Panorama

Trippelschritte zu Immunität Nicht so leicht, das Coronavirus wegzuimpfen

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Deutschland will möglichst viele Menschen in großen Impfzentren immunisieren.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die lange ersehnten Corona-Impfungen haben nicht nur in Deutschland begonnen. Die Immunisierungen versprechen deutlich weniger Todesfälle und Infektionen. Ob das tatsächlich so kommen wird, hängt auch davon ab, wie viele Menschen sich am Ende tatsächlich impfen lassen. Die WHO sorgt sich bereits um die Impfbereitschaft.

Monatelang wartete die Menschheit im Kampf gegen das Coronavirus auf wirksame Impfstoffe - nun haben die Impfungen weltweit begonnen. Trotzdem wird es dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, zufolge noch Monate dauern, bis der Impfstoff seine volle Wirkung entfalten kann. Erst dann werden sich die Immunisierungen auf den Pandemieverlauf auswirken. "Das Virus ist weiterhin in der gesamten Bevölkerung verbreitet", sagte Wieler auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und dem Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek.

Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge wird weltweit an 222 Corona-Impfstoffen gearbeitet. Der mRNA-Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer ist inzwischen europaweit zugelassen, Großbritannien erteilte zudem gerade den Vakzinen der Universität Oxford und des Pharmakonzerns Astrazeneca die Zulassung. Die Freigabe des Moderna-Impfstoffs in der EU wird im neuen Jahr erwartet.

Vor allem in der Europäischen Union wurde Wert darauf gelegt, dass jeder zugelassene Impfstoff trotz des hohen Zeitdrucks alle Schritte der Impfstoffentwicklung sauber durchlaufen hat. In den Einschätzungen der Zulassungsbehörden wie der US-Arzneimittelbehörde FDA oder der Europäische Arzneimittelagentur EMA spielen vor allem die Wirksamkeit und die Verträglichkeit eine Rolle. Alle zugelassenen Vakzine verhindern eine symptomatische Infektion mit Sars-CoV-2 und haben lediglich schwache bis mäßige Nebenwirkungen wie Fieber, Schüttelfrost, Durchfall oder Muskel- und Gliederschmerzen, die nach kurzer Zeit abklingen. Trotzdem gibt es noch längst nicht auf jede Frage zur Wirkung der Vakzine eine Antwort.

Auch nach der Impfung achtsam sein

Beispielsweise bleibt unklar, ob die Geimpften zwar selbst gesund bleiben, das Coronavirus aber trotzdem weitergeben können. "Das ist eine der zentralen Fragen, die noch nicht geklärt sind", sagte der Leiter der Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie und Impfstoff-Forschung an der Berliner Charité, Leif Erik Sander, dem RBB. Im Gespräch mit dem RTL-Nachtjournal riet Uwe Janssens, der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notallmedizin (DIVI) deshalb auch Geimpften dazu, sich weiterhin an die Corona-Regeln zu halten. "Immer achtsam sein, aufpassen, dass man nicht doch noch einen anderen infiziert, auch, wenn man selber geschützt ist", sagte er. Der Impfstoffhersteller Biontech erwartet schon bis spätestens Februar genauere Erkenntnisse darüber, inwieweit sein Präparat die Menschen auch vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus schützen kann.

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Experten sind sich zudem einig, dass die jetzt entwickelten Impfstoffe auch gegen die aufgetretenen Mutationen wirksam sind. Sander zufolge beziehen sich die Mutationen lediglich auf einzelne Bausteine des Spike-Proteins, mit dem das Coronavirus an menschliche Zellen andockt. Das reiche nicht aus, um der durch den Impfstoff erzeugten Immunantwort auszuweichen. Wieler betonte, man lerne das Virus immer besser kennen. "Natürlich geschehen Mutationen. Die Frage ist, was diese Mutationen bewirken."

Während sich die unmittelbar auftretenden Nebenwirkungen schon recht gut abschätzen lassen, ist das für Langzeitfolgen der Impfungen überhaupt noch nicht möglich. Das liegt daran, dass die jeweiligen Impfstoffe gerade erst entwickelt wurden und erst seit wenigen Tagen oder Wochen im Einsatz sind. Ob also nach sechs oder zwölf Monaten sogenannte Impfkomplikationen oder Impfschäden auftreten, wird man erst nach Ablauf dieser Zeiträume sehen können. Impfstoffforscher Sander betonte im RBB, dass Langzeitnebenwirkungen bei Immunisierungen nur sehr selten auftreten. Zwar seien die Corona-Vakzine eine neue Klasse von Impfstoffen, "aber das Prinzip, mit dem eine Immunantwort aktiviert wird, ist im Grunde genommen dasselbe. Es wird eine Immunantwort gegen ein virales Protein, ein Eiweiß, gebildet." Ein Restrisiko bestehe darin, dass sich die gebildete Immunantwort auch gegen körpereigene Eiweiße richten kann.

PEI-Chef Cichutek betonte zum Jahresabschluss: "Wir stellen sicher, dass der hohe Qualitätsanspruch bei den Dosen jeder Charge gegeben ist." Natürlich seien die Langzeit-Beobachtungen noch nicht vollständig. "Jedoch haben wir Daten von frühen Geimpften, die keinerlei Auffälligkeiten gezeigt haben." Das Paul-Ehrlich-Institut erfasst auch nach der Zulassung der Impfstoffe zentral und herstellerunabhängig die Wirksamkeit, mögliche Nebenwirkungen und Impfreaktionen. So soll sichergestellt werden, dass auch Risiken von Impfstoffen erfasst werden, die so selten sind, dass sie erst bei einer sehr großen Anzahl von Impfungen sichtbar werden.

Vertrauen lässt sich nicht erfinden

Diese Informationen könnten für die Akzeptanz der Corona-Impfung noch eine erhebliche Rolle spielen, ebenso wie die noch nicht genau festzulegende Zeit, wie lange die Immunität gegen Sars-Cov-2 nach einer Impfung anhält. Die Weltgesundheitsorganisation sieht in der Bereitschaft sich impfen zu lassen bereits die nächste Hürde bei der Bekämpfung der Pandemie.

In Deutschland wollen sich inzwischen einer aktuellen YouGov-Umfrage zufolge etwa zwei Drittel der Menschen impfen lassen, viele haben allerdings Angst vor Nebenwirkungen und wollen zunächst noch abwarten. Lediglich 32 Prozent der Befragten sind bereit, sich so schnell wie möglich immunisieren zu lassen. Im Frühjahr, als ein Impfstoff noch in weiter Ferne lag, hatten 80 Prozent ihre Bereitschaft zur Impfung bekundet. Eine Studie von Forschenden der Universität Princeton kam jedoch kürzlich zu dem Schluss, dass eine Ausrottung des Coronavirus bei 30 Prozent Impfverweigerern kaum möglich ist.

Denn für eine Immunisierung der Bevölkerung ist Experten zufolge eine Impfquote von 60 bis 70 Prozent notwendig. Das betonten auch Spahn und Wieler noch einmal. Durch die erhöhte Ansteckungsgefahr bei der mutierten Virusvariante könnten aber auch Impfquoten von 80 Prozent nötig werden. Spahn setzt dabei darauf, dass eine größere Verfügbarkeit an Corona-Impfstoffen auch das Erreichen der Herdenimmunität ermöglichen würde und versicherte, dass die Impfkapazitäten weiter hochgefahren werden. Für das Erreichen der Herdenimmunität würde es aber der WHO zufolge nicht ausreichen, lediglich über die Impfstoffe zu informieren, obwohl Informationen eine wichtige Säule bleiben werden. Die Experten raten dazu, das Impfen einfach, schnell und erschwinglich zu machen und schlagen beispielsweise vor, an Schulen standardmäßig alle Schülerinnen und Schüler zu impfen, die dem nicht ausdrücklich widersprechen. Das könne die Impfraten gegenüber einem Prozedere, bei dem man sich für die Impfung anmelden müsse, deutlich erhöhen. Auch die sichtbare Impfung von "vertrauenswürdigen Persönlichkeiten der Gemeinschaft" und Angehörigen der Gesundheitsberufe könne mehr Akzeptanz erzeugen.

Allgemein wird erwartet, dass mit der Zunahme der Impfungen die Ängste abnehmen werden. Zur Impfbereitschaft könnte auch die Schwere der zweiten Infektionswelle beitragen, mittlerweile sind in Deutschland mehr als 30.000 Menschen nach bestätigten Corona-Infektionen gestorben. Covid-19-Erkrankungen ziehen zahlreiche und zum Teil noch unklare Langzeitfolgen nach sich. Im Zweifelsfall könnten sich viele doch für die Immunität gegen eine potenziell tödliche Krankheit entscheiden. Oder wie es Cichutek formulierte: "Haben Sie Vertrauen. Ein kleiner Piks schützt vor einer gefährlichen Infektion."

Quelle: ntv.de