Panorama

Auf alles vorbereitet? So arbeitet ein Krisenstab

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Das Herz des Wittenberger Krisenstabs im großen Sitzungssaal des Rathauses.

(Foto: Martin Ferch)

Rund 11.000 Städte und Gemeinden gibt es in ganz Deutschland. Viele von ihnen haben Krisenstäbe eingerichtet - selbst in Regionen, die bislang weitgehend von Corona verschont geblieben sind. Doch was machen die Frauen und Männer dort eigentlich den ganzen Tag?

Die Buntglasfenster im großen Sitzungssaal des Wittenberger Rathauses - sechs Meter hohe Decken, wuchtige Ratsherrenmöbel aus dunklem Edelholz, staatstragende Holzschnitzereien an den vertäfelten Wänden - sind mehr als hundert Jahre alt, erzählen aber eine Geschichte, die kaum aktueller sein könnte: Die Stadtbevölkerung ist darauf zu sehen, unterteilt in verschiedene Gruppen. Die Menschen sind zwar räumlich voneinander getrennt, durch einen Schiffsrumpf, der sich über alle fünf Fenster hinweg zieht, aber doch miteinander verbunden. Die Botschaft ist klar: Wir sitzen alle im selben Boot.

An einem Nachmittag Anfang April hat sich der Krisenstab der 17.000-Einwohner-Stadt im äußersten Nordwesten Brandenburgs unter den stichwortgebenden Fenstern versammelt, um wie jeden Tag seit mehr als drei Wochen darüber zu reden, wie sich ebenjenes Boot am besten durch die Corona-Krise steuern lässt. Der altehrwürdige Saal wurde dafür kurzerhand zum Lagezentrum umgebaut: Die Ratsherrenmöbel wurden zu einem großen U zusammengeschoben, auf dem die Rechner des Krisenstabs stehen. Ein Beamer projiziert die aktuellen Nachrichten an eine Wand, Julia Klöckner spricht bei ntv gerade über die Herausforderungen für die Landwirtschaft.

Von Raketenfabriken und Gesichtsmasken

Lars Wirwich hat indes keine Augen für die Ministerin, das Mitglied des Krisenstabs brieft gerade die übrigen Mitglieder zu den aktuellen Entwicklungen der vergangenen Stunden. Wirwich, in normalen Zeiten Stadtbrandmeister und Mitarbeiter der EDV-Abteilung im Wittenberger Rathaus, dreht dabei mehrere immer enger werdende Schleifen, angefangen bei weltweiten Ereignissen bis hinunter auf die lokale Ebene: Während eine Raketenfabrik in Israel jetzt Beatmungsgeräte baut und verwaiste Hotels in deutschen Großstädten ihre Zimmer in Homeoffice-Arbeitsplätze verwandeln, hat in Wittenberge die effiziente Beschaffung und Verteilung von Gesichtsmasken Priorität.

Nach einem öffentlichen Aufruf haben sich viele Menschen gemeldet, die nun in Heimarbeit nähen. Die Stadt möchte gewappnet sein, falls Land oder Landkreis dem Beispiel von Jena folgen und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zur Pflicht machen. Wichtig ist den Stabsmitarbeitern dabei die Sprachregelung: "Schutzmaske" sei tabu, schließlich erfüllen die selbstgenähten Masken nicht die üblichen medizinischen Normen, sondern sollen vor allem die Mitmenschen vor einer Ansteckung schützen.

Die Herausforderungen, vor denen die Wittenberger im Zeichen der Corona-Krise stehen, sind exemplarisch für die, vor denen auch die übrigen rund 11.000 deutschen Städte und Gemeinden stehen: Wie lässt sich der Alltag der Menschen in einer Zeit organisieren, die mit Alltag so rein gar nichts zu tun hat? Wie können die unterschiedlichen Vorgaben und Beschränkungen von Bundes-, Landes- und Landkreisseite möglichst effizient umgesetzt werden? Und wie lässt sich gleichzeitig sicherstellen, dass die Verhältnismäßigkeit bei alldem gewahrt bleibt?

Bloß nicht in Sicherheit wiegen

Vor allem in den ländlichen und dünner besiedelten Regionen Deutschlands scheint die Krise manchmal noch ganz weit weg zu sein: Gerade mal 13 bestätigte Fälle gibt es momentan in der Prignitz, dem Landkreis, in dem Wittenberge liegt - eine der niedrigsten Infektionsraten in ganz Deutschland. Trotzdem hat sich der Krisenstab der Stadt dazu entschlossen, kein Risiko einzugehen, auch weil es einen engen Kontakt ins nur 100 Kilometer entfernte Wolfsburg gibt, "und wir wissen, wie schwierig die Lage dort gerade ist", sagt Krisenstabsmitglied Wirwich. Auch in der niedersächsischen Stadt war es lange ruhig, mittlerweile sind in einem einzigen Pflegeheim 22 Menschen gestorben. Bloß nicht in Sicherheit wiegen, das ist die Lehre aus Wolfsburg.

Zumindest in Wittenberge nehmen sie diese Lehre sehr ernst: Sollte es hart auf hart kommen und sich eines oder mehrere der Stabsmitglieder mit Corona infizieren, wartet im Homeoffice ein exakt gespiegelter Zweitstab, um die Arbeit nahtlos weiterführen zu können. Gute Vorbereitung und eine gesunde Portion Vorsicht sind eben die entscheidenden Komponenten jeder Krisenstabsarbeit - selbst in Zeiten, in denen ein ganzes Land nur auf Sicht fahren kann.

Quelle: ntv.de