht weitergibt.

Es scheinen ja oft die kleinen Dinge zu sein, die Menschen sehr unangenehm sind.

Die Alltagstabus, über die ich schreibe, sind die Top 20 aus meiner Praxis: Reizdarm, Blähungen, Mundgeruch, trockene Scheide, Depressionen, unschöne Nägel, Körpergeruch oder Hautanhängsel. Jeder hat andere Tabus, aber ich sehe jeden Tag im 30 Minutentakt Leute, die mit einem Thema kommen, bei dem sie mit sich selbst fremdeln. Ich merke, ich kann ihnen nicht helfen, wenn wir nicht darüber reden. Da steht oft sehr viel Scham im Raum. Ich versuche, dafür eine Vertrauensbasis zu schaffen, um dann Lösungsansätze zu vermitteln. Ich versuche ja auch in dem Buch zu zeigen, was kann man selber tun. Welche einfachen Mittel gibt es? Nicht alles hat eine schlimme Ursache, aber manchmal muss ich eben doch zum Arzt, damit es nichts Schlimmes wird.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Ja, Männer und Frauen haben einfach verschiedene Tabus. Männer haben das Thema Schnarchen sehr stark, den krassen Kontrollverlust, wenn sie in den Tiefschlaf fallen. Das widerspricht dem Bild vom kontrollierten, starken Jäger und Heldenmann. Erektionsstörungen sind auch ein Riesenproblem, bei jungen Männern ist oft Stress die Ursache, die Psyche. Bei Männern ab 40 kann aber auch ein ernstes Leiden dahinter stecken, deshalb nennt man die Erektion auch die Wünschelrute des Herzens. Dahinter steht die Erkenntnis, dass eine ausbleibende Erektion Vorbote eines Herzinfarkts oder einer Schlaganfalls sein kann.

Und Frauen?

Adler ist nichts Menschliches mehr fremd.
Adler ist nichts Menschliches mehr fremd.(Foto: imago/STAR-MEDIA)

Viele Frauen leiden besonders bei Blähungen. Das liegt an der Erziehung, die Mädchen signalisiert: Du bist eine Elfe. Du machst nichts Schmutziges. Bei dir ist alles sauber und wohlriechend. Deshalb haben Frauen oft große Hemmungen auf die Toilette zu gehen. Sie würden auch nicht pupsen, sie machen Musik an, damit andere nichts hören, zünden Streichhölzer an, damit andere nichts riechen oder vermeiden den Stuhlgang so lange, bis sie Verstopfungen bekommen. Das zweite Topthema der Frauen ist Haarausfall. Haare sind Sinnbild für Fruchtbarkeit, Weiblichkeit und Vitalität. Man sieht es sofort, wenn sie schütter werden. Das ist ein schlimmes Stigma für Frauen.

Wenn jemand beispielsweise stark riecht, scheut man sich ja oft im persönlichen Kontakt das anzusprechen. Wie lösen Sie das?

Ich reagiere schon, aber ich falle nicht mit der Tür ins Haus. Wenn jemand mit Mundgeruch kommt, schaue ich mir beispielsweise auch Zahnstatus und Zahnfleisch an. Viele Erkrankungen werden durch Infektionsherde oder die chronische Besiedlung mit ungesunden Bakterien in den Zahnfleischtaschen unterhalten und ausgelöst. Es drohen Haut-, Herz-Kreislauferkrankungen, Demenz und bei Schwangeren auch eine Frühgeburt.

Aber sagen Sie etwas?

Jeder riecht ja mal, aber wenn jemand öfter aus dem Mund riecht, so dass er in die soziale Isolation geraten könnte und er merkt es normalerweise selbst nicht, dann hat man schon eine Verantwortung, ihn einfühlsam darauf anzusprechen. Ich tue das. Es gibt aber auch den Fall, dass Leute eine Hallitophobie haben, eine übersteigerte Angst vor Mundgeruch. Die reden nicht mehr mit anderen, weil sie denken, sie riechen. Vielleicht hat denen irgendwann mal jemand gesagt, sie riechen. Menschen sind da oft grausam.

Dem gegenüber stehen beispielsweise Phänomene, wie das, bei dem sich Menschen im Internet ansehen, wie Pickel ausgedrückt werden. Wie erklären Sie sich das?

Jeder Mensch hat natürlich eigene Vorlieben, das mit dem Pickel-ausdrücken ist noch einmal ein eigenes Ding. Psychoanalytiker sagen, das erinnert an eine Ejakulation, an eine orgastische Eruption. Wenn Frauen Männern ihre Pickel ausdrücken, haben sie quasi einen kleinen Höhepunkt. Man kann es auch mit einer Geburt oder einem handwerklichen Erfolgserlebnis vergleichen. Wenn ich in der Praxis beispielweise einen Abzess eröffne, finden sich dafür auch immer begeisterte Mitarbeiter. Da ist ein Krankheitsprozess, man entfernt ihn und schon ist der Patient quasi geheilt. Der Schmerz ist weg, das Ungesunde auch. Das ist einfach wahnsinnig befriedigend.

Durch die sozialen Netzwerke sehen wir jede Menge andere Körper. Hat sich dadurch unser Gefühl für Scham verändert?

Im Internet hat man schon Zugang zu Informationen, die durchaus tabubesetzt sind. Man kann jede Frage stellen und in einem Forum anonym diskutieren. Man bekommt auch Antworten, aber die sind oft falsch und nach meiner Erfahrung oft auch gefährlich falsch. In der Realität vergleichen wir uns aber mit Gesichtern und Körpern, die im Internet, bei Instagram, im Fernsehen oder auf Magazincovern zu sehen sind. Selbst viele Selfies, die wir geschickt bekommen, sind gephotoshoppt und entsprechen nicht dem echten Menschen. Manchmal muss man sich das klarmachen, wenn man eine nicht gebleachte Pofalte sieht, Pickel, Dehnungsstreifen oder Cellulite. Vor allem junge Leute, denen vielleicht gerade niemand sagt: Du bist ein toller und liebenswerter Mensch, stresst das sehr.

Sie schreiben, wir waschen, rasieren, cremen zu viel und machen damit bestimmte Dinge erst schlimm. Inwiefern?

Ich beschäftige mich ja sehr ganzheitlich mit dem Körper, nicht nur mit der Haut. Ich schaue mir auch den Stuhlgang an, die Darmflora, die Blutzusammensetzung, die Hormone, das Nervensystem. Ich sehe, dass Haut und Körper von der Natur so geschaffen sind, dass da immer ein Sinn dahinter steckt. Durch unsere Manipulationen verschlechtern wir viele Schutzmechanismen, die wir haben. Unsere westliche Zivilisationskost verändert beispielsweise unsere Darmflora, das macht uns krank. Die Bakterien produzieren weniger Vitamine für uns und lösen diese auch weniger aus dem Nahrungsbrei heraus. Trotz voller Teller fehlen uns in der Folge oft Mikronährstoffe im Blut. Gesundheitsförderliche Bakterien liefern Schutzstoffe, Krankmacher dagegen Giftstoffe. Die Balance der Darmbakterien ist bei vielen gestört. Und wer sich zweimal am Tag komplett duscht und abseift, zerstört die Schutzmechanismen der Haut. Dann bekommen wir Hautkrankheiten wie Allergien, Pilzinfektionen, Ekzeme, trockene Haut. All die Seifen, Cremes, alkoholische Tonics, Körperlotionen sind unserer Haut zu viel. Nichts davon braucht die Haut. Sie reinigt sich quasi selbst, sie fettet sich selbst und sie hat einen Säureschutzmantel, um Erreger abzuhalten.

Aber gegen ein wenig Gesichtscreme ist doch sicher nichts einzuwenden, schon wegen der Falten?

Anti-Aging Cremes sind unsinnig, weil sie nicht tief genug in die Haut eindringen können. Auch das verhindert die Hautbarriere. Aber das Thema Altern ist auch eines der großen Tabu-Themen, deshalb kaufen die Leute wie verrückt Dinge, die sie eigentlich nicht brauchen. Weil sie hoffen, dass sie so nicht sterben werden, nie krank werden und dass man ihnen ihr Alter auch nie ansehen wird. Aber das funktioniert natürlich nicht. Nicht mal, wenn man mit Hyaluron oder Botox nachhilft. Sie werden ja dadurch nicht jünger oder liebenswerter. Ich verurteile das nicht, ich bin da auch nicht moralisch. Aber man soll nicht glauben, damit dem Tod von der Schippe zu springen. Das ist eine Kränkung, die wir Menschen hinnehmen müssen. Und es wäre gut, dem gesunden Körper gegenüber Dankbarkeit zu entwickeln und nicht immer nach den Makeln zu gucken. Dazu gehört auch, zu schauen, was kann ich für meine Seele tun. Gute menschliche Beziehungen, Liebe und Berührungen machen wahnsinnig glücklich und damit fühlt man sich auch viel schöner. Sport und gesunde Ernährung sind manchmal besser als jede Botox-Spritze.

Mit Yael Adler sprach Solveig Bach.

Quelle: n-tv.de