Panorama

Schreibschrift oder Druckschrift "Kinder müssen experimentieren"

49461483.jpg

Schreibenlernen ist ein komplexer Prozess.

(Foto: picture alliance / dpa)

Finnische Kinder lernen künftig keine Schreibschrift mehr. Auch in Deutschland wird seit längerem debattiert, welche Schrift Kinder am besten lernen sollen. Guido Nottbusch, Professor für Grundschulpädagogik an der Uni Potsdam, hat bei seiner Forschung herausgefunden, dass es weniger um das Was als um das Wie geht.

n-tv.de: Über den Abschied von der Schreibschrift gibt es auch in Deutschland heftige Diskussionen. Was verbindet uns emotional so stark mit der Schreibschrift?

Guido Nottbusch: Das Schreibenlernen ist eine langwierige Angelegenheit und eine sehr herausfordernde feinmotorische Fertigkeit. Es dauert lange, bis man das beherrscht. Wenn man viel Zeit und Mühe und vielleicht Tränen investiert hat, ist man nicht bereit, das einfach so aufzugeben. Schreiben ist außerdem eine essentielle Kulturtechnik und etwas, was immer und überall und sogar ohne Strom funktioniert. Im Notfall könnte ich mit einem Stock auf der Erde oder mit dem Finger im Sand schreiben.

Nun ist die finnische Entscheidung so missverstanden worden, als ob die Kinder nur noch mit der Tastatur und gar nicht mehr mit der Hand schreiben werden. Wäre es denn prinzipiell möglich, das Schreiben zu lernen, ohne mit der Hand zu schreiben?

Das ist sicher möglich, aber man ließe damit eine wichtige Möglichkeit des Lernens ohne Not links liegen. Das Schreiben mit der Hand bedeutet ja, dass ich mit meinen Fingern und dem Stift als Werkzeug die Form des Buchstabens nachvollziehe. Das ist eine schwierige motorische Tätigkeit. Die Form wird dabei nicht nur visuell erfasst, sondern eben auch durch die Hand. Beides zusammen ergibt die Vorstellung, die unser Gehirn vom Buchstaben bekommt. Die Handschrift trägt damit auch einen wesentlichen Teil zum Lesenlernen bei. Wenn die Bewegung wie auf einer Tastatur aber immer wieder dieselbe ist, liegt die motorische Seite beim Erkennen des Buchstaben brach. Wir erheben für unsere Forschung Daten auf Tablet-PCs und zeichnen auf, wie sich der Stift bewegt hat. Dabei haben wir herausgefunden, dass Kinder, die ein Problem mit der horizontalen Ausrichtung der Buchstaben haben, machmal zuerst versuchen, diese in der Luft zu schreiben, um  herauszufinden, ob es beispielsweise beim Z erst von links nach rechts geht oder umgekehrt. Daran kann man sehen, wie wichtig dieser motorische Gedächtniseintrag ist.

schrift.jpg

Die verschiedenen Schriften im Vergleich.

(Foto: mintext.de)

In Deutschland gibt es mit der Einführung der Grundschrift - einer Art verbundener Druckschrift - ebenfalls eine Tendenz weg von der bisher bekannten Schreibschrift. Was soll diese Reform?

Manche Buchstabenformen in den älteren Schulschriften sind reichlich kompliziert. Wenn man z.B. das große H in der Lateinischen Ausgangsschrift anschaut, wird kein Mensch das als Erwachsener noch so schreiben, wie er es als Kind gelernt hat. Für mich kommt es darauf an, dass die Schrift möglichst leicht zu lernen ist und dass die Kinder möglichst schnell ein hohes Tempo beim Schreiben gewinnen. Denn wer schnell schreibt, kann die Gedanken schneller aufs Papier bringen und hat mehr Zeit, darüber nachzudenken, was er überhaupt schreibt. Selbstverständlich ist auch wichtig, dass es lesbar ist, denn sonst brauche ich gar nicht erst zu schreiben.

Die einen sagen, die Verbindungsbögen der Schreibschrift hemmen den Schreibfluss, die anderen sagen, sie ermöglich ihn erst. Gibt es darauf eine wissenschaftliche Antwort?

Ich glaube, die Debatte dreht sich vor allem um ästhetische Aspekte. Darüber kann man wundervollstreiten, aber es gibt kein Richtig oder Falsch. Unsere Aufzeichnungen von Stiftbewegungen belegen, dass gute Handschreiber dynamisch zwischen schnellen und langsamen Bewegungen abwechseln. Das ist das, was die meisten als flüssiges Schreiben bezeichnen, obwohl das Fließen von Wasser ja beispielsweise eine gleichförmige Bewegung ist: Das ist das Schreiben nicht. Für den einen Schreiber ist es dabei besser, wenn er den Stift auf dem Papier lässt, für den anderen, wenn er den Stift anhebt und neu ansetzt. Es gibt keine Regel, die für jeden Schreiber zutrifft. Aus motorischer Sicht ist es gut, wenn man den Stift ab und an abhebt. Dann können sich alle Muskeln, die daran beteiligt sind, einmal kurz entspannen, wieder durchblutet und mit Sauerstoff versorgt werden. Je länger hingegen ohne Abhebungen geschrieben wird, desto größer wird der Druck auf den Stift und das Papier und der Griff wird auf Dauer verkrampfen.

Das Ziel aller ist, dass man zu einer individuellen Handschrift kommen soll. Wie kann das gelingen?

Ich glaube, da kommt man nur hin, wenn man den Schreibunterricht so gestaltet, dass die Kinder experimentieren können. Aber sie brauchen ein Modell, damit sie ausprobieren können, was gut für sie funktioniert. Viele Lehrkräfte haben gern, wenn man ihnen sagt, so musst du es machen, das ist der einzig wahre Weg. Aber den gibt es vielleicht nicht.

Nun fangen die meisten Kinder heute mit der Druckschrift an und wechseln dann auf die Schreibschrift. Ist das sinnvoll?

Es gibt dazu eine kanadische Studie, bei der drei Gruppen untersucht wurden. Die eine Gruppe hat von Anfang an eine Schreibschrift gelernt, die zweite Gruppe eine Druckschrift und die dritte Gruppe zuerst eine Druckschrift und dann eine Schreibschrift. Am Ende zeigte sich, dass die Kinder, die einmal gewechselt haben, leistungsmäßig zurückgefallen sind. Das Nochmallernen kostet also Zeit. Die Befürworter des Wechsels sagen dazu: Ja, aber das ist es uns wert. Auch dagegen kann man nicht so viel sagen. Die Kinder setzen sich ja mit der Buchstabenform noch einmal auseinander und lernen es damit vielleicht intensiver. Aber man kann diese Zeit natürlich auch anders nutzen.

Was raten Sie Eltern, die nun verunsichert sind?

Von der Tendenz her finde ich die Ansätze der Grundschrift am sinnvollsten, aber die Schulausgangsschrift ist auf jeden Fall auch gut. Wenn man eine verbundene Schrift will, würde ich die Schulausgangsschrift empfehlen. Aber ich habe als Kind die Lateinische Ausgangsschrift gelernt, und ich kann auch schreiben, wenn auch inzwischen völlig anders als ich das ursprünglich gelernt habe. Für die etwa 80 Prozent der Kinder, die keine motorischen Schwierigkeiten haben, ist die Frage gar nicht so entscheidend. Warum die Diskussion oft hitzig und zuweilen unsachlich geführt wird, verstehe ich nicht. Unabhängig von der Schrifttype, die gelehrt wird, halte ich Schwungübungen für ganz wichtig. Die Grundbewegung des Schreibens kann man in Kreisen, Achten, Wellen, Girlanden und Arkaden schon sehr gut üben. So ergibt sich schon eine gleichmäßig an- und abschwellende Bewegung, das sollte man vor allem in der ersten Klasse nicht vernachlässigen.

Mit Guido Nottbusch sprach Solveig Bach.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema