Panorama

Montgomery im ntv-Interview Vierte Welle - "Das ist keine Angstmache"

70b72304611b38921b898ec7187400a2.jpg

Es ist schon wieder gut was los in der Heidelberger Altstadt. Im Herbst könnte es sich dann rächen, wenn sich zu wenige Menschen komplett impfen lassen.

(Foto: imago images/Ralph Peters)

In Sachen Corona ist Deutschland auf einem guten Weg. Die Inzidenz sinkt, das Impfen geht voran. Doch das birgt in den Augen des Vorstandsvorsitzenden des Weltärztebundes Montgomery eine Gefahr: Die Menschen könnten beim Impfen nachlässig werden - und würden dann im Herbst die Quittung dafür bekommen.

ntv: Die Inzidenz fällt in Richtung 20, bei vielen stellt sich das Gefühl von Normalität ein. Wie kann man jetzt eine Impfmüdigkeit vermeiden?

Frank Ulrich Montgomery: Zuerst mal sollen wir froh sein, dass wir jetzt schon bei 20 sind. Das ist ja ein toller Erfolg, ein ganz entscheidender Erfolg übrigens des Lockdowns, der jetzt aufgenommen wird vom Impfen. Und da müssen wir den Menschen einfach klarmachen: Um dauerhaft Ruhe vor dem Virus zu haben, brauchen wir eine Impfquote in der Dimension von 80 Prozent der Bevölkerung. Das heißt, wir dürfen jetzt nicht aufhören. Und wir müssen den Menschen klarmachen, dass die Impfung nur wirkt, wenn sie vollständig durchgezogen ist.

Wie kann man das den Leuten klarmachen?

Montgomery.jpg

Frank Ulrich Montgomery ist Chef des Weltärztebunds.

(Foto: ntv)

Die Amerikaner haben es sehr interessant gemacht, sie haben richtige Lotterien gemacht, Geschenke ausgeworfen. Das ist aber, glaube ich, nicht der richtige Weg. Ich baue nach wie vor auf die Intelligenz der Leute. Ein paar werden wir dabei nicht erreichen, aber eine Impfpflicht ist in Deutschland nicht durchsetzbar, obwohl ich sie eigentlich für gar nicht so schlecht hielte.

Können Sie sich vorstellen, dass man Richtung Herbst nochmal neu über eine Impfpflicht nachdenken muss, wenn die Impfwilligkeit abnimmt?

Eine Impfpflicht muss immer das Risiko und den Nutzen für den Einzelnen abwägen. Und wenn die Daten, die wir im Moment über die Impfung von Kindern und Jugendlichen haben, stimmen, dass nämlich die Krankheit bei ihnen fast keine Effekte, aber die Impfung durchaus Nebenwirkungen hat, wird sich daraus niemals eine Impfpflicht ableiten lassen. Würden wir Kinder impfen, haben wir nur einen Nutzen für die Gesellschaft, aber nicht für das Kind, den Impfling selber. Deswegen glaube ich, dass wir von einer Impfpflicht für diese Art der Erkrankung wissenschaftlich noch weit entfernt sind.

Und was ist mit den Erwachsenen?

Sie können keine Impfpflicht für einzelne Teile der Bevölkerung vorschlagen, das geht nicht. Das ist Vollbart oder glattrasiert, entweder alle oder keiner! Aber nein, ich glaube, dass diese Debatte im Moment aus den wissenschaftlichen Fakten noch nicht abzuleiten ist.

Welche Folgen hätte das denn in der zweiten Jahreshälfte, wenn wir nicht auf eine Impfquote von 80 Prozent, die sie gerade angesprochen haben, kommen?

Dann werden wir wieder Lockdown-Maßnahmen einführen müssen. Es wird ja schon so im Hintergrund ein kleines bisschen von der drohenden vierten Welle im Herbst geredet. Das ist keine Angstmache. Wenn wir jetzt nicht nach dem erfolgreichen Brechen der dritten Welle durchimpfen, dann laufen wir Gefahr, im nächsten Herbst wieder in dieselbe Kalamität hereinzukommen, wie wir sie im letzten Herbst hatten.

Wenn man jetzt die zweite Impfung auslässt, welche Folgen hat das?

Das hätte die Folge, dass mindestens die Erfolgsraten, die in den wissenschaftlichen Studien nachgewiesen sind, nicht da wären. Insofern sinkt dadurch der Immunisierungsgrad in der Bevölkerung, aber er ist natürlich immer noch besser, als wenn man gar nicht geimpft hätte. Wenn dieser sogenannte Boost der zweiten Impfung fehlt, könnten wir möglicherweise auch sehr viel schneller wieder unsere Immunität gegen die Erkrankung verlieren. Und dann bräuchten wir umso intensivere neue Impfkampagnen im Herbst oder später. Deswegen kann ich nur jedem raten, auch zum zweiten Impftermin zu gehen.

Seit Montag gibt es keine Impfpriorisierung mehr, und die Ärzte stöhnen, weil sie noch längst nicht ihre Risikogruppen durchgeimpft haben. Jetzt wollen alle einen Impftermin. Wann wäre der richtige Moment gewesen, um die Impfpriorisierung auszusetzen?

Ich glaube schon, dass es der richtige Moment ist, jetzt in die Fläche zu gehen, dass Hausärzte und Betriebsärzte mitimpfen. Der beste Moment wäre natürlich gewesen, wenn es für alle ausreichend Impfstoff gegeben hätte. Würden alle Ärzte in Deutschland - Betriebsärzte, Hausärzte, Fachärzte - zusammen handeln und hätten ausreichend Impfstoff, hätten wir in zwei bis drei Wochen die gesamte Bevölkerung durchgeimpft. Der Kernmangel ist die Impfstoffknappheit, und jetzt gibt es dadurch administrative Probleme. Die Lösung heißt: mehr Impfstoff. Und da muss die Regierung, muss die Europäische Union dafür sorgen, dass ausreichend Impfstoff nach Deutschland kommt.

Jens Spahn hat in Aussicht gestellt, dass der Mangel in zwei bis drei Wochen behoben ist. Ist das realistisch, dass wir gegen Ende des Monats über genug Impfstoff für alle verfügen?

Wenn die Lieferzusagen, die die Firmen gemacht haben, eingehalten werden können, müsste das eigentlich der Fall sein. Es liegt ja nicht immer nur an den Firmen, wenn nicht geliefert wird. Manchmal geht ja auch so eine ganze Charge kaputt. Das sind dann plötzlich mal eine Million Dosen, die einfach wegfallen, weil es ein Produktionsproblem gegeben hat. Das erinnert uns nochmal daran, dass die Herstellung von Impfstoffen kein Sirupkochen in der Küche ist, sondern wirklich eine ganz schwierige Angelegenheit.

Mit Frank Ulrich Montgomery sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.