Politik

Nawalny-Vertrauter im Interview "Das war Putins Handschrift"

Leonid Wolkow, ein enger Vertrauter des russischen Oppositionellen Nawalny, macht den russischen Präsidenten persönlich für den Mordanschlag verantwortlich. "Eine Attacke auf dieser Ebene und mit dieser Koordination kann nicht ohne Genehmigung von Putin stattfinden", sagt Wolkow ntv.

ntv: Jetzt steht fest, dass Alexej Nawalny mit Nowitschok vergiftet wurde. Wie sehr hat es Sie überrascht, dass ausgerechnet dieses Gift benutzt wurde?

Leonid Wolkow: Wir sind wirklich überrascht. Dass es eine Vergiftung ist, hatten wir uns von Anfang an gedacht, einfach wegen der Art und Weise, wie es gewirkt hat. Es sah sehr ähnlich aus wie bei vorangegangenen Vergiftungen. Aber die Tatsache, dass es sich tatsächlich um Nowitschok handelt, was gewissermaßen Putins persönliche Handschrift ist. Das ist, als hätte Putin seine Visitenkarte am Ort des Verbrechens hinterlegt. Das war für uns wirklich ein Schock.

Bundeskanzlerin Merkel hat Russland gegenüber sehr klare Worte gefunden. Wie bewerten Sie das Statement und wie wichtig ist Deutschlands Rolle in diesem Moment?

Wir sind sehr dankbar, dass die Bundeskanzlerin nicht die üblichen politischen Phrasen verwendet, wie "höchstwahrscheinlich" und so weiter. Sie ist sehr klar und deutlich in ihrer Wortwahl. Das ist wichtig. Das legt einen großen Akzent darauf, wie gut der Beweis für eine Nowitschok-Vergiftung erbracht wurde.

Bei Nowitschok handelt es sich um eine verbotene chemische Waffe. Kein Land der Welt hat die Erlaubnis, dieses Gift zu besitzen. Die Tatsache, dass Russland dieses Gift besitzt, ist eine schwere Verletzung der internationalen Regeln. Natürlich sind wir deshalb Deutschland sehr dankbar für die Rolle, die das Land von Beginn an eingenommen hat. Vor allem auch, dass die Bundesregierung Druck auf Putin ausgeübt hat, damit Alexej Nawalny überhaupt außer Landes gebracht werden durfte. Ich glaube offen gestanden nicht, dass dieser Erfolg ohne den großen internationalen Druck zustande gekommen wäre. Wladimir Putin ist sehr zynisch, und er ist an solche Situationen gewöhnt. Er musste sich nicht für den Abschuss der Boeing MH17 verantworten und nicht für die Annexion der Krim während des Bürgerkriegs in der Ukraine. Er hat schon so viele Verbrechen begangen und wurde nicht dafür zur Verantwortung gezogen. Ich glaube nicht, dass es unabhängige Untersuchungen in Russland geben wird. Aber natürlich ist es gut, dass westliche Staatschefs sich sehr deutlich äußern.

Putins Sprecher Dimitri Peskow hat angedeutet, dass die Vergiftung außerhalb Russlands stattgefunden haben muss, also in Deutschland.

In Russland sagt man: Woher weiß man, dass Dimitri Peskow lügt? Antwort: In dem Moment, wo er seinen Mund aufmacht.

Schon bei früheren Vergiftungen führten deutliche Spuren nach Moskau. Bisher hat der Kreml aber immer alle Mitwisserschaft von sich gewiesen.

Im heutigen Russland wird es keine zielgerichteten kriminaltechnischen Untersuchungen zum Fall Nawalny geben. Denn natürlich kann Präsident Putin keine Untersuchung anstellen, die am Ende ihn in den Mittelpunkt rückt. In einem Russland nach Putin, also nach einem Regimewechsel, kann es natürlich eine Aufklärung geben. Nicht nur zu diesem Fall, sondern auch zu vielen anderen Fällen. Ich bin mir sicher, eines Tages werden wir wissen, was passiert ist.

Wollte jemand Alexej Nawalny einschüchtern oder töten?

Es war nicht "jemand", es war Wladimir Putin. Er hat nicht versucht, Alexej Nawalny einzuschüchtern, sondern zu töten. Das war seine Botschaft. Es gibt in Russland nur zwei wichtige Politiker: Der eine ist Wladimir Putin, der andere ist Alexej Nawalny. Sie sind Rivalen. Sie befinden sich schon seit Jahren in einem politischen Kampf. Inzwischen sieht es so aus, als ob Putin verliert und Nawalny gewinnt. Die Zustimmungswerte von Nawalny gehen nach oben, die von Putin gehen bergab. Putin wollte wohl nicht länger warten und "das Problem" mit seinem einzigen Rivalen lösen - und zwar auf die Art und Weise, die er beim KGB gelernt hat.

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Sie haben gerade erwähnt, dass Nowitschok quasi die Handschrift von Putin ist. Viele europäische Politiker fordern jetzt ein europäisches Handeln oder gar eine Reaktion der Nato. Was halten Sie davon?

Ich bin kein Anwalt, ich bin auch kein Experte für Außenpolitik. Ich mache eher die Innenpolitik. Ich kann nicht sagen, welche Mechanismen oder Werkzeuge hier greifen könnten. Es ist wirklich sehr ungewöhnlich: Nowitschok ist eine verbotene chemische Waffe, die theoretisch von keinem Land der Welt besessen werden darf. Nun wurde es aber bei einem Bürger unseres Landes angewendet. Ich kann nicht abschätzen, welche legalen Konsequenzen das haben sollte. Aber ich weiß, was ich mir als moralische und ethische Konsequenz wünsche: Ich wünsche mir, dass kein ausländischer Staatschef Putin je wieder die Hand gibt. Es ist auch einfach gefährlich.

Es gab schon bei den vorausgegangenen Vergiftungen viele Hinweise auf Russland. Aber Russland hat immer jegliche Verantwortung von sich geschoben. Glauben Sie, wir werden je erfahren, wer hinter der Attacke auf Alexej Nawalny steckt?

Wir wissen, wer hinter der Attacke auf Alexej Nawalny gesteckt hat: Putin! Eine Attacke auf dieser Ebene und mit dieser Koordination kann nicht ohne Genehmigung von Putin stattfinden. Aber natürlich wollen wir wissen: Wie genau ist es abgelaufen? Wie war die Befehlskette? Und irgendwann werden wir das auch wissen. Aber erst, wenn Putins Herrschaft vorbei ist.

Mit Leonid Wolkow sprach Liv von Boetticher

Quelle: ntv.de