Politik

Machtmissbrauch in der Legion Ausländische Ukraine-Kämpfer kritisieren Führung

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Kämpfer aus rund 55 Staaten sollen in der Internationalen Legion der Ukraine vertreten sein.

(Foto: REUTERS)

Im Kampf gegen die russischen Invasoren greift die Ukraine auch auf ausländische Kämpfer zurück. Nun wenden sich mehrere Freiwillige der Internationalen Legion an die Medien. Sie werfen mehreren Kommandeuren Fehlverhalten vor.

Freiwillige Kämpfer in der Ukraine klagen einem Medienbericht zufolge über Missstände innerhalb der Internationalen Legion. Der Online-Zeitung "Kyiv Independent" liegen mehrere Aussagen von Mitgliedern des Verbands vor, die das Verhalten einiger Kommandeure stark kritisieren. Es geht um Machtmissbrauch, Himmelfahrtskommandos, sexuelle Belästigung und Plünderungen.

"Wir sind hierhergekommen, um diesen Menschen zu helfen, für dieses Land zu kämpfen, gegen diese Invasion", zitiert das Medium einen Freiwilligen aus Brasilien. "Wir sind nicht hierhergekommen, um genau das zu tun, was verdammte Russen tun, wenn sie auf ukrainischem Boden sind." Aus diesen Gründen haben er und einige Mitglieder seiner Einheit die Legion verlassen.

Ein Kämpfer aus den USA beschreibt gegenüber "Kyiv Independent" einen Einsatz in der südukrainischen Stadt Mykolajiw. Als er und seine Kameraden unter russischen Beschuss geraten seien, hätten benachbarte Einheiten den Rückzug angetreten. Seine Truppe habe alleine weiter die Frontlinie halten müssen. "Wir wurden buchstäblich zurückgelassen, und sie wollten uns nicht evakuieren", so der Amerikaner. Die Konsequenz: Ein Soldat sei getötet, drei Männer schwer verletzt worden.

Nachdem die Gruppe dem russischen Feuer entkommen sei, habe eine andere Gruppe derselben Einheit den Befehl bekommen, zu den Stellungen zurückzukehren. "Wir sagten dem Kommandeur, dass diese Stellungen von den Russen entdeckt wurden", schildert der Legionär. Doch der Protest sei vergeblich gewesen. Am Ende seien weitere vier Tote und mehrere Verletzte zu beklagen gewesen. Zudem sei ein Soldat in russische Gefangenschaft geraten.

"Es fühlte sich an, als ob wir sie ausrauben würden"

"Kyiv Independent" beruft sich neben Interviews auch auf einen 78-seitigen Bericht, den Legionäre über die Probleme innerhalb der Truppe zusammengestellt haben. Trotz Benachrichtigung der Behörden sei nichts geschehen, weswegen sich die Kämpfer nun an die Medien gewandt haben. Laut den Recherchen geht es um den Flügel der Internationalen Legion, der vom ukrainischen Militärnachrichtendienst GUR kontrolliert wird. Demnach stehen besonders drei Männer im Fokus der Kritik. Bei ihnen handelt es sich um Major Wadim Popik, der den Flügel der Legion leitet, Geheimdienstoffizier Taras Waschuk und dessen Onkel Sascha Kutschynski, ebenfalls Offizier des Geheimdienstes.

Besonders viele Beschwerden richten sich gegen Kutschynski. Er soll starker Trinker sein, der Untergebene misshandle und ausbeute und Sanitäterinnen sexuell belästige. So soll er Soldaten einen Teil ihrer Munition abgenommen haben, mutmaßlich um sie zu verkaufen. Einen Legionär, der sich geweigert habe, Teile seiner Ausrüstung abzugeben, soll er mit einer Waffe bedroht haben.

Andere Freiwillige schildern einen Vorfall nahe der Stadt Lyssytschansk im Donbass. Kutschynski habe ihnen befohlen, zu einem Einkaufszentrum zu fahren und Waren aus den Geschäften mitzunehmen: Schuhe, Frauenkleidung, Schmuck und Elektronikartikel. "Die Einheimischen haben gesehen, wie wir die Möbel verladen haben, was mir sehr unangenehm war. Es fühlte sich an, als ob wir sie ausrauben würden. Dafür bin ich nicht in die Ukraine gekommen", berichtet ein Soldat aus Kolumbien. "Kyiv Independent" liegt zu diesem Vorfall auch ein Video vor, dass eine Diskussion zwischen Kutschynski und seinen Untergebenen zeigen soll, die die Rechtmäßigkeit seiner Befehle anzweifeln.

Nachrichtendienst verweigert Stellungnahme

Großen Widerstand gegen Kutschynski habe es nicht gegeben. Bei Problemen habe sich dieser immer an Taras Waschuk gewendet, der ihn in Schutz genommen habe, erzählt ein Freiwilliger aus Skandinavien. Auch als Sanitäterinnen von Kutschynski durch sexuell anzüglicher Ausdrücke belästigt worden seien, habe es keine Konsequenzen gegeben.

"Kyiv Independent" zufolge nutzt Sascha Kutschynski auch eine falsche Identität. Demnach handelt es sich bei ihm um den Polen Piotr Kapuscinski, ein ehemaliges Mitglied einer kriminellen Organisation. Er soll in seiner Heimat bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten sein, 2014 sei er in die Ukraine geflohen. Auch hier soll er straffällig geworden sein. Wegen schweren Raubes und sexueller Nötigung habe er 2016 ein Jahr im Gefängnis gesessen. Wegen des Kriegsausbruchs sei ein laufendes Verfahren gegen ihn ausgesetzt worden.

Gegenüber "Kyiv Independent" wollte sich Kutschynski nicht zu den Vorwürfen äußern. Der für die Einheit verantwortliche Nachrichtendienst GUR verweigerte dem Blatt ebenfalls eine Stellungnahme. Das ukrainische Präsidialamt bestätigte der Zeitung den Eingang der Beschwerden. Diese seien an die Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet worden. Laut den Legionären sollen den Ermittlern aber längst mehrere Anzeigen vorliegen.

Quelle: ntv.de, jpe

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