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Covid-Modellierer Lehr bei ntv "Es führt kein Weg an einem Lockdown vorbei"

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Thorsten Lehr ist Professor für Klinische Pharmakologie an der Universität des Saarlandes. Er hat einen Corona-Simulator programmiert, der das Infektionsgeschehen in Deutschland modelliert und Prognosen erlaubt (hier im Gespräch mit ntv-Moderatorin Katrin Neumann).

Ohne einen Lockdown wird Deutschland die vierte Welle nicht in den Griff bekommen, ist sich der klinische Pharmakologe Thorsten Lehr im ntv-Interview sicher. Es bedarf einer drastischen Reduktion der Kontakte - und das sofort. Dass die Ampel nun erst einmal zehn Tage warten will, sieht er kritisch.

ntv: Wie entscheidend ist es in der jetzigen Situation, dass Kinder geimpft werden?

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Corona-Kontrolle in Dresden: Auch in anderen Teilen des Landes könnte es einen Lockdown geben.

(Foto: dpa)

Thorsten Lehr: Wir sehen ja schon, dass bei den Kindern zwischen 5 und 15 Jahren die Inzidenz am allerhöchsten ist. Das sind genau die Ungeimpften. Von daher glaube ich, ist es, um die Kinder zu schützen, auf jeden Fall ein wichtiges Signal. Wir sollten jetzt aber keinen unnötigen Druck auf die Kinder ausüben. Was wir gerade sehen, liegt vor allem daran, dass sich viele Erwachsene einfach nicht haben impfen lassen. Es liegt nicht an den Kindern.

Die Empfehlung liegt wahrscheinlich erst Ende Dezember oder Anfang Januar vor. Was geht uns in der Zwischenzeit verloren?

Wie gesagt, ich glaube, dass die Kinder nicht der Treiber dafür sind, dass die Inzidenz gerade aus dem Ruder gerät. Aber es ist trotzdem schade, wenn die STIKO noch so lange wartet. Ich gehe aber davon aus, dass viele Kinderärztinnen und -ärzte schon früher impfen werden. Man sieht ja jetzt auch schon Impfungen vor der Zulassung. Wir werden relativ schnell einen Zuwachs an Impfungen in dieser Altersklasse sehen.

Sie sagen, es sind andere Faktoren, die die Pandemie vorantreiben. Welche sind das?

Es ist zum einen erstmal der große Teil der Ungeimpften, die einen Großteil der Inzidenzen ausmachen, das dürfen wir nicht vergessen. Zum anderen haben wir relativ viele Kontakte. Es ist wieder sehr viel möglich. Und der dritte Punkt ist, dass die Impfqualität nachlässt. Wir müssen boostern, damit die Impfwirkung erhalten bleibt. Auch da müssen wir nachlegen. Und das alles in der Summe - die Ungeimpften impfen und die Geimpften weiter boostern - dann können wir es schaffen, zusammen mit Kontaktreduktionen, auch diese vierte Welle wieder in den Griff zu bekommen. Aber es ist schon relativ spät.

Werden uns Konzepte wie 3G, 2G oder 2G plus in den nächsten Wochen retten oder möglicherweise die Welle brechen?

Ich befürchte sehr, dass 3G-, 2G- oder 2G-plus-Konzepte nicht ausreichen. Wir sehen dadurch vielleicht eine leichte Abbremsung des Anstieges - wir sehen das beispielsweise in Berlin. Wir haben aber auch in anderen Regionen wie zum Beispiel in Sachsen oder auch in Österreich gesehen, dass 2G überhaupt nichts bringt. Wir glauben also, dass wenn in einem Bundesland erstmal die Situation außer Kontrolle geraten ist, werden diese Möglichkeiten nicht mehr helfen. Ansonsten werden die Infektionen nur auf einem sehr hohen Niveau gehalten. Und das haben wir letztes Jahr gesehen, das wird irgendwann wieder kippen. Ich glaube nicht, dass 2G ausreicht. Wir brauchen weitere Kontaktreduktionen, letztendlich ähnliche Maßnahmen, wie wir sie mit einem Lockdown erreicht haben. Hier wird es jetzt radikal und schnell vonnöten sein, dass wir die Kontakte reduzieren, sonst laufen uns die Intensivstationen noch weiter voll.

Im Grunde müsste man sofort alles wieder runterfahren und einen Lockdown verhängen?

Ja, richtig. Jeden Tag, an dem wir warten, zahlen wir mit Zinsen hinten drauf. Für jeden Tag, den wir jetzt versäumen, werden wir hinten mehr als einen Tag länger im Lockdown verbringen müssen. Und deswegen ist jetzt eigentlich keine Zeit für Experimente. Die Lage ist wirklich extrem ernst. Über kurz oder lang wird kein Weg dran vorbeiführen, dass wir einen solidarischen Lockdown von Geimpften und Ungeimpften haben müssen, um diese Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen. Anders sehe ich keinen Weg aus dieser vierten Welle raus.

Die Ampel will sich jetzt zehn Tage warten, um die Lage zu sondieren und dann zu entscheiden. Wie ordnen Sie diesen Zeitplan ein?

Das ist viel zu lange. Wir müssen jetzt eigentlich sofort handeln. In zehn Tagen werden wir deutschlandweit Inzidenzen haben, die jenseits der 500 liegen. Möglicherweise greifen vorher auch schon andere Maßnahmen. Aber wir werden uns auf einem extrem hohen Niveau weiterbewegen und damit die Gesundheit vieler Bürgerinnen und Bürger gefährden. Wir sollten uns jetzt lieber abkühlen. Das würde möglicherweise noch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Weihnachten in irgendeiner Art und Weise gefeiert werden kann.

Wenn wir vor Lockdowns zurückschrecken und die Auswirkung der Feiertage zum Tragen kommen, wo werden wir dann Ende des Jahres oder Anfang Januar sein?

Wenn wir wirklich ohne Lockdown durch diesen Winter gehen, wird das zutreffen, was Jens Spahn sagt. Dann werden wir alle entweder geimpft, genesen oder verstorben sein. Wir werden Infektionszahlen haben, die jenseits von Gut und Böse liegen und damit irgendwann eine Massendurchseuchung erleben. Das wird unsere Kapazitätsgrenzen sprengen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das dann auch zum Beispiel Ordnungshüter, Rettungssanitäter und Leute, die wir zur Erhaltung der Infrastruktur brauchen, außer Gefecht setzten wird. Und da würde ich wirklich einen extrem düsteren Winter sehen. Ich gehe davon aus, dass die Regierung vorher handeln wird. Ansonsten wird dieses Land in eine wirklich schwierige Situation kommen.

Mit Thorsten Lehr sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

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