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(Foto: picture alliance / Franziska Kra)
Freitag, 10. November 2017

"Kinder müssen mitbestimmen": Ist Schulessen wirklich so schlecht?

Ein warmes, leckeres Mittagessen in der Schule - das klingt simpel, erweist sich in der Realität aber oft als schier unlösbares Problem. Beim Schulessen-Kongress, der heute in Berlin stattfindet, wird wieder einmal nach Lösungen gesucht, dabei gibt es sie längst, sagt die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Ulrike Arens-Azevedo.

n-tv.de: Beim Thema Schulessen erhitzen sich die Gemüter sehr schnell - ist die Schulverpflegung denn wirklich so schlecht wie ihr Ruf?

Ulrike Arens-Azevedo: Das kann ich so nicht bestätigen. Die einzelnen Studien, die wir bundesweit, aber auch in einzelnen Bundesländern gemacht haben, zeigen deutlich, dass es sowohl positive Einschätzungen gibt, wie auch negative. Das haben wir zuletzt in Ostfriesland wieder bestätigt gefunden. Wenn man es in Zahlen fasst, sagen 50 Prozent der befragten Kinder und mehr, dass das Essen gut bis sehr gut ist. Der Rest findet es mäßig, befriedigend oder schlecht. Wenn man die Erwachsenen fragt, besonders Eltern, ist es möglicherweise anders. Aber da haben wir keine validen Daten.

Bisher hieß es oft, Eltern seien nicht bereit, das Geld auszugeben, das gutes Schulessen kosten würde. Inzwischen sind vielerorts die Preise angehoben worden. Ist das Essen damit besser geworden?

Das können wir noch nicht beantworten. Aber das war ein Punkt, dass wir nach unserer bundesweiten Studie zur Schulverpflegung gesagt haben: Wir brauchen faire Preise auf Seiten der Caterer. Sonst können die weder überleben noch können sie wirklich Qualität anbieten. Einige Länder und Kommunen haben die Preise angehoben, andere nicht, weil hier schon höhere Preise üblich waren. Berlin ist weit vorn und hat zur Überprüfung der Qualität eine Kontrollstelle eingerichtet. Dort sieht man, dass sich nicht alles verbessert hat, beispielsweise was die Warmhaltezeiten angeht.

In Thüringen hat man kürzlich festgestellt, dass es immer noch an vier Tagen in der Woche Fleisch gibt, oft hochverarbeitet. Das klingt nicht nach großen Veränderungen.

Ja, dieses Problem hält sich hartnäckig. Wir raten in den Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für die Schulverpflegung, maximal zwei Mal in der Woche Fleisch anzubieten. Dieses Kriterium wird in den meisten Speiseplänen nicht erreicht. Es wird häufig sehr viel öfter Fleisch angeboten, als das sein sollte und müsste. In vielen Regionen Deutschlands war es eben bisher üblich, sehr viel häufiger Fleisch zu essen. Da muss sich in der ganzen Gesellschaft etwas ändern.

Was empfehlen Sie denn als gutes Schulessen?

Ein bedarfsgerechtes Essen in der Schule enthält täglich eine frische Komponente wie Obst oder Gemüse, außerdem täglich Kohlenhydrate, wobei darauf hingewiesen wird, dass da möglichst auch Vollkornprodukte verwendet werden. Dann wäre es günstig, wenn einmal in der Woche Fisch angeboten wird, maximal zwei Mal Fleisch und zwei Mal Milchprodukte, weil das wichtig ist für die Kalziumaufnahme.

Die Kinder wollen Befragungen zufolge Nudeln, Pizza, Pfannkuchen und Pommes und mögen nicht so gern Spinat, Suppe, Fisch und Kartoffeln. Wie bekommt man das zusammen?

Der Trick ist im Grunde, an den Lieblingsspeisen der Kinder anzuknüpfen. Man kann mit Pasta ernährungsphysiologisch gute und ausgewogene Gerichte kochen, wenn man das beispielsweise mit Gemüse kombiniert. Dasselbe gilt für Burger, wenn man die richtigen Zutaten verwendet. Einfach gucken, was essen die Kinder gern und dann die Rezepturen entsprechend abwandeln. Das ist auch ein bisschen altersabhängig, größere Kinder und Jugendliche sind sehr empfänglich für Fingerfood. Alles, was man in die Hand nehmen kann, funktioniert dann sehr gut.

An der Grundschule essen noch 50 Prozent der Kinder, an den weiterführenden Schulen werden es dann immer weniger. Warum ist die warme Mahlzeit in der Schule trotzdem wichtig für alle Altersklassen?

Es ist unseren Untersuchungsergebnissen zufolge nach wie vor so, dass die warme Mahlzeit bei den meisten Familien mittags verzehrt wird. Es werden zwar immer mehr, bei denen auch abends warm gegessen wird, aber noch ist es die Ausnahme. Man knüpft also an die kulturellen Gewohnheiten an. Noch wichtiger ist aber, dass das Mittagessen dafür sorgt, dass die Kinder geistig und körperlich fit bleiben. Gerade in den Ganztagsschulen haben die Kinder einen langen Tag von 8 bis 16 Uhr, der muss überbrückt werden. Da ist eine gesundheitsfördernde Mahlzeit mittendrin auf jeden Fall sinnvoll.

Um welche Punkte müssen sich Schulen, Caterer und Eltern als nächstes beim Thema Schulessen kümmern?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ist noch einmal mit einer Kosten- und Strukturstudie beauftragt worden. Dabei untersuchen wir, wie gut kommunale Modelle sind und wie man sie auch im Hinblick auf ihre Wirtschaftlichkeit bewerten kann. Die Diskussion ums Geld werden wir nicht los. Es wäre deshalb wichtig, wenn man sagen könnte: Zu dem Preis ist man in der Lage bei dem und dem Verpflegungssystem ein ausgewogenes Essen zu produzieren. Ein weiteres Problem zeigt sich in allen Untersuchungen. Das Schulessen ist noch zu wenig in der Schule verankert. Immer wenn die Schule sich mit Schülern, Lehrkräften und  Elternvertretern um das Thema kümmert und die Probleme offen diskutiert und alle mit einbezieht, dann funktioniert es sehr viel besser. Ich sage immer, auch der Hausmeister sollte mit ins Boot geholt werden, weil er möglicherweise bei der Anlieferung des Essens eine sehr wichtige Person ist. Häufig werden die Schüler gar nicht mit einbezogen und wenn, dann nur zum Tisch decken. Wenn sie aber bei der Speiseplangestaltung die Möglichkeit haben, Wünsche zu äußern oder Testesser zu sein, nimmt die Akzeptanz sofort zu. Hat man dafür Strukturen, kann man auch bei Problemen viel schneller reagieren.

Viele Eltern kritisieren, dass es auch nicht nur darum geht, was auf den Teller kommt, sondern dass die Kinder oft unter Zeitdruck und in ungemütlichen Räumen essen müssen. Was ist mit diesen Faktoren?

Das sind sehr wichtige Punkte, die auch gerade in den jüngsten Studien eine bedeutende Rolle spielen. Die Räume werden von den Kindern und Jugendlichen oft sehr negativ gesehen, zum einen im Hinblick auf die Geräuschkulisse, zum anderen bei der Gemütlichkeit. Das kann man sich ja leicht vorstellen: Wenn ich in einen Raum nur ungern hineingehe, dann mag ich da auch nicht gern essen. Oft waren diese Räume gar nicht vorgesehen und müssen nun im Bestand hergestellt werden. Der andere Punkt ist tatsächlich die Zeit. Wir sagen, es wäre gut, wenn die Mittagspause eine Stunde umfasst. Dazu gehören Essen und Bewegung. Das muss natürlich von der Schule eingeplant werden, da hängen der Nahverkehr und andere Rahmenbedingungen dran. Deshalb lässt sich das manchmal nur schwer realisieren.

Mit Ulrike Arens-Azevedo sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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