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Abenteuer Mount Everest "Man kann sich einen Berg nicht erkaufen"

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Dominik Müller 2017 auf dem Gipfel des Mount Everest.

(Foto: Privat)

Mehr als 5000 Menschen standen bereits auf dem Gipfel des höchsten Bergs der Erde. Dominik Müller bietet Touren auf den Mount Everest an. Er weiß um die Ambitionen seiner Kunden und um das Risiko, beim Ausflug auf das Dach der Welt sein Leben zu verlieren.

n-tv.de: Sie bieten Expeditionen auf den Mount Everest an. Sind Sie überrascht von den Meldungen, dass dort gerade innerhalb weniger Tage mehrere Bergsteiger ums Leben gekommen sind?

Dominik Müller: Das überrascht mich gar nicht. In den letzten Jahren bieten immer mehr lokale Veranstalter Expeditionen an. Der Kunde bucht sich vor Ort günstig ein. Aber nicht alle Anbieter haben ein Sicherheitskonzept. Das ist die Kehrseite beim Sparen, dass es Betreuung und Aufklärung für das Restrisiko in großer Höhe nicht gibt.

Was kostet eine Expedition bei Ihnen?

Wir liegen zwischen 55.000 und 60.000 US-Dollar, also umgerechnet etwa 50.000 bis 55.000 Euro. Dazu gehört ein oft auch deutschsprechender international geprüfter Bergführer. Der war an anderen Achttausendern bereits als Expeditionsleiter unterwegs und hat genug Höhenerfahrung. Die kann er, wenn es eng wird, ausspielen. Oben ist es nicht nur vom Berg her ein schmaler Grat, sondern auch von der Sicherheit her. Wenn man sich das als Ampel vorstellt: Es gibt nur grün oder rot, orange leuchtet nur sehr kurz auf. Der Spielraum, dann die richtige Entscheidung zu fällen, ist relativ klein.

Sie planen gerade eine Tour für 2020, haben sie schon genug Anfragen?

Nein, haben wir noch nicht, weil wir auch viele Leute ablehnen. Dann führe ich lieber eine Expedition nicht durch, als sie mit unerfahrenen Teilnehmern aufzufüllen. Wir haben unsere Voraussetzungen. Ich will Leute dabeihaben, von denen ich weiß, dass sie wirklich eine Chance haben, nach oben und sicher wieder runter zu kommen. Wir geben auch keine Gipfelgarantie, weil man das nicht garantieren kann.

Wonach wählen Sie aus?

Ich habe jetzt schon ein paar Mal Kunden abgelehnt, weil sie noch nicht so weit waren. Da fehlte es an Erfahrung. Man kann sich einen hohen Berg nicht erkaufen. Einige der Kunden, die ich nicht mitgenommen habe, haben sich dann anderswo eingebucht. Dabei sind auch welche ums Leben gekommen. In großer Höhe gibt es niemanden, der mal schnell vorbeikommen und einen retten kann. In dieser Höhe kann auch kein Hubschrauber fliegen. Deshalb muss man  sehr zurückhaltend sein, noch besser planen und guiden. Das ist dann nicht billig.

Wer bucht so eine Tour bei Ihnen?

Querbeet, wir haben internationales Publikum. Durch die Vernetzung der Welt wächst man da zusammen. Wir haben den kleinen Mann, der sich das über viele Jahre zusammengespart hat. Aber natürlich auch die solventeren Teilnehmer.

Kann man eine Tour am Mount Everest mit anderen Bergen oder Touren vergleichen?

Der Everest ist technisch kein schwerer Berg. Er ist einfach der höchste Berg, den wir auf der Erde haben. Aber es gibt deutlich schwerere Sechs-, Sieben- oder Achttausender. Bei denen sind die Wege weiter und sie sind technisch anspruchsvoller.

Kann man für diese extreme Belastung trainieren?

Natürlich. Man braucht das technische Können für die Flanken: Das Gehen mit Steigeisen, Spaltenbergung, den Einsatz des Pickels, das Gehen am Fixseil. Das kann man auch in niedrigeren Höhen üben. Viel wichtiger ist aber, dass man schon mal in großer Höhe war. Jeder Mensch reagiert anders auf diese Extreme, wo wir ja eigentlich nicht hingehören. Was kann ich essen? Welches Getränkepulver funktioniert? Wie komme ich mit dem Schlafen zurecht? Was kann mein Körper noch umsetzen, was tut mir gut, was nicht? Das ist sehr individuell. Wir nennen das das "Zeltmanagement". Gut ist es, wenn man vorher auf einem hohen Siebentausender oder niedrigen Achttausender war. Diese Erfahrung ist manchmal wichtiger als das Technische. Außerdem muss man mit der Sauerstoffmaske und dem Regler gut geschult werden. Natürlich muss auch die Infrastruktur funktionieren.

Wie kommt es dann zu so einer Gipfelschlange?

Diese Bilder vom Schlangestehen am Everest, die gibt es jedes Jahr. Aber ich war 2017 fast eine Stunde allein auf dem Gipfel, wir hatten keinen Stau. Man kann das besser lenken, es gibt eigentlich immer ein Gut-Wetter-Fenster von mehreren Tagen. Man kann auch entscheiden, ob man von der Nord-Seite oder von der Süd-Seite kommt.

Was ist dabei der Unterschied?

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Der Oberstdorfer Müller geht in die Berge, seit er sechs Jahre alt ist.

(Foto: Privat)

Auf der Nord-Route von China-Tibet aus, ist tendenziell deutlich weniger los, weil dort nicht so viele Genehmigungen vergeben werden. Für die Veranstalter sind dort auch die Logistik und die Organisation erheblich schwieriger, die Route ist länger, dadurch ist es teurer. Aber es sind eben auch weniger Leute unterwegs. Trotzdem kann man auf der nepalesischen Seite so regeln, dass man auch dort nicht im Stau steht. Man kann antizyklisch gehen, also nicht dann, wenn die Masse geht. Dabei spielen die Wetter-Daten eine große Rolle.

Inwiefern?

Wenn die Veranstalter wenig Geld in die Hand nehmen, um gute Wetterdaten zu bekommen, dann hängen sie sich an andere mit besseren Daten ran. Und dann sind es gleich mehr Leute auf einmal. Die Entscheidung, ob man gehen kann oder nicht, kann man aber nur aufgrund der Wetterdaten treffen. Wir haben ein kleines Live-Tracking-System dabei und ein Satellitentelefon, das auch in den Hochlagen funktioniert. Wenn wir zu der Einschätzung kommen, es ist nicht sicher, brechen wir auch dann noch ab.

Wie sagen Sie das kurz vor dem Gipfel Ihren Kunden?

Genau so. Bisher hatte ich keinen, der das nicht akzeptiert hat. Wenn man im Vorfeld ein gutes Expeditionstreffen hat, die Leute aufklärt und auch die Gefahren ehrlich darlegt, dann geht das. Wenn ein Wetterumschwung kommt, sehen die Leute das ja. Die Bedingungen müssen einfach perfekt sein, um den Gipfel zu erreichen und auch wieder nach unten zu kommen. Wir werden da auch immer wieder bestätigt. Denn die, die trotz schlechter Bedingungen losgehen, müssen später abbrechen. Aber dann mit deutlich erhöhtem Risiko.

Warum muss man überhaupt auf den Mount Everest und riskiert dafür sogar sein Leben?

Es ist der höchste Berg der Erde, auf dem Everest steht man eben und weiß, es geht nicht höher. Der Mensch ist ein Wiederholungstäter. Wenn er das einmal positiv erlebt hat, will er das wiederhaben. Das ist beim Tiefschneefahren so und beim Höhenbergsteigen auch. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, es ist ein tolles Gefühl nach vielen Wochen und Entbehrungen auf dem Gipfel zu sein. Da gibt es nichts dazwischen, entweder man liebt es oder man hasst es.

Mit Dominik Müller sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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