Panorama

Wut über Mini-Schmerzensgeld Missbrauchsopfer rufen zu Kirchenaustritt auf

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Der kirchliche Missbrauchsbeauftragte Bischof Ackermann will von früher angedachten höheren Summen nichts mehr wissen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Deutsche Bischofskonferenz steuert auf einen unseligen Streit zu: Nach vollmundigen Ankündigungen sollen Entschädigungen wegen sexuellen Missbrauchs nun doch deutlich niedriger ausfallen. Missbrauchsopfer werfen der katholischen Kirche vor, am Geld zu kleben.

Missbrauchsopfer haben mit Wut und Enttäuschung auf das neue Konzept der katholischen Kirche in Deutschland zu Geldzahlungen an Opfer des sexuellen Missbrauchs reagiert. "Die Kirche in Deutschland ist nicht bereit, für ihre Verbrechen die Verantwortung zu übernehmen und ihren Opfern eine Entschädigung anzubieten", erklärte der Sprecher der Opferinitiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch.

Katsch forderte daraufhin indirekt zum Kirchenaustritt auf. Die jetzige Entscheidung der Bischofskonferenz müsse auch Konsequenzen für Katholikinnen und Katholiken haben, erklärte er. "Wollen sie auch weiterhin eine Kirchenstruktur unterstützen mit ihren Beiträgen, die so offensichtlich am Geld klebt und ihre Opfer missachtet? Wollen sie auch weiterhin für das moralische Versagen ihrer Hirten in Mithaftung genommen werden?", fragte Katsch.

Statt pauschal 300.000 Euro: nur individuelle Sätze

Die Deutsche Bischofskonferenz verabschiedete zum Abschluss ihrer Frühjahrsvollversammlung in Mainz ein Konzept, das weit hinter den Forderungen des "Eckigen Tischs" und auch den Empfehlungen einer Expertengruppe zurückblieb. Diese hatte entweder pauschal rund 300.000 Euro Entschädigung oder alternativ ein je nach der Schwere des Falls abgestuftes Modell mit 40.000 bis 400.000 Euro Zahlungen vorgesehen.

Das nun von der Bischofskonferenz verabschiedete neue Konzept sieht nun Schmerzensgeld nach einer individuellen Festlegung vor. Dieses soll sich an der auch von staatlichen Gerichten gewährten Höhe orientieren. Wie der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, sagte, liegt der übliche Rahmen zwischen 5000 und 50.000 Euro. Die Kirche wolle sich im oberen Bereich der Schmerzensgeldzahlungen bewegen. Die 50.000 Euro seien keine Deckelung, bei Härtefällen könne auch mehr gezahlt werden.

Die Bistümer hatten nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals vor zehn Jahren bisher keine gemeinsame Linie bei Geldleistungen gefahren. Etwa 2200 Opfer erhielten Geld, im Schnitt 5000 Euro. Lediglich das Erzbistum Freiburg führte eine Opferrente von bis zu 800 Euro pro Monat ein.

"Es geht nicht allen Opfern um Entschädigung"

Nachdem Bischof Ackermann noch im September gemeinsam mit der Opferinitiative "Eckiger Tisch" Konzepte mit deutlich höheren Entschädigungsleistungen präsentiert hatte, sprach der kirchliche Missbrauchsbeauftragte Opfervertreter Kasch nun das Recht ab, für alle Opfer zu sprechen. Katsch und der "Eckige Tisch" stünden nur für eine Gruppe der Betroffenen. "Ich kann nicht sagen, es geht allen um Entschädigungen", sagte der Bischof zur Haltung der Missbrauchsopfer.

Ackermann sagte, wenn es über Schmerzensgeld hinaus auch um Entschädigungen gehen solle, gebe es zudem eine ganz andere Nachweispflicht. Dann würden die Opfer in eine Situation gebracht, in der sie ihre Ansprüche konkret nachweisen müsste. Die katholische Kirche bewege sich außerdem in einem gesellschaftlichen Zusammenhang, argumentierte der Bischof weiter. So seien Heimkindern Schmerzensgelder von 10.000 Euro gezahlt worden. Die Kirche gehe mit ihrer Entscheidung für deutlich über diesen Beträgen liegende Schmerzensgelder "einen Schritt nach vorn". "Ich glaube schon, dass wir eine Marke setzen", sagte Ackermann.

Der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, teilte mit, die Bischofskonferenz habe es offengelassen, aus welchen Töpfen die Schmerzensgelder gezahlt künftig werden. Es ist demnach Sache der Bistümer, ob sie aus ihrem Vermögen heraus oder aus der Kirchensteuer zahlen.

Quelle: ntv.de, mau/AFP