Politik

Jahrestag der Befreiung "Auschwitz - das ist eine andere Geschichte"

imago95453644h.jpg

Kommende Woche jährt sich die Befreiung des KZ Auschwitz zum 75. Mal.

(Foto: imago images/Eastnews)

Am kommenden Montag jährt sich die Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz zum 75.Mal. Kein anderer Ort steht mehr für das Leid der Opfer im Holocaust und für die grausame Effektivität der Täter. ntv hat eine deutsche Schulklasse beim Besuch des Lagers begleitet.

Kann man sich das vorstellen? Kann man es nachfühlen, wie kalt den Menschen gewesen sein muss? Die Häftlinge im Konzentrationslager Auschwitz trugen dünne Leinenanzüge, Holzpantinen und nur selten Strümpfe. Auch an Tagen, die damals so eiskalt waren wie dieser Januarmorgen im Jahr 2020. Die Schülerinnen und Schüler der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule in Kassel ziehen sich ihre Schals und Wollmützen tief ins Gesicht. Vor ihnen steht Silwya Stanska, die die deutsche Gruppe durch Auschwitz führt. Sie erzählt, wie die Häftlinge in ihren dünnen Jacken zur Zwangsarbeit aus dem Lager geführt wurden. Die Lagerkapelle spielte Marschmusik. Und am Abend kamen immer weniger Menschen zurück, als morgens hinausmarschiert waren. Draußen in der Kälte zu sterben, war eine der vielen Möglichkeiten, in Auschwitz den Tod zu finden.

*Datenschutz

Umfragen zeigen, dass 40 Prozent der deutschen Schülerinnen und Schüler über 14 Jahren nichts mehr mit dem Begriff "Auschwitz" anfangen können. Die Klasse aus Kassel gehört nicht dazu. Alle haben sich freiwillig für die Reise gemeldet, und vorher im Geschichtsunterricht über die Nazizeit und den Holocaust gesprochen. Sie wissen, dass hier mindestens 1,1 Millionen Menschen ermordet worden sind: 900.000 wurden vergast, die anderen starben durch Kälte, oder Hunger, durch Prügel, durch Erschießungen oder den Galgen.

Eine unfassbare Zahl

1.100.000 ist eine unfassbare Zahl. Sie macht den Einzelnen zur anonymen Nummer. Doch jetzt steht die Klasse im Museum vor dem letzten Habe der Opfer: ein Berg von Schuhen, darunter sehr viele Kinderschuhe. Tausende Brillen, ineinander verknäult. Und ein ganzer Raum voller Haare. Das alles wurde den Menschen vor dem Gang in die Gaskammer abgenommen. Kein Geschichtsunterricht bereitet darauf vor. "Man sieht Filme, man liest Texte, und dann ist man hier", sagt Anna, "und das ist auf einmal Wirklichkeit, man sieht Haare, man sieht Schuhe, Bilder von Menschen, die Namen tragen. Das ist erschreckend."

image2.jpeg

Sylwia Stanska führt Besuchergruppen durch die Gedenkstätte.

"Für deutsche Besucher ist es schwierig", sagt Sylwia Stanska. "Sie haben persönlich mit den Ereignissen nichts zu tun, aber es ist, als würden sie da eine Narbe entdecken. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen." Stanska führt Besuchergruppen seit zehn Jahren durch die Gedenkstätte. Sie ist lange nach dem Krieg geboren, ihr Deutsch hat einen warmen Klang, mit stark betonten Konsonanten. "Sich mit einem schönen Kapitel der Geschichte auseinander zu setzen, fällt nicht schwer. Aber Auschwitz ist eine komplett andere Geschichte."

Es ist die Geschichte einer Fabrik, in der nur eines produziert wurde: der Tod. Mit deutscher Gründlichkeit. In vollgepackten Viehwaggons karrten die Nazis Menschen aus ganz Europa heran, Sinti und Roma, Homosexuelle, politische Gegner, vor allem aber Juden. An der Rampe von Auschwitz-Birkenau standen die SS-Ärzte: Wer noch arbeitsfähig schien, kam in die blau-weiß gestreiften Anzüge und wurde zur Zwangsarbeit abkommandiert.

In diesem Moment wurden Familien zerstört. Männer sahen ihre Frauen und Kinder zum letzten Mal. Sie wurden ihnen entrissen, und mit ihnen ihr bisheriges gemeinsames Leben. Vor allem Frauen, Kinder und Alte wurden in die Gaskammern geschickt, die Leichen anschließend verbrannt. Die Öfen im Krematorium "schafften" bis zu 4500 Körper in 24 Stunden. Deutsche Qualitätsarbeit der Firma Topf & Söhne aus Erfurt.

"Dieses Ausmaß zu sehen, dass hier systematisch die Vernichtung von Menschen betrieben wurde, wie auf einem Schlachthof, als ob sie nichts wert wären, und vorher wurden sie noch ausgeplündert - das war für mich etwas, was man nicht durch Lesen oder Hören erleben kann", sagt Jannis, einer der Schüler aus Kassel.

Als die Rote Armee am 27. Januar 1945 das Lager erreichte, waren dort noch 7000 Menschen am Leben. Tausende andere hatte die SS gezwungen, zu langen Märschen nach Westen aufzubrechen; eine letzte, für viele tödliche Qual.

"Hier kann man viel lernen"

Etwa 120 Überlebende von Auschwitz werden Montag bei einem Festakt mit Vertretern der Politik der Befreiung des Lagers vor 75 Jahren gedenken. Viele von ihnen haben ihre Geschichte in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Schülern und Studenten erzählt. einer von ihnen ist Waclaw Dlugoborski, den die Klasse aus Kassel am nächsten Tag trifft. Er ist inwischen 94 Jahr alt. "Die Nummer auf meinem Arm erinnert mich jeden Tag an Auschwitz", sagt Dlugoborski. Die Überlebenden haben Auschwitz verlassen, aber Auschwitz hat sie nie verlassen.

Was aber bedeutet das acht Jahrzehnte später noch für eine Generation, die in einer Demokratie aufgewachsen ist, und die Krieg und Folter nur aus den Nachrichten kennt? Die historische Distanz lässt eines leicht vergessen: Deutschland war vor der Machtübernahme durch die Nazis nicht so viel anders als Deutschland heute. Eine Demokratie, ein Land mit leistungsfähigen Unternehmen, mit bedeutenden Wissenschaftlern und klugen Intellektuellen. Das alles konnte den Absturz in die Barbarei von Krieg und Holocaust nicht verhindern.

Wie das möglich war, darauf findet man auch in Auschwitz keine Antwort. Doch das Lager warnt vor dem Bösen, zu dem Menschen immer fähig sind. "Hier kann man viel lernen", sagt Hassan, "auch in Deutschland nimmt der Antisemitismus ja wieder zu".

Und Auschwitz lässt die Besucher erkennen, wie ähnlich sie denen sind, die hier gelitten haben. "Das waren Familien, junge Menschen, so wie wir, die hier jämmerlich zu Tode gekommen sind, die hatten ihr ganzes Leben noch vor sich", sagt Marie. Tom stimmt zu, erwidert aber: "Ich sehe es distanzierter. Ich fühle mich nicht schuldig, und meine Großeltern sind es auch nicht."

Um Schuld geht es in Auschwitz schon lange nicht mehr. Doch solche Fragen nach dem Besuch des Lagers mitzunehmen, sei wichtig, meint Sylwia Stanska: "Wir Erwachsenen machen den Fehler, alle Fragen beantworten zu wollen. Aber oft finden die Jugendlichen später die Antwort in ihren Herzen. Sie spüren, dass das Böse von Auschwitz nicht das letzte Wort haben darf. Wichtig ist, dass sie den Besuch nicht mit Scham verbinden, sondern mit Verantwortung für die Zukunft, die sie gestalten."

2,2 Millionen Menschen haben Auschwitz im vergangenen Jahr besucht, ein neuer Rekord. Im Museum der heute polnischen Stadt hofft man, dass diese Besucher weitergeben, was sie dort erfahren haben. Denn die letzten Überlebenden können nicht mehr lange von Auschwitz berichten. Viele von ihnen werden an diesem Montag zum letzten Mal den Ort besuchen, dessen Schrecken ihr ganzes Leben geprägt hat.

Quelle: ntv.de