Panorama

Hamburger Klinikarzt bei ntv "Intensivstation füllt sich langsam wieder"

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ntv-Moderatorin Doro Steitz im Gespräch mit dem Infektiologen Till Koch vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

UKE-Infektiologe Till Koch berichtet bei ntv: Die Inzidenz steigt und mit ihr auch wieder die Zahl der Patienten, die schwerer an Covid-19 erkranken. Darunter sind auch einige Geimpfte. Koch erklärt, warum das zu erwarten war.

ntv: Die Impfquote in Deutschland ist nicht zufriedenstellend. Können Sie uns sagen, was für Folgen das hat, auch in Ihrem Krankenhaus in Hamburg?

Till Koch: Zusammen mit den steigenden Inzidenzzahlen führt diese, doch unzureichende, Impfquote auf jeden Fall dazu, dass bei uns jetzt die Corona-Zahlen wieder ansteigen. Ganz konkret füllen sich im UKE sowohl die Normalstationen als auch die Intensivstationen so langsam wieder mit Patientinnen und Patienten, die Corona haben, und das ist natürlich eine Entwicklung, die wir eigentlich gehofft hatten abzuwenden mit einer breiten Impfung der Bevölkerung.

Gibt es bei Ihnen auf der Station auch Menschen die erkranken, obwohl sie doppelt geimpft sind? Wenn ja, wie schwer erkranken die noch?

Ja, das gibt es auf jeden Fall. Das ist aber auch zu erwarten gewesen, muss man sagen, weil keine Impfung, die vor viralen Erkrankungen schützt, zu hundert Prozent wirkt. Die Impfungen sind ja primär entwickelt worden, um uns vor Erkrankungen zu schützen und nicht so sehr, um uns vor Infektionen zu schützen. Dementsprechend sind die allermeisten sogenannten Durchbruchsinfektionen auch sehr mild verlaufen. Dass jemand wirklich schwer erkrankt, der oder die schon doppelt geimpft wurde, ist sehr selten und kommt dann vor, wenn die Menschen sehr schwere Probleme mit dem Immunsystem haben.

Es gibt aktuelle Studien in Israel, die besagen, dass nach einigen Monaten der Antikörperspiegel nachlässt. Trotzdem erkranken die Menschen nicht mehr schwer. Wie ist das zu erklären?

In dieser Studie aus Israel sind die bindenden Antikörper, vor allem das Immunglobulin G im Blut, gemessen worden. Erstens gibt es auch noch andere Antikörper, zum Beispiel auf den Schleimhäuten, wie IgA, die uns auch schützen. Das Zweite ist, dass es auch im Blut andere IgG-Antikörper gibt, zum Beispiel die neutralisierenden Antikörper. Und das Dritte ist, dass es auch noch andere wichtige Bereiche des Immunsystems, zum Beispiel den zellulären Immunschutz, gibt. Dort sind vor allem die T-Zellen bedeutsam, die auch eine ganz wichtige Rolle beim Schutz vor der Erkrankung spielen. Und das ist im Übrigen auch zu erwarten. Es wäre eigentlich ungewöhnlich, wenn die Antikörper nicht im Laufe der Monate nach der Infektion abfallen. Das heißt aber nicht, dass wir nicht geschützt sind vor der Erkrankung.

Brauchen wir bald so eine Booster-Impfung und wenn ja, wie und wer?

Da sind die Daten erfreulich, dass nämlich die Allermeisten vermutlich bis auf Weiteres erstmal keine Booster-Impfung brauchen. Es gibt ein paar Ausnahmen. Das sind vor allem Leute, die ganz schwere Immunsuppressionen haben, also die Probleme haben mit dem Immunsystem, wegen Erkrankungen oder durch Medikamente. Und das andere sind Hochbetagte. Das sind zwei spezielle, aber auch relativ kleine Gruppen, für die eine Booster-Impfung in den nächsten Wochen Sinn machen könnte. Aber ich finde es wichtig, nochmal zu betonen, dass für die breite Bevölkerung diese zwei Impfdosen vollkommen ausreichen. Und ich will da nochmal die globale Perspektive aufmachen. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass ein ganz breiter Teil der Menschheit noch überhaupt nicht die erste Dosis erhalten hat. Und das ist wirklich eine extreme Ungleichheit. Ein Direktor von der WHO hat einmal gesagt, das ist ein bisschen so, als würden wir schon Schwimmwesten ausgeben an Leute, die schon eine oder zwei Schwimmwesten anhaben, während nebenan Leute sind, die noch nicht einmal eine haben.

Wenn jemand geimpft ist, wie ansteckend ist er noch?

Das ist auch sehr erfreulich, das war bis vor wenigen Wochen noch ein wenig unklar. Jetzt langsam kommen auch Daten rein, die zeigen, dass, wenn ich geimpft bin und trotzdem eine sogenannte Durchbruchsinfektion - ich finde den Begriff in bisschen schwierig - habe, dass dann auch die Chance deutlich niedriger ist, dass ich andere Leute anstecke. In einer Real-Life-Studie, die ist jetzt im Eurosurveillance erschienen - das ist eigentlich immer das, was wir am höchsten schätzen an wissenschaftlicher Qualität - zeigte sich eine Reduktion der sekundären Attackrate von Haushaltsmitgliedern. Gemeint ist, wie wahrscheinlich es ist, dass ich als Infizierter jemanden anstecke, der oder die mit mir lebt. Das war um 70 Prozent reduziert. Das ist schon beeindruckend und sehr gut.

Wenn doppelt Geimpfte jetzt doch noch ansteckend sein können, wenn auch weniger, ist es dann sinnvoll, dass sie sich auch testen lassen, wenn sie in sensible Bereiche gehen?

Diese Tests sind ja vor allem entwickelt worden, um symptomatische Infektionen zu erkennen, also, wenn jemand Symptome hat, die wirklich zu Covid-19 passen. Da sind sie auch exzellent drin, da zeigen sie über 95 Prozent Sensitivität. Wo sie leider nicht so gut sind, sind asymptomatische Leute herauszufinden. Da haben sie nur eine Sensitivität von vielleicht ungefähr 80 Prozent. Diese Tests kann ich einsetzen als einen zusätzlichen Sicherheitsbaustein und ich kann sie prinzipiell auch bei Geimpften einsetzen. Für den Test ist es egal, ob ich geimpft bin oder nicht.

Was ist sicherer: 2G oder 3G?

Die Entscheidung, ob man 2G oder 3G einführt, ist eigentlich eine politische. Ich kann aber aus infektiologischer Sicht klar sagen, dass Personen, die geimpft sind, auf jeden Fall ein deutlich niedrigeres Risiko haben dritte anzustecken, als Personen, die ungeimpft und "nur" negativ getestet sind. Auch dabei ist die Impfung exzellent: Nicht nur, um uns vor Krankheiten und schweren Verläufen zu schützen, sondern auch um uns davor zu schützen, die Erkrankung unbemerkt weiterzugeben.

Befürchten Sie, dass Richtung Herbst die Intensivstationen sich füllen werden, auch bei Ihnen?

Ja, davon gehe ich fest aus - bei der derzeitigen Impfquote, den derzeit steigenden Inzidenzen und, man muss ja auch sagen, fehlenden Maßnahmen, die gerade ergriffen werden.

Mit Till Koch sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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