Panorama

Social Media und Comics Deutscher stellt die Uffizien auf den Kopf

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So direkt bekommt die Uffizien gerade kein Besucher zu sehen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eike Schmidt, der Direktor der Florentiner Gemäldegalerien, sorgt immer wieder für Aufregung. Mit Social Media, Comicfiguren und Likes bringt er die Besucher dazu, auch in Corona-Zeiten in die Welt der Meisterwerke abzutauchen.

Auf der Tiktok-Seite der Florentiner Gemäldegalerien Uffizien sieht man in einem Video, wie Caravaggios Medusa von einem Coronavirus angegriffen wird, es aber im letzten Moment schafft, den Mundschutz anzulegen. Begleitet wird die Szene von Beethovens 5. Symphonie. In einem anderen Video kuscheln Eleonora von Toledo und ihr Gemahl, Herzog Cosimo I. de' Medici, dargestellt vom Maler Bronzino, mit einem Teddybären. Aufsteigende Like-Herzchen schmücken die Szenen, ein italienischer Schlager untermalt sie.

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Was haben aber die Likes und die Kuscheltiere mit den Meisterwerken aus einem der wichtigsten Museen weltweit zu tun? Und was hat die italienische Influencerin Chiara Ferragni, die 20 Millionen Follower hat, vor Botticellis Meisterwerk "Die Geburt der Venus" zu suchen? Und dann noch das Posting der Uffizien auf Instagram, in dem Ferragni mit der Venus des toskanischen Renaissance-Meisters verglichen wird? Die Puristen der bildenden Künste verdrehen schon seit Längerem die Augen über die Aktionen des Deutschen Eike Schmidt, der die Uffizien seit 2015 leitet. Das Museum sei doch keine Pop-Art-Galerie, murren sie.

Das sollen sie auch nicht werden. Doch als im Frühjahr die erste landesweite Schließung aller Museen und Kulturstätten verordnet wurde, beschloss Schmidt das Beste daraus zu machen. Er wollte das als Chance wahrnehmen, etwas Zerstreuung, einen Moment der Normalität in einer Zeit, in der nichts mehr normal erscheint, zu bieten. Und das ging nur, indem man die Möglichkeiten des Internets ausnutzte.

"Wir müssen die Sprache der Jungen sprechen"

"Vor der Pandemie waren wir nur auf Instagram", erzählt Schmidt ntv.de während eines Videointerviews. "Dort sind wir schon seit einigen Jahren mit einem breitgefächerten Bildungsangebot präsent." Jeden Tag werde ein Kunstwerk der Galerien oder eine der botanischen Schönheiten aus dem Boboli-Garten veröffentlicht. Oft sind die Posts von einem literarischen Zitat begleitet, um auch Denkanstöße zu geben, erklärt er weiter. Außerdem gebe es jeden Montag eine philosophische Diskussion, an der die mittlerweile über 500.000 Follower aktiv teilnehmen. "Während des ersten Lockdowns sind dann auch die Facebook- und Tiktok-Accounts hinzugekommen."

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Schmidt ist seit 2015 Museumsdirektor der Uffizien in Florenz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Schmidts unkonventionelle Art der Kunstvermittlung scheint beim Publikum gut anzukommen. Auf Facebook zählen die Gallerie degli Uffizi über 70.000 Follower und auf Tiktok immerhin schon 60.000. "Wenn wir die jüngeren Generationen kriegen wollen, müssen wir ihre Sprache sprechen", erklärt Schmidt. Deswegen wurde extra eine interdisziplinäre Gruppe aus 30-Jährigen gebildet. Da diese aber "für die jüngeren Generationen auch schon als uralt gelten", fügt Schmidt schmunzelnd hinzu, würden auch die Kinder und Enkelkinder aus dem familiären Umfeld herangezogen. Sie sollen die Postings als Erste bewerten. "Denn was mich zum schallenden Lachen bringt, erzeugt bei den Jüngeren oft nur große verständnislose Augen und umgekehrt."

Dieser spielerische Einstieg bedeute aber keinesfalls, die wissenschaftliche Forschung und die Kommunikation der Studienarbeiten zu vernachlässigen, hebt Schmidt hervor. Im Gegenteil, voriges Jahr wurden über 6000 Seiten an wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht. In den nächsten Wochen soll digital auch das Heft Nummer fünf des Magazins "Imagines" erscheinen. Darin werden hochkarätige wissenschaftliche Beiträge zu allen Themen der Kunstgeschichte veröffentlicht, die in den Uffizien vertreten sind. "Wir kommunizieren also in alle Richtungen. So kann jeder einsteigen und das jeweilige Thema vertiefen."

Bei den meisten Beiträgen sei die Originalsprache italienisch, Facebook erlaube es aber auch, andere Sprachen einzustellen und die Übersetzung seien meist ganz annehmbar. Auf der Internetseite der Uffizien gibt es außerdem auch einige Videos in Englisch, Spanisch und unter der Bezeichnung latine loquimur sogar eine Auswahl auf Latein. "Die Videos, die bis zu zehn, zwölf Minuten lang sind, finden erstaunlich großen Anklang", hebt Schmidt hervor.

Die Gemälde ziehen aufs Land

Jetzt, wo die Museen wegen der rasant steigenden Coronavirus-Infektionen alle wieder geschlossen sind, wird man weiter an der Kommunikation über die sozialen Medien arbeiten, genauso wie an neuen Projekten für die Zeit, wenn wieder Besuche erlaubt sind. Und wieder geht es um eine Herausforderung. Die Uffizien haben gerade mit der Messe Lucca Comics, der größten dieser Art in Europa, ein Abkommen unterschrieben. Ab nächstem Herbst sollen während der Messe in der Gemäldegalerie neben den Alten Meistern die Werke junger Comiczeichner ausgestellt werden. Umgekehrt werden Meisterwerke aus den Uffizien in Lucca zu sehen sein. Denn es gebe bei diesen unterschiedlichen Kunstgattungen sehr wohl figurative und erzählerische Zusammenhänge, die sich zu ergründen lohnten, meint Schmidt.

Schmidts ambitioniertestes Projekt, dem er und seine Mitarbeiter sich jetzt noch intensiver widmen werden, ist aber die Verlagerung der Meisterwerke der Uffizien aufs Land. "Wir müssen auf die lokale und regionale Bevölkerung zugehen. Wir müssen in der Zukunft weitaus mehr auf einen Nahtourismus und nicht ausschließlich auf den Ferntourismus setzen", erklärt Schmidt.

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Die Trennung zwischen Zentrum und Peripherie dürfe es nicht mehr geben. Zum einen, weil der Massentourismus auch ökologisch nicht mehr vertretbar ist und zum anderen, weil die Verbindung zwischen Natur und Kultur auch den Menschen, die auf dem Land leben, sowohl kulturell wie auch wirtschaftlich etwas bringen. Konkret heißt das, dass Gemälde der Uffizien in kleineren toskanischen Museen ausgestellt werden. Die Werke und der Leitfaden soll zum jeweiligen Ort einen engen Bezug haben. Die Ausstellungen sollen außerdem sechs Monate zu sehen sein und in manchen Fällen können einige Gemälde sogar länger ausgestellt werden. Im Moment seien schon fünf Museen dafür vorgesehen, sagt Schmidt, weitere, immer in der Toskana, sollen dann in den kommenden Jahren dazukommen.

Das Coronavirus hat den Alltag wieder ganz auf den Kopf gestellt, doch wer einen Moment der Ruhe, des Ausgleichs sucht, der kann sich jeden Dienstag und Freitag auf Facebook #uffizionair eine kleine Auszeit gönnen und Beiträge zu Kunstgemälden verfolgen.

Quelle: ntv.de

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