Panorama

13 Jahre nach "Ehrenmord" Eine Brücke für Hatun Sürücü

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Der Mord an Hatun Sürücü sorgt bis heute für eine Debatte über deutsche Integrationspolitik sowie über Menschenrechtsverletzungen im Namen der "Ehre".

(Foto: imago stock&people)

Hatun Sürücü wollte ihr Leben selbst bestimmen. Die Familie war dagegen. 13 Jahre ist es her, dass die Deutsch-Türkin von ihrem Bruder ermordet wurde. An ihrem Todestag wird ihr eine besondere Ehre erwiesen.

Am 7. Februar 2005 wird die Deutsch-Türkin Hatun Sürücü in Berlin auf offener Straße ermordet - der Schütze ist ihr eigener Bruder. Der Mordfall erschüttert Deutschland. Ein sogenannter Ehrenmord, mitten in der deutschen Hauptstadt. Seitdem kommen jedes Jahr an ihrem Todestag Freunde, Nachbarn und Bürger zu einer Mahnwache zusammen, legen Blumen und Kränze in der Nähe des Tatorts nieder.

Rückblick: Mit 16 Jahren wird Hatun Sürücü in der Türkei zur Heirat mit ihrem Cousin gezwungen. Wenig später ist die Deutsch-Türkin schwanger. Doch sie erträgt die Zwangsehe nicht und geht mit ihrem Sohn zurück nach Deutschland. In Berlin beginnt sie eine Lehre zur Elektroinstallateurin, geht tanzen, schließt neue Freundschaften - und legt irgendwann auch das Kopftuch ab. Hatun ist stolz darauf, so zu arbeiten und zu leben, wie sie will. Ihre Familie ist es nicht.

In einer kalten Februarnacht begleitet die 23-Jährige ihren fünf Jahre jüngeren Bruder zur Bushaltestelle. "Bereust du deine Sünden?", fragt dieser. Dann schießt Ayhan der Schwester drei Mal in den Kopf. So ergibt es später die Rekonstruktion der Polizei.

Hatuns Mörder ist frei

Hatuns Mörder wurde im Sommer 2014 nach verbüßter Jugendhaft nach Istanbul abgeschoben. Zwei weitere Brüder, die den Mord in Auftrag gegeben haben sollen, hatte ein Istanbuler Gericht im Mai 2017 in allen Anklagepunkten freigesprochen. Es hätten "nicht genügend eindeutige und glaubhafte, klare Beweise gegen Mutlu und Alpaslan Sürücü gefunden werden können", hieß es in der Begründung des Gerichts.

Der Todesschütze war zum Prozessbeginn in Istanbul im Januar 2016 persönlich vor Gericht erschienen. Dort gab er an, die Tat allein begangen zu haben. Er widersprach seinen Aussagen in Deutschland und sagte, seine Schwester nicht wegen ihres westlichen Lebensstils umgebracht zu haben. Vielmehr habe er bei einem Streit die Fassung verloren.

"Hass war schon da"

Während seiner neunjährigen Jugendhaft erzählte Ayhan in vielen Interviews vom diffusen Ehrbegriff der Familie: "Hinter dem Begriff 'Ehre' stand immer in Klammern gesetzt 'meine Mutter', 'meine Schwester', 'meine Frau', was auch immer." Inzwischen lebt er wieder mit seinen Brüdern zusammen. Keiner von ihnen hat je ein Wort der Reue geäußert. Mutlu Sürücü sagte einmal dem RBB, dass er seine Schwester wegen ihres Lebenswandels verachtet habe: "Hass war schon da, auf jeden Fall."

Hatun Sürücüs Tod gilt als Mahnung. Es gibt Bücher und Theaterstücke über den Fall. Der Film "Die Fremde", der an ihr Leben angelehnt ist, wurde 2011 als deutscher Beitrag ins Rennen um den Oscar geschickt. Seit sechs Jahren wird der Hatun-Sürücü-Preis verliehen - eine Auszeichnung, die Menschen in den Mittelpunkt rückt, die sich tatkräftig und mit viel Herz für die Selbständigkeit von Mädchen und jungen Frauen engagieren.

Zum 13. Todestag erinnert die Hauptstadt mit einem besonderen Gedenken an die junge Frau, die viel zu früh sterben musste. Eine Brücke an der Sonnenallee im Berliner Stadtteil Neukölln wird den Namen Hatun-Sürücü-Brücke tragen. Damit wolle man ein Zeichen gegen Gewalt an Mädchen und Frauen setzen, heißt es dazu aus dem Bezirksamt Neukölln.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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