Politik

Vergleich unter G20-Staaten Deutschland verliert im digitalen Wettrüsten

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Im "VR Lab" des Zentrums für Angewandte Luftfahrtforschung (ZAL) in Hamburg wird virtuell an Modellen gearbeitet.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Corona-Krise hat den Alltag der Deutschen im Eiltempo digitalisiert: Gearbeitet wird im Homeoffice, unterrichtet per Videoschalte und eingekauft im Online Store. Doch die digitale Revolution findet woanders statt. Laut einer neuen Studie fällt die Bundesrepublik im weltweiten Wettbewerb zurück.

Die Bundesrepublik ist trotz aller politischen Bekenntnisse zur Digitalisierung weit entfernt vom Sprung in eine neue digitale Realität: Dem aktuellen "Digital Riser Report" zufolge schneidet Deutschland im Vergleich zu anderen Industrienationen sogar besonders schlecht ab. Die Studie betrachtet, wie sich die digitale Wettbewerbsfähigkeit von 140 Ländern weltweit in den vergangenen drei Jahren entwickelt hat.* Das Ergebnis: Unter den G7-Staaten liegt Deutschland auf dem vorletzten Platz (-52 Ränge) - nur Italien schneidet noch schlechter ab (-77 Ränge). Düster sieht es auch im Vergleich der G20 aus. In dieser Gruppe gehört Deutschland neben Italien und Indien (-173 Ränge) ebenfalls zu den Schlusslichtern.

*Datenschutz

Wesentlich besser schlägt sich die direkte Nachbarschaft: Laut Studie hat Frankreich unter den G7-Staaten den größten Sprung in Sachen digitaler Wettbewerbsfähigkeit (+95 Ränge) gemacht - wohl auch, weil mit Emmanuel Macron ein Präsident im Élysée-Palast sitzt, dem Unternehmertum und digitaler Fortschritt besonders wichtig sind. "Die Ergebnisse der Studie sind für mich keine Überraschung", sagt der digitalpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Manuel Höferlin, auf Nachfrage von ntv.de. Der Großen Koalition attestiert Höferlin aber weniger "ein Erkenntnis-, als vielmehr ein massives Umsetzungsdefizit". Weil oft unterschiedliche Ministerien und Abteilungen an einzelnen Digitalprojekten beteiligt seien, versande vieles in langwierigen Abstimmungsprozessen.

Auch die Studie sieht digitalen Fortschritt vor allem dort, wo es eine klare Vision gibt. Der größte Aufsteiger unter den G20-Staaten sitzt allerdings nicht in Europa: Laut Studie hat Saudi-Arabien in den vergangenen drei Jahren die größte Entwicklung gemacht (+149 Ränge). Das beweist: Der politische Wille zu Fortschritt ist das eine. Ob ein Staat im digitalen Wettrüsten mithalten kann, ist aber auch eine Frage des Geldes. Fast 500 Milliarden Dollar hat die saudische Führung in die Planstadt "Neom" am Golf von Akaba investiert - ein neues "Silicon Valley", das das Land zukunftsfähiger und unabhängiger vom Öl machen soll. "Natürlich spielen Investitionen eine Rolle", sagt Studienleiter Philip Meissner im Gespräch mit ntv.de. "Aber es gibt einen Unterschied zwischen der Wettbewerbsfähigkeit und der Wirtschaftskraft eines Landes."

Digitales zentral steuern

Im Vergleich zu den Spitzenreitern des Rankings hinkt Deutschland vor allem beim "digitalen Ökosystem" hinterher: Risikokapital sei für Start-ups laut Studie weniger leicht verfügbar, gleichzeitig seien die Kosten für Unternehmensgründungen höher. Und es fehle an ausreichend qualifizierten Fachkräften. Laut Höferlin bräuchte es schlichtweg eine übergeordnete Instanz, die die Umsetzung der verschiedenen Digitalprojekte koordiniert und verantwortet - sprich: ein eigenständiges Digitalministerium. "Ohne ein solches Ministerium wird Deutschland den Rückstand bei der digitalen Transformation niemals aufholen oder gar zum digitalen Vorreiter werden können", sagt er.

Ähnlich argumentiert auch Meissner. Dem Wirtschaftswissenschaftler zufolge haben die Spitzenreiter der Studie vor allem eines gemeinsam: Sie haben einen klaren strategischen Plan, das Geld und den Willen, ihn auch umzusetzen. "Wenn wir stehen oder langsam gehen, während alle anderen laufen, ist das ein Problem", sagt der Professor an der ESCP Business School in Berlin. Er kritisiert, dass Zukunftstechnologien auf der politischen Agenda hierzulande kein zentrales Thema seien. Es werde schlichtweg zu viel verwaltet und zu wenig investiert. Politiker, fordert Meissner, müssten öfter auch wie Unternehmer handeln.

USA lassen unter Trump nach

Ein Allheilmittel ist aber auch das nicht, das zeigen die Vereinigten Staaten. Sie rangieren im "Digital Riser Report" im Minusbereich (-33 Ränge), obwohl sie mit Donald Trump einen Präsidenten haben, der das Unternehmertum vertritt wie kaum jemand anders. Dass die USA seit 2017 im Digitalbereich dennoch weniger wettbewerbsfähig geworden sind, hat laut Meissner zwei Gründe: "Einerseits haben sich die digitalen Fähigkeiten in der Bevölkerung verschlechtert", sagt er. "Andererseits ist es unter Trump schwieriger geworden, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen."

Auch in Deutschland ist Bildung ein Schlüssel zu mehr Wettbewerbsfähigkeit. In dieser Hinsicht heben die Studienleiter Armenien besonders hervor: Dort habe die Regierung 2016 angekündigt, dass sie bis 2019 in jeder Schule Clubs für Robotik einführen werde. Realitätsfremd klingt das für Meissner keineswegs: "Das brauchen wir in Deutschland unbedingt auch", sagt er. "Wir müssen Zukunftstechnologien und die dazugehörigen Kompetenzen bereits sehr früh vermitteln."

*Die Daten basieren auf Ergebnissen des "Global Competitiveness Reports" vom World Economic Forum (WEF). Letzterer vergleicht zwar auch die Wettbewerbsfähigkeit der Länder, setzt den Fokus aber nicht allein auf digitalen Fortschritt. Künftig soll der "Digital Riser Report" jedes Jahr erscheinen.

Quelle: ntv.de