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In Vino Verena True Crime: Lachen über reale Verbrechen

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Kriminalfälle über wahre Verbrechen ziehen die Menschen magisch an.

(Foto: Canva)

Mord und Spurensuche: Verbrechen faszinieren die Menschen seit jeher. Auch True-Crime-Podcasts boomen. Dabei wird leider sehr oft der eigenen Sensationsgier gefrönt. Viele Podcasts lassen vor allem eines vermissen: den Respekt vor den realen Opfern und ihren Hinterbliebenen.

"Das machst du gefälligst nicht nochmal! Du jagst Anja Angst ein!" Ich sitze an einem großen Familientisch, mir gegenüber sitzt meine Cousine und über den Tisch gebeugt steht meine Tante und schimpft. Es sind Sommerferien, ich bin etwa elf, zwölf Jahre alt und bei Anja zu Besuch. In der Nacht zuvor hatte ich ihr ein paar gruselige Geschichten erzählt und ich erinnere mich noch, ihr von dem Krimi "16 Uhr 50 ab Paddington" berichtet zu haben, der mich so faszinierte, dass ich unbedingt Detektivin wie die scharfsinnige, legendäre Miss Marple werden wollte.

Seit jeher fühlen sich Menschen von gruseligen und düsteren Geschichten magisch angezogen. Schaurige Geister- Horror- und Verbrechen-Storys lassen uns das Blut in den Adern gefrieren. Es ist die Faszination am Unbekannten, fiktiv oder nicht. Sie ist absolut menschlich und hat nichts damit zu tun, dass Leute, die gern Thriller schauen oder lesen, psychisch - sagen wir es salopp - einen Schlag weghaben.

Wahre Verbrechen - True Crime: Es gibt so viele Kriminalfälle, die so grausam oder mysteriös sind, dass sie uns nicht mehr loslassen. Im Internet gibt es ganze Foren, in denen sich Hobby-Ermittler sogar recht erfolgreich auf Spurensuche begeben und sogar zu der Aufklärung von Mordfällen beigetragen haben, die Jahre, teils Jahrzehnte zurückliegen. Zwei Beispiele: Ein junger Mann fährt mit Freunden in den Urlaub. Sommer, Sonne, Strand und Party. Nach einem Streit platzt sein Trommelfell, die Heimreise muss verschoben werden. In den Tagen darauf kommt es zu mehreren unerklärlichen Zwischenfällen. Die letzten Bilder, die ihn lebend zeigen, zeichnet eine Überwachungskamera auf. Zu sehen ist ein junger Mann, der panisch aus einem Gebäude stürmt und seit nunmehr sieben Jahren wie vom Erdboden verschluckt ist.

Das lukrative Geschäft mit wahren Verbrechen

In Malta verschwindet ein 17-Jähriger unter höchst mysteriösen Umständen. Ein guter Schüler, der die Natur liebt und überaus sportlich ist. Der erste Urlaub ohne Eltern. Nach einem Ausflug mit dem Rad kehrt er nicht zurück. Es beginnt eine zermürbende Suche des Vaters nach dem geliebten Kind. Tage später wird der Sohn gefunden. Tot. In einer Felsspalte. Bei der Obduktion wird festgestellt, dass der Leichnam nur noch 16 Kilogramm wiegt und fast sämtliche Organe fehlen. Das Opfer soll sich bei dem vermeintlichen Todessturz den Rücken gebrochen haben, was nicht stimmt. Der junge Mann hat weder Sturzverletzungen noch größere Wunden. Gehirn, Lungen, Nieren, sogar sein Herz - nicht mehr vorhanden. Die Theorie, dass es sich um Tierfraß handelt, wurde von Gerichtsmedizinern widerlegt.

Das sind die Fakten. Die reinen Fakten. Ich schneide diese beiden Fälle ganz bewusst an. Weil oft über sie gesprochen wird. Doch nicht, dass über diese mysteriösen Fälle öffentlich gerätselt wird, ist das Problem, sondern wie!

Nun mögen einige von Ihnen vielleicht keine Podcasts hören, aber es gibt ein ganzes Genre, das sich nur mit Mord und Totschlag beschäftigt. Ich will das in keinster Weise aburteilen, es gibt durchaus gute Krimi-Podcasts, in denen Mordfälle faktenkundig und seriös beleuchtet werden. Podcasts, in denen Gerichtsmediziner, Kriminologen oder Profiler zu Wort kommen. Experten eben. Leute, die jahrelang Erfahrung mit Strafprozessen und Gerichtsberichterstattung haben, Psychiater, Gutachter. Damit will ich aber nicht sagen, dass man erst Psychologie, Medizin oder ein Kriminalistik-Studium absolviert haben muss, um einen guten Kriminal-Podcast zu machen.

Ein Cocktail aus Sensationsgier und Palaver

Jeder, der über True Crime reden will, darf darüber reden. Und das machen sie - die Podcaster. Gern auch mit der sogenannten ASMR-Methode, bei der für zusätzlichen Thrill ins Mikro gehaucht, geflüstert und geraschelt wird. Jeden Tag werden es mehr und man fragt sich, wie es so schnell so viele werden konnten. Die Antwort ist einfach: Weil Verbrechen kommerziell auszuschlachten, eine lukrative Einnahmequelle ist. Statt sich aber mit dem Fall seriös zu beschäftigen, setzt man oft gezielt auf Effekthascherei. Alles muss immer noch blutiger und noch gruseliger sein.

Und so vermischt sich die Faszination oft zu einem Cocktail aus Sensationsgier und peinlichstem Palaver - meist von Leuten, denen es offensichtlich nicht an Grips fehlt, sondern vor allem an Respekt. Den Opfern gegenüber, aber auch den Hinterbliebenen. Jenen, die sich wie die Eltern der hier kurz geschilderten Fälle immer noch die quälenden Fragen stellen: Was genau ist mit meinem Kind geschehen? Die sich noch immer täglich an den Rechner setzen und nach neuen Spuren und Antworten suchen. Weil da immer die Hoffnung ist, irgendwann die ganze Wahrheit zu erfahren. Oder bei Vermissten, dass sie vielleicht doch noch zurückkommen.

Es sind - wie im Fall der beiden jungen Männer - für die Angehörigen oft Jahre der Ungewissheit. Und dann stößt man als Vater, Mutter, Bruder oder Schwester auf einen Podcast, in denen die Hosts respektlos über das Schicksal eines vermissten oder ermordeten Menschen schwadronieren. Denn nichts anderes ist es oft. Zwischendurch lässt man auch schon mal einfließen, was es zum Mittag gab oder dass hoffentlich das schöne Wetter noch ein bisschen anhält.

"Recht witzige Folge über den Axtmörder"

Denn über Menschen zu sprechen, die grausam ermordet wurden, ist ja ach so unterhaltsam. Pietät? Ein bisschen mehr Feingefühl? Oft Fehlanzeige. Neulich lauschte ich ein paar Crime Podcasts. Mal ging es um ein vermisstes Kind, mal um eine Frau, die in den Sechzigerjahren auf dem Weg zu ihrer Arbeit verschwand. Jahre später wurden ihre Überreste in einem Moor gefunden, unweit der Stelle, an der man sie das letzte Mal gesehen hatte. Die Hosts orakeln wild herum. Gekichert und gegrunzt wird auch nicht zu wenig, viele Aussagen sind unpassend wie sie auch selten dämlich sind. Unfassbar dämlich, um genau zu sein. Das klingt dann in etwa so: 'Ja, wow, voll das Karomuster.' (…) Boah, weiß nicht, Schlaghosen sind ja gar nicht meins. (…) Das ist der Mörder? Voll das Hemd!'

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Wer jetzt meint, das hört sich doch keiner an, irrt. Die Rezensionen lesen sich zum Teil so erschreckend, dass man annehmen könnte, es handele sich um einen Comedy-Podcast. Manche schreiben: "Ihr seid so witzig! (…)" oder: "Recht witzige Folge über den Axtmörder."

Ich will niemanden seine Lust madig machen, Crime Podcasts zu hören. Ich schaue selbst gern Krimis. Aber wir sollten bei alldem niemals vergessen, dass es einen Unterschied macht, ob man sich eine fiktive Serie im TV anschaut oder ob man sensationsgeilen Labertaschen dabei zuhört, wie sie über echte Fälle und Menschen schwadronieren, denen ganz real unermessliches Leid widerfahren ist. Und denen es scheinbar egal ist, dass da draußen immer noch Angehörige sind, die nach Antworten suchen und die sich gegebenenfalls anhören müssen, dass die ermordete Tochter oder der verschwundene Sohn einen recht coolen Modegeschmack hatte.

Quelle: ntv.de

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