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Vier Kilometer vom Lager der Bundeswehr entfernt kam es vergangene Woche zu einem Selbstmordanschlag.
Vier Kilometer vom Lager der Bundeswehr entfernt kam es vergangene Woche zu einem Selbstmordanschlag.(Foto: imago/Markus Heine)
Sonntag, 25. November 2018

Drohnenpilot schildert Anschlag: Als im Camp Castor die Wände zitterten

Von Issio Ehrich, Gao

Vier Kilometer entfernt von einem Bundeswehr-Camp in Mali sprengt sich Mitte November ein Selbstmordattentäter in die Luft, kurz vor dem Besuch der Verteidigungsministerin. Jetzt berichten Soldaten, wie sie diese aufreibenden Stunden erlebt haben.

Drohnenpilot H. war gerade im Fitnessraum, als es krachte. Ihm war sofort klar, dass die Ursache für den Lärm keine Hantel sein konnte, die einem seiner Kameraden auf den Boden gefallen war.

An einem Montag Mitte November, um genau 19.12 Uhr, zitterten im Camp Castor die Wände. Rund vier Kilometer vom Lager der Bundeswehr in Mali entfernt jagte sich ein Selbstmordattentäter in die Luft. Mit 850 bis 1000 Kilogramm Sprengstoff. Die Wucht der Explosion war so gewaltig, dass einige Bundeswehrsoldaten glaubten, der Angriff gelte ihnen. Der Knall war der Auftakt eines dramatischen Abends, vor allem für H. und seine Kollegen. Sie steuern die Aufklärungsdrohnen vom Typ Heron.

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"Ich konnte die Druckwelle spüren", erinnert sich der Drohnenpilot. H. stellte sich auf einen Einsatz ein. Vom Fitnessraum auf die Stube, schnell umziehen, dann gleich weiter ins Joint Operation Center. Dort laufen bei derartigen Situationen alle Fäden zusammen. Techniker machten schon einmal die Heron startklar.

Bis ein offizieller Auftrag für den Einsatz einer Drohne vorliegt, dauere es normalerweise eine halbe Stunde, sagt er. Doch an jenem Tag war in Mali für die Bundeswehr nichts normal. Nicht nur wegen der Bombe. Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen besuchte das Land. Zum Zeitpunkt des Anschlags war sie zwar weiter im Süden, dort sind in der Hauptstadt Bamako und Koulikoro ebenfalls Bundeswehrsoldaten stationiert. Sie plante aber gerade, weiter nach Gao zu reisen. Für die Bundeswehr erhöhte das einerseits den Druck - ein Anschlag ausgerechnet während eines hohen Besuchs. Andererseits waren durch von der Leyens Präsenz alle wichtigen Entscheidungsträger schon beisammen. "Da wurde kurz getuschelt, dann hatten wir den Auftrag", sagt H. "Nach zwei Minuten."

Hubschrauber der Kanadier, die ebenfalls im Camp Castor stationiert sind, waren als erste in der Luft. Sie lieferten Koordinaten zum Anschlagsort. Der Selbstmordattentäter hatte den Sitz der Nichtregierungsorganisation The Development Initiative (TDI) angegriffen. TDI räumt gemeinsam mit den Vereinten Nationen (UN) in Mali Minen. Die Heron war laut H. ungefähr 25 Minuten nach dem Attentat über der Anschlagsstelle. Die schwarz-weißen Infrarotbilder zeigten deutlich das brennende Gebäude in der Dunkelheit der Nacht.

Erinnerungen an Afghanistan

Während H. von jenem Abend erzählt, steht er in der sogenannten Kontrollbox, dem Cockpit der Drohnenpiloten - ein Container, vollgestopft mit Monitoren, auf denen Karten und Luftaufnahmen flimmern. Aus einer Bedienkonsole ragen mehrere Joysticks, Trackballs und Schalter. In der Kontrollbox hat sich dieselbe Besetzung versammelt, die auch am Anschlagtag im Einsatz war. Neben H. ist ein weiterer Pilot da sowie ein Tactical Operator. Sie sind für die Steuerung der Sensoren der Heron zuständig.

Techniker bereiten eine Heron-Drohne für den nächsten Start vor. Das Fluggerät absolviert im Himmel über Mali Tausende Flugstunden.
Techniker bereiten eine Heron-Drohne für den nächsten Start vor. Das Fluggerät absolviert im Himmel über Mali Tausende Flugstunden.(Foto: Issio Ehrich)

Der zweite Pilot erinnert sich an das mulmige Gefühl, das er beim Blick auf den Anschlagsort an jenem Abend hatte. "Da waren unglaublich viele Menschen mit Motorrädern unterwegs", sagt er. "Motorräder erinnern mich immer an Afghanistan."

Am Hindukusch bewegten sich potenzielle Attentäter oft damit fort. In Mali fährt zwar fast jeder, der motorisiert unterwegs ist, auf zwei Rädern. In einigen Teilen des Landes ist der Begriff "Motorradmänner" allerdings schon ein geflügeltes Wort für all jene, die nichts Gutes bringen. H.s Drohnencrew fürchtete, dass auf den großen Knall eine zweite Detonation folgen könnte. Es ist eine bekannte Strategie, insbesondere einiger islamistischer Terrorgruppen, nochmals zuzuschlagen, wenn Hilfskräfte versuchen, die Verletzten zu bergen.

Zu dem Anschlag bekannt hat sich die "Gruppe zur Unterstützung des Islams und der Muslime" (GSIM), eine Miliz mit Verbindungen zu Al-Kaida und der zentrale Spieler des Dschihadismus in Mali. GSIM nannte den Angriff einen Schlag gegen die "Kreuzritter-Invasoren" in Gao, wo "britische, deutsche und kanadische" Kräfte stationiert sind.

Drei Tote, rund 30 Verletzte

Während die Drohnencrew die Heron über dem Anschlagsort hielt - das Fluggerät kann mehr als 20.000 Fuß aufsteigen und ist vom Boden kaum zu bemerken - machten sich Bundeswehr-Analysten daran, soziale Netzwerke auf Hinweise zu untersuchen. Da viele Malier ein Handy besitzen, sind sie eine wichtige Quelle für zusätzliche Informationen. Flughöhe, Kamerawinkel, Position - die Drohnencrew kann Tweets und Facebooknachrichten nutzen, um Hinweise auf gute Perspektiven vor Ort zu finden.

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H. erinnert sich an beklemmende Bilder: Der Selbstmordattentäter hatte einen Geländewagen auf den Hof des NGO-Sitzes gesteuert - angeblich, als die Tore während eines Wachwechsels offen standen. Der Krater, den die Bombe hinterließ, war fast mannshoch, zwei Stockwerke des NGO-Sitzes waren nur noch Gerippe. H. sah das Leid der Opfer. Bei dem Anschlag verloren drei Menschen ihr Leben, rund 30 wurden verletzt. Darunter waren mindestens drei Mitarbeiter von TDI. "Meistens verarbeitet man das erst, wenn man nach dem Einsatz so richtig zur Ruhe kommt", sagt der Drohnenpilot. 

Der tödlichsten Einsatz der UN

Neben H.s Heron stieg noch eine weitere Drohne des Typs Lunar auf, um die Zufahrtswege zum Camp Castor zu schützen - "Eigensicherung" heißt das im Militärjargon. Am Boden rückte der Alpha-Zug mit gepanzerten Wagen aus, um einen Checkpoint der malischen Armee vorm Camp zu verstärken. Denn es war nicht auszuschließen, dass es sich um einen komplexen Anschlag handeln könnte - eine Serie von Angriffen, die letztlich das Ziel haben, Camp Castor oder das benachbarte "Super Camp" anderer Truppen der Vereinten Nationen zu treffen.

Die Bundeswehr beteiligt sich in Mali neben der Ausbildung der Armee an einer Stabilisierungsmission. Die als Minusma bezeichnete Operation ist mit rund 12.000 Mann eine der größten der UN. Sie ist eine Reaktion auf den Bürgerkrieg im Jahr 2012. Damals eroberten Tuareg-Rebellen aus dem Norden und Islamisten große Teile des westafrikanischen Landes. Mithilfe Frankreichs gelang es, die Rebellen zurückzudrängen, doch insbesondere im Norden und zusehends auch im Zentrum Malis eskaliert die Gewalt immer wieder.

Drohnen-Piloten der Bundeswehr suchen nach improvisierten Sprengsätzen auf der Strecke zwischen Gao und der Hauptstadt Bamako.
Drohnen-Piloten der Bundeswehr suchen nach improvisierten Sprengsätzen auf der Strecke zwischen Gao und der Hauptstadt Bamako.(Foto: Bundeswehr)

Ein beliebtes Ziel der Dschihadisten: Blauhelm-Soldaten. Kein UN-Einsatz ist so tödlich wie der in Mali. Die Vereinten Nationen berichteten immer wieder, dass sich die Sicherheitslage eher verschlechtere statt bessere. Generalsekretär Antonio Guterres forderte zuletzt eine ganze Reihe von Staaten auf, mehr Geld in den Anti-Terrorkampf in der Sahel-Region zu investieren.

Drohnen mit rund 6400 Flugstunden

Anders als für die UN-Mission insgesamt sind die Operationen in Mali für die Deutschen nicht ganz so gefährlich. Die Bundeswehr verlor bisher zwei Soldaten durch einen Absturz eines defekten Helikopters. Oft angegriffen wird die Truppe nicht - was auch daran, liegt, dass sie meist nicht dort im Einsatz ist, wo der Widerstand gegen die internationalen Truppen am größten ist. Außerdem ist die Bundeswehr in Gao vor allem dafür zuständig, den UN-Kräften Informationen über das Einsatzgebiet bereitzustellen. Neben Patrouillen mit gepanzerten Wagen in der Stadt und in den staubigen Landschaften rund um Gao ist der Einsatz der Heron von besonderer Bedeutung. Die drei eingesetzten Drohnen dieses Typs haben schon rund 6400 Flugstunden absolviert.

Für andere Nationen sind die Gefahren teils erheblich höher als für die Bundeswehr. Das zeigt auch der Tag des jüngsten Anschlags in Gao. Denn es waren Blauhelm-Soldaten aus dem Senegal, die sich mit Bodenpersonal bis zum Anschlagsort vorwagten. Sie halfen dabei, einige Verletzte in das Krankenhaus im Super Camp zu bringen. Eigene Verluste mussten sie in dieser Nacht nicht verkraften. Die Befürchtungen H.s, es könnte eine zweite Explosion oder gar eine Serie an Angriffen geben, bestätigte sich nicht.

Indes widmet sich H.s Crew wieder ihrem aktuellen Einsatz: Auf den Monitoren in der Kontrollbox ist die einzige Brücke zu erkennen, die rund um Gao über den Niger führt. Pilot und Tactical Operator scannen eine Straße auf "IEDs" ab - improvisierte Sprengsätze, die Attentäter gern an Brücken und Wasserunterläufen verstecken. Die Straße ist von großer Bedeutung für die UN-Mission. Konvois nutzen sie, um von der Hauptstadt Bamako nach Gao zu gelangen. Es geht um Material und Menschenleben. Zeit, um Erlebnisse wie den jüngsten Anschlag vorm Besuch der Ministerin zu verdauen, haben H. und seine Crew erst, wenn sie wieder in ihrer Heimat sind.

Quelle: n-tv.de