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Ungenügend, setzen! Das Dilemma mit den Schulnoten

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Sind Schulnoten unnötig und schlecht für alle Beteiligten?

(Foto: imago/photothek)

Zu ungerecht, zu wenig vergleichbar, zu destruktiv: Seit Jahrzehnten diskutieren Pädagogen und Bildungsforscher über den Sinn oder Unsinn von Zensuren. Sind Schulnoten noch zeitgemäß?

Der Streit um Schulnoten ist uralt. Sie machen Schüler zu willenlosen "Auswendiglernmaschinen", sagen die einen. Habt euch nicht so, wir brauchen Noten, sie sind Ansporn und Orientierungshilfe, sagen die anderen. Die Ziffern von 1 bis 6 können für Stress, Angst und Verzweiflung sorgen, aber auch für unbändigen Stolz.

Seit Jahrzehnten stehen Zensuren in der Kritik, weil sie nur die guten Schüler motivieren. Schlechte Noten hingegen entmutigen und bremsen schon bei kleinen Kindern den Willen, Neues zu lernen, warnen Bildungsforscher.

Viele Studien zur Benotung stützen die Vorbehalte der Kritiker. Je nach Klassenzusammensetzung, ob Hauptschule oder Gymnasium, je nach Stadt oder Land fallen die Zensuren für einen Schüler anders aus, auch wenn er das Gleiche dafür leistet. Im Durchschnitt erhalten Mädchen bessere Zensuren als Jungen, bekräftigen mehrere Untersuchungen. In anonymen Befragungen geben Lehrer zudem selbst zu, dass in ihre Bewertung nicht nur die abgelieferte Leistung einfließt.

Zwar sickern diese Forschungsbefunde zunehmend in die Praxis durch. Viele staatliche Grundschulen haben die Bewertung mit Ziffern bereits abgeschafft, einige Bundesländer stellen den Schulen bis zur 9. Klasse frei, ob sie Noten vergeben. Auch Gemeinschaftsschulen, die die Schüler von der 1. Klasse bis zum Abitur unterrichten, haben die Notenvergabe bis zum gesetzlich möglichen Limit verbannt.

Dennoch sind Noten in den meisten Schulen als Bewertungssystem fest etabliert. Daran hat auch die jahrelange Kritik wenig geändert. Die überwiegende Mehrheit der Eltern will wissen, wo ihre Kinder stehen. Doch kann man mit sechs Ziffern wirklich die Leistung eines Kindes beurteilen?

n.tv.de hat Schüler, Pädagogen und Bildungsforscher gefragt: Sind Zensuren noch zeitgemäß?

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands:

  • "Jeder weiß, dass Ziffernnoten immer auch eine subjektive Komponente haben, von Vergleichsgruppen (Klassen) abhängig sein können und daher letztlich im Einzelfall nicht völlig objektiv sind. Trotzdem gibt es gute Gründe, warum in keinem Land der Welt auf Noten im Schulsystem verzichtet wird, auch in den angeblich so fortschrittlichen skandinavischen Ländern nicht, zumindest, was Abschlussprüfungen betrifft.
  • Zum einen hat sich gezeigt, dass Verbalbeurteilungen nicht objektiver, dafür aber kaum vergleichbar und damit für Schüler, Eltern und Schulabnehmer schwer lesbar sind.
  • Zum anderen würde der Verzicht auf Noten in der Schule dazu führen, dass nicht Schulnoten, sondern andere Kriterien, Verbalisierungs- und Selbstdarstellungsfähigkeit, Beziehungen, Einfluss von Eltern, Zusatzqualifikationen wie Auslandsaufenthalte, die vor allem vermögende Eltern finanzieren können, zu den entscheidenden Kriterien werden, aufgrund derer Arbeitsplätze, Anstellungen und Studienplätze verteilt werden.
  • Außerdem zeigen wissenschaftliche Studien auch: Die Einzelnote mag manchmal ungerecht sein, die Durchschnittsnoten in der Summe sind es nicht. So weist die Abiturdurchschnittsnote immer noch die höchste Prognosekraft dafür auf, ob - bezogen auf die Mehrzahl der Studienfächer - ein erfolgreicher Abschluss erzielt werden kann.
  • Und im Übrigen: Auch die große Mehrzahl der Betroffenen, der Schüler und Eltern, lehnt Ziffernnoten nicht ab. So lautet eine der häufigsten Fragen der Erst- und Zweitklässler, die noch keine Noten erhalten, bei Herausgabe einer Schularbeit: Können Sie mir sagen, was das für eine Note wäre?"

Silke Lembcke, Lehrerin einer Lerngruppe der Schulanfangsphase an der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule in Berlin:

  • "Seit 2002 unterrichte ich, ohne Noten zu geben und ich muss sagen, ich vermisse sie nicht. Denn sie sagen nichts darüber aus, was ein Kind wirklich kann. Lediglich SchülerInnen, die die Note 1 erhalten, wissen, dass sie die Anforderungen erfüllt haben. Es wird aber nicht erfasst, was sie darüber hinaus können. Die anderen Noten erklären nur, dass nicht alles richtig war.
  • Zeitgemäß sind kompetenzorientierte Rückmeldungen, denen zu entnehmen ist, welche Fähigkeiten bereits erworben wurden. So steht das Lernen im Mittelpunkt und nicht die Note am Ende. Das ist Grundlage dafür, das eigene Lernen zu gestalten, je nach Möglichkeit schneller oder langsamer voranzukommen und die eigenen Leistungen zu vergleichen. Ein Kind, das endlich gelernt hat, zwei Buchstaben zusammenzuziehen, würde sich in der Note nicht verbessern. Aber wie motivierend ist es, wenn es die Rückmeldung bekommt: 'Du hast so intensiv geübt, nun kannst du schon zwei Buchstaben zusammenziehen. Bald kannst du lesen!'
  • Noten sind aus meiner Sicht nicht dazu geeignet, weiter zu forschen. Besser als 1 geht ja nicht. Wozu also soll man weitermachen? Natürlich sind viele in der Lage, sich mit Noten zu arrangieren. Aber es gehen auch Individuen verloren und unsere Gesellschaft braucht jeden Einzelnen."

Tobias Berlinger, Lehrer am Hildegardis-Gymnasium in Kempten, ausgezeichnet mit dem "Deutschen Lehrerpreis 2017":

  • "Ich denke, sie gehören nicht abgeschafft. Allerdings muss darauf geachtet werden, dass sie sinnvoll und gerecht vergeben werden. Die Schüler müssen das Gefühl haben, dass die Noten gerecht sind. Schlechte Noten dienen dahingehend der Weiterentwicklung des Schülers, dass der Lehrer und der Schüler darüber reden, was der Schüler tun kann, um sich zu verbessern. Hier ist die Art und Weise der Kommunikation untereinander sehr wichtig.
  • Noten dienen auch der Entwicklung der Selbsteinschätzung der Schüler. Nach einer Abfrage in der Oberstufe frage ich oft die Schüler, welche Note sie sich selber geben würden und meistens kommen wir zum ähnlichen Ergebnis."

Linn Rietze, ehemalige Schülerin an der IGS/Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen, Deutschlands beste Schule 2011:

  • "An der Schule hatten wir bis zur 8. Klasse keine Noten. Unter den Klausuren hatten wir meist kleine Tabellen, in denen anhand folgender Smileys :) :| :( Bewertungskriterien angekreuzt wurden. Am Ende eines jeden Halbjahres haben wir Lernentwicklungsberichte bekommen, in denen unsere Klassenlehrer auf mehreren Seiten einen ausführlichen Bericht über unsere persönlichen und schulischen Entwicklungen geschrieben haben. So hatten wir und unsere Eltern einen viel besseren Überblick über unsere tatsächlichen Leistungen, statt nur eine Zahl vor uns zu haben."

Henrike Paede, stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Elternverbandes:

  • "Gegen eine Rückmeldung zur Leistung eines jeden Schülers ist nichts einzuwenden. Dies soll aber differenziert, gut begründet, nachvollziehbar und nicht pauschal geschehen. Die bayerische Grundschule ist dabei auf einem recht guten Weg. Hier gibt es differenzierte Bewertungen innerhalb der verschiedenen Kompetenzen sowie Lernentwicklungsgespräche.
  • Gute Schüler haben mit Noten kein Problem, bei schlechten werden sie jedoch zu Motivationskillern. Dies hängt damit zusammen, dass Schüler schulsystembedingt hauptsächlich für ihre Noten lernen und nicht, weil die zu lernende Sache an sich interessant ist. Dementsprechend wird das Gelernte nach der Prüfung schnell wieder vergessen. Das nennt man Bulimielernen.
  • Unter dem Druck von Noten lernt es sich nicht gut, schlechte Schüler leiden darunter mehr als gute und werden im Lernprozess dadurch behindert; so nimmt eine Abwärtsspirale ihren Anfang. Somit können Noten auch gute Leistungen verhindern, vor allem, wenn man die unterschiedliche Stressresistenz der Schüler in Betracht zieht.
  • Noten bieten nie ein objektives Bild der Leistung eines Schülers. Die Einschätzungen der Lehrer hängen sogar von skurrilen Faktoren ab wie Vorname, Brille ja oder nein, Mädchen oder Junge. Gleichwohl entscheiden Noten über die Laufbahn der Schüler im Sinne einer leider gewollten sozialen Selektion.
  • Nach unserer Meinung haben Noten ein viel zu starkes Gewicht und behindern die Lernfreude, wodurch nachhaltiges Lernen verhindert wird. Die Schule arbeitet somit gegen sich selbst - welch ein Widersinn!"

Mathilda Mielenz/Luna Lindhof/Meret Koppetsch, Neuntklässler in einer Lerngruppe der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule in Berlin:

  • "Wir lernen zusammen an einer Gesamtschule und konnten auch ohne die Ziffern 1-6 jederzeit sehen, wo wir standen und wo unsere Schwächen und Stärken liegen. Durch sogenannte Kompetenzraster wurden wir halbjährlich sehr ausführlich bewertet und konnten uns auch untereinander vergleichen. Wir glauben, schlechte Noten setzen einen ziemlich unter Druck. Deshalb finden wir es gut, erst am Ende der 9. Klasse zum ersten Mal Noten zu bekommen - und freuen uns sogar ein wenig darauf."

Quelle: ntv.de

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