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Medizinerin im Interview "Impfpflicht muss im Mai beschlossen sein"

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Damit die Impfung im Herbst schützt, muss eine Impfpflicht im Mai beschlossen sein, sagt Medizinerin Johna.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bund und Länder haben sich mit Beginn des Frühlings auf das Ende der meisten Corona-Beschränkungen verständigt. Medizinerin Johna mahnt dennoch zur Vorsicht. Zudem müssen nun eine Impfpflicht beschlossen und Vorkehrungen für den Herbst getroffen werden.

ntv: Bis zum 20. März sollen die meisten Corona-Beschränkungen fallen. Wird die Omikron-Welle bis dahin wirklich überstanden sein?

Susanne Johna: Man kann keinen Corona-Exit beschließen. Der Virus wird uns erhalten bleiben. Aber es ist richtig, dass wir anfangen, die Maßnahmen zu lockern. Sicher wird im Frühjahr auch der Wettereffekt wieder eine Rolle spielen. Die Zahlen fallen langsam. Wenn wir zu schnell lockern, besteht die Gefahr, dass wir den absteigenden Teil der Welle eher verlängern.

Wie gefährlich wären denn Alleingänge der Bundesländer oder zu schnelle Lockerungen?

Alleingänge sind für die Bevölkerung schwer nachzuvollziehen. Immerhin sind die Protokollnotizen zu den gestrigen Beschlüssen noch kürzer als die Beschlüsse selbst - aber es gibt einem zu denken. Es wäre schon schön, wenn man das einheitlich machen könnte.

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Johna: "Man kann keinen Corona-Exit beschließen."

Wie geht man denn, nach dem Ende der Maßnahmen, mit den Jungen und Alten, also den Schutzbedürftigen, weiter um?

Die Jungen infizieren sich zwar häufig, erkranken aber selten schwer. Für die älteren Menschen ist das schon ein größeres Thema und wird auch länger ein Thema bleiben. Deswegen halten wir als Marburger Bund die einrichtungsbezogene Impfpflicht für wichtig und auch das Tragen einer Maske in der Versorgung der vulnerablen Gruppen.

Am 20. März sollen die Maßnahmen fallen. Wie wichtig ist es, trotzdem an solchen Hygienekonzepten festzuhalten?

Zunächst ist es ja wichtig, dass zügig die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden, um auch nach dem 20. März noch einheitliche Maßnahmen festlegen zu können. Und das werden wir sicher. Wenn es regional ein Ausbruchsgeschehen gibt, wird man vielleicht noch weitere Maßnahmen brauchen. Die Masken sind ein ganz, ganz wichtiges Instrument, an dem wir noch länger festhalten sollten. Gerade im öffentlichen Raum und wo viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen.

Wo sollten FFP2-Masken zum Ende der Pandemie weiterhin zum Einsatz kommen?

Im Einzelhandel, wenn die Kontrollen fallen, sollte die Maskenpflicht gelten, und zwar die FFP2-Maskenpflicht. Die allermeisten Menschen haben sich daran gewöhnt. Es ist natürlich nicht angenehm, aber eine vergleichsweise harmlose Maßnahme, dafür, dass sie so wirksam ist.

Die OP-Masken reichen nicht?

Die OP-Masken schützen etwa halb so gut wie die FFP2-Masken. Sie haben also durchaus ein Effekt. Aber sie sind nicht so wirksam.

Wie wird es mit den Masken- und Abstandsregeln weitergehen?

Wir werden sicher im Sommer - davon müssen oder dürfen wir ausgehen - auf die meisten Maßnahmen verzichten können. Aber wir müssen uns auch auf den Herbst vorbereiten. Denn es ist zu befürchten, dass wir dann erneut mit steigenden Infektionszahlen rechnen müssen.

Wie wichtig bleibt das Thema Impfen?

Zunächst ist natürlich zu hoffen, dass sich mit dem neuen Proteinimpfstoff Novavax noch ein paar Menschen, die jetzt noch ungeimpft sind, impfen lassen. Das wird aber sicher nicht die Hälfte der Ungeimpften sein. Aber einen gewissen Effekt sollte es haben. Deshalb ist die Einführung einer Impfpflicht die entscheidende Vorbereitung für den Herbst. Sie wird uns am allerbesten schützen. Auch die, die sich vielleicht noch nicht impfen können, oder die, die wir besonders schützen müssen. Die Impfpflicht ist für uns ein Weg aus den einschränkenden Maßnahmen.

Die Impfdebatte kam ins Stocken. Reicht das überhaupt noch für den Herbst aus?

Wir müssen sie im Mai beschließen, damit sie im Herbst wirksam ist, denn zwischen der ersten und zweiten Impfung sollten drei bis sechs Wochen liegen. Und zwischen der dritten Impfung - die Booster-Impfung komplettiert die Impfung erst - noch mal drei Monate. Das heißt, ein Beschluss im Mai würde dann im Oktober schützen. Und das ist insofern sehr wichtig.

Haben wir denn genug gelernt aus den zwei Jahren Pandemie?

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Ich fürchte nicht in allen Bereichen. Das ist eine wichtige Sache, im Spät-Frühjahr und im Sommer die Lehren zu besprechen. Auch für Deutschland war die Pandemie ein Erdbeben. Und es reicht nicht, die Trümmer wegzuräumen, sondern man muss das Haus stabiler aufstellen. Das ist wichtig. Und ein Beispiel ist, wir müssen die Maskenproduktion in Deutschland halten, damit wir uns nicht wieder abhängig machen von Asien. Das gilt auch für die Medikamentenproduktion. Das müssen wir in Europa dazulernen.

Mit Susanne Johna sprach Vivian Bahlmann

Quelle: ntv.de

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