Panorama

Viele Corona-Tote in Altenheimen Wurden Italiens Senioren im Stich gelassen?

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Dass besonders ältere Menschen ein hohes Infektionsrisiko haben, ist schon lange bekannt.

(Foto: AP)

In den italienischen Altersheimen steigen die Totenzahlen schnell - in der Lombardei noch schneller als anderswo. Menschen verlieren ihre Eltern und Großeltern und fragen in ihrer Trauer, ob wirklich alles getan wurde, um die Senioren zu schützen. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Die Zahl der Todesfälle in den 7000 italienischen Altersheimen sind erschreckend - besonders in der Lombardei. Insgesamt 300.000 Menschen verbringen ihren Lebensabend in diesen Einrichtungen. Wie viele nun dort am Coronavirus gestorben sind, kann man jetzt noch nicht sagen und wird es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht können. Denn der Großteil wurde nicht auf das Virus getestet. Fest steht, dass im Monat März überdurchschnittlich viele Altenheimbewohner gestorben sind.

In einem Heim im Mailänder Vorort Mediglia sind im März 63 von insgesamt 150 Bewohnern gestorben. In dem von Santa Chiara in Lodi 50 von 250 Bewohnern, in dem in Brembate 70 von 200. In Bergamo sind von insgesamt 6000 Heimbewohnern 600 gestorben. Die Medien sprechen von einer Hekatombe, also einem gewaltigen Verlust an Menschen. Die Angehörigen sind verzweifelt. Bei Nachfragen wurde ihnen gesagt, sie sollen sich keine Sorgen machen, ihren Lieben gehe es gut. Die nächste Nachricht war dann häufig die von deren Tod.

Jetzt haben sich viele der Hinterbliebenen zu Komitees zusammengeschlossen und fordern Untersuchungen. Sie wollen Antworten auf ihre Fragen: Warum gibt es so viele Todesfälle? Wurde alles unternommen, um die Bewohner vor einer Ansteckung zu schützen? War das Personal ausreichend vorbereitet und mit den nötigen Schutzvorkehrungen ausgestattet?

Seit Anfang März dürfen die Angehörigen nicht mehr in die Alters- und Pflegeheime. Das Virus könnte sich aber schon vorher verbreitet haben oder vom Personal eingeschleppt worden sein, wie auch die wachsende Zahl der mittlerweile krankgeschriebenen Mitarbeiter nahelegt. Bis vor Kurzem gab es nicht genug Schutzbekleidung und die meisten Pflegenden sind bis heute nicht auf das Virus getestet worden.

Zahl der Toten vertuscht?

Im Mailänder Pio Albergo Trivulzio (PAT), dem größten und ältesten Altersheim Italiens, leben 1012 Menschen. Ein kleiner Teil davon ist nur vorübergehend in der Kranken- beziehungsweise Rehablitationsstation. Im PAT, das seit dem Jahr 1770 besteht, sind im März 70 Menschen gestorben und in der ersten Aprilwoche weitere 30.

Doch bis vor Kurzem hieß es, im PAT gebe es nur wenige Todesfälle, die auf das Coronavirus zurückzuführen seien. Eine Darstellung, die am Samstag von der Tageszeitung "La Repubblica" widerlegt wurde und jetzt zu einem regelrechten Skandal ausarten könnte. In der Reportage las man, dass dem Pflegepersonal noch am 3. März, als die Epidemie in der Lombardei schon mit aller Wucht ausgebrochen war, verboten wurde, Mundschutz zu tragen. Angeblich, um die Bewohner nicht zu erschrecken. Dieser Verordnung widersetzte sich aber Luigi Bergamaschini, der im PAT arbeitete. Er wurde wegen "Gehorsamsverweigerung" des Dienstes enthoben. Die Verwaltung widersprach dem Zeitungsbericht. Man habe Bergamaschini vom Dienst befreit, weil er 70 Jahre alt ist, hieß es in der offiziellen Stellungnahme. Was sich im PAT und in anderen Heimen wirklich zugetragen hat, ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft.

Dass in den Altersheimen so manches schiefgelaufen ist, bestätigen auch viele Pfleger. "Auch uns wurde am Anfang verboten, Mundschutzmasken zu tragen", bestätigt ntv.de eine Pflegerin, die anonym bleiben möchte. Ohne Erlaubnis der Heimverwaltung dürfe man keine Interviews geben. Diese Verordnung gilt auch für die Sanitäter in den Krankenhäusern. In dem Heim, in dem sie arbeite, seien die Bewohner mittlerweile getrennt worden. Die Verdachtsfälle liegen im oberen Stockwerk, die anderen im Erdgeschoss.

Nur Kontrollfunktion

"Allein dieses Wochenende sind elf Menschen gestorben. Ob am Coronavirus oder an Lungenentzündung - wer kann das schon sagen. Abstriche werden ja nicht gemacht." Immerhin gebe es jetzt für das Personal Mundschutz, Kittel und Handschuhe. Sie selber setze sich vorsichtshalber auch noch eine Haube auf. "Natürlich habe ich Angst, aber ich bin auch unendlich traurig. Ich arbeite seit über zehn Jahren hier, kannte all die Verstorbenen. Und deshalb frage ich mich immer wieder: Hätte man viele nicht retten können, wenn Schutzmaßnahmen früher getroffen worden wären?"

Eine Frage, die an die Verwaltung gerichtet ist, aber auch an die lombardische Regionalverwaltung. Deren Präsident Attilio Fontana antwortete darauf in einem Interview, man habe alles Nötige getan. ntv.de stellte dieselbe Frage dem Vizepräsidenten der Lombardei, Fabrizio Sala, und bekam folgende knappe Antwort: "Wir sind gerade dabei, einen Ermittlungsausschuss zu benennen, um eventuelle Fehlverhalten aufzudecken. Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass die Region nur eine Kontrollfunktion hat." Anders gesagt: Die regionale Verwaltung trifft keine Schuld. Die Mailänder Staatsanwaltschaft hat inzwischen Ermittlungen aufgenommen.

Quelle: ntv.de