Panorama

"Kirche liebt Geschichte" Papst will Archive aus NS-Zeit öffnen

117890354.jpg

Die Rolle von Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs ist umstritten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Rolle von Papst Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs ist auch Jahrzehnte nach seinem Tod umstritten. Um dies zu ändern, kündigt Papst Franziskus nun an, Forschern geheime Archive zu dem Pontifikat zugänglich zu machen.

Papst Franziskus lässt das Geheimarchiv des Vatikans zum umstrittenen Pontifikat von Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs öffnen. Die Akten sollen ab dem 2. März 2020 für Forscher zugänglich sein, wie Franziskus bei einer Audienz Mitarbeitern des Archivs ankündigte. Die israelische Regierung und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem begrüßten den Schritt. "Wir freuen uns über die Entscheidung und hoffen, dass sie den Zugang zu allen relevanten Archiven ermöglicht", sagte ein Sprecher des israelischen Außenministeriums.

Ziel sei es, dass "seriöse und objektive" Forschung die "glänzenden Momente dieses Papstes ebenso wie die Momente größter Schwierigkeiten" im rechten Licht und mit der angemessenen Kritik erscheinen lassen kann, sagte Papst Franziskus weiter. Pius habe versucht, "in den Zeiten größter Dunkelheit und Grausamkeit die kleine Flamme humanitärer Initiativen wach zu halten".

Vereinbarungen mit NS-Regime

Pius XII. war von 1939 bis zu seinem Tod im Jahr 1958 Papst. Er wurde nach dem Krieg kritisiert, nicht entschieden genug gegen die NS-Verbrechen die Stimme erhoben und über den Holocaust geschwiegen zu haben. Seit langem streiten sich Historiker über dessen Rolle und die des Vatikans während der Nazi-Herrschaft. "Die Kirche hat keine Angst vor der Geschichte, im Gegenteil, sie liebt sie", sagte Franziskus nun. Anlass für die Ankündigung ist der 80. Jahrestag der Wahl des Italieners Eugenio Pacelli zum Papst am 2. März 1939.

Zum Hintergrund: Die katholische Kirche war in den vergangenen Jahren der Weimarer Republik als Kritikerin des Nationalsozialismus aufgetreten. Adolf Hitler wollte daher mit einem Reichskonkordat ihre einflussreiche Stellung schwächen. Der Vatikan erhoffte sich von dem 1933 vereinbarten Konkordat - damals war Pacelli Kardinalstaatssekretär und damit oberster Diplomat des Vatikans - einen gewissen Schutz der katholischen Kirche vor der Gleichschaltung. Doch schnell wurde klar, dass sich das NS-Regime nicht an die Zusicherungen hielt.

Proteste gegen Seligsprechung

Das päpstliche Rundschreiben "Mit brennender Sorge" vom März 1937 - damals war noch Pius XI. im Amt - verurteilte die Vertragsbrüche und distanzierte sich von der nationalsozialistischen Ideologie. Die Juden wurden allerdings nicht konkret genannt.
Kritiker warfen anschließend Pius XII. vor, nicht oder nicht genügend gegen die Räumung des jüdischen Ghettos in Rom und die Deportation der Bewohner nach Auschwitz im Herbst 1943 eingeschritten zu sein. Seine Verteidiger betonten allerdings, er habe tausenden Juden Kirchenasyl gewährt.

1963 wurde in Berlin erstmals das Stück "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth aufgeführt, das weltweit Schlagzeilen machte. Es stellt Pius als kaltherzigen Diplomaten dar, der sich mitschuldig am Tod vieler Juden gemacht habe. Gegen Pius' Seligsprechung, die Papst Johannes Paul II. für das Jahr 2000 geplant hatte, protestierten Israel und der Zentralrat der Juden.

Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zeigte sich optimistisch, dass dies "eine objektive und offene Forschung sowie einen umfassenden Diskurs über Themen in Bezug auf das Verhalten des Vatikans im Besonderen und der katholischen Kirche im Allgemeinen während des Holocausts ermöglicht".

Auch das American Jewish Committee (AJC) begrüßte den Schritt. "Die Entscheidung von Papst Franziskus, diese Materialien nun vollständig öffentlich und für internationale wissenschaftliche Forschung zugänglich zu machen, ist für die katholisch-jüdischen Beziehungen enorm wichtig", erklärte Rabbi David Rosen, Internationaler Direktor für Interreligiöse Angelegenheiten beim AJC. Es sei besonders wichtig, dass Experten der führenden Holocaust-Gedenkstätten in Israel und den USA die Aufzeichnungen auswerteten.

Quelle: n-tv.de, psa/jwu/dpa

Mehr zum Thema