Politik

Haibatullah Achundsada Die graue Eminenz der Taliban

2021-08-26T110023Z_129441780_RC27CP91H4P4_RTRMADP_3_AFGHANISTAN-CONFLICT.JPG

Taliban-Anhänger begutachten ein Plakat mit dem Konterfei Achundsadas.

(Foto: REUTERS)

Für Al-Kaida ist er der "Emir der Gläubigen": Haibatullah Achundsada gilt als oberster Anführer der Taliban - und als extrem öffentlichkeitsscheu. Viele Gerüchte ranken sich um den Sohn eines Theologen. Wird der Chef der Islamistenmiliz nach dem US-Abzug aus dem Schatten treten?

Seit der Einnahme Kabuls präsentieren sich Afghanistans neue Machthaber immer wieder in der Öffentlichkeit. Während hochrangige Taliban-Mitglieder in Moscheen predigen, bei Gesprächen mit Oppositionellen gesehen werden oder sich sogar mit Vertretern des Cricket-Verbandes treffen, hält sich einer jedoch stets im Hintergrund: der oberste Taliban-Führer Haibatullah Achundsada. Von ihm gibt es nur ein einziges Foto, das die Taliban selbst veröffentlichten - umso mehr Gerüchte ranken sich um den geheimnisumwobenen Kopf der Organisation.

Der Sohn eines Theologen aus der Stadt Kandahar, die als Geburtsstätte der Taliban gilt, genoss bereits vor seiner Ernennung zum obersten Anführer einen großen Einfluss innerhalb der Miliz, unter anderem leitete er das Justizsystem. Seit dem Tod von Taliban-Führer Mullah Mansur Achtar bei einem US-Drohnenangriff im Mai 2016 steht Achundsada an der Spitze der Islamisten. Ihm wurde die Aufgabe zuteil, die zersplitterte Miliz wieder zu vereinen. Nach dem Tod Achtars hatte es auf der Führungsebene der Taliban zunächst einen Machtkampf gegeben. Zudem kam ans Licht, dass die Miliz den Tod ihres Gründers Mullah Omar jahrelang geheim gehalten hatte.

Als zentral für die Sicherung seiner Macht wird die Unterstützung Achundsadas durch den Chef des Terrornetzwerks Al-Kaida gewertet. Dessen Anführer, Aiman al-Sawahiri, erklärte Achundsada 2016 zum "Emir der Gläubigen". Achundsadas Ernennung zum Obersten Führer wird von Analysten als Zeichen dafür gewertet, dass er vor allem als ideologische Führungsfigur und weniger als militärischer Kommandeur der Taliban dienen sollte. Er ist noch nie in der Öffentlichkeit aufgetreten, seine öffentliche Kommunikation beschränkt sich auf Botschaften anlässlich hoher islamischer Feiertage.

Die Geheimniskrämerei um den Taliban-Führer bietet seit Jahren einen Nährboden für diverse Gerüchte: Hinter vorgehaltener Hand erzählen sich die Menschen in Afghanistan und Pakistan, Achundsada sei an Corona erkrankt. Andere halten es für möglich, dass er bei einem Bombenanschlag ums Leben kam und sein Tod von den Islamisten geheim gehalten wird. Beweise gibt es dafür allerdings nicht.

Einige Experten halten die Geheimhaltung um den Taliban-Führer für Kalkül: Laut der Leiterin des Asienprogramms des Politikinstituts International Crisis Group (ICG), Laurel Miller, hat Achundsada einen "ähnlich zurückgezogenen Lebensstil" wie Taliban-Gründer Omar. Miller vermutet dahinter unter anderem Sicherheitsgründe, um einen Angriff etwa durch die USA zu vermeiden.

Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid erklärte am Sonntag, Achundsada befinde sich weiterhin in seiner Heimatstadt Kandahar. Der Oberste Führer werde "bald" in der Öffentlichkeit auftreten. Laut Miller könnte dieser Schritt notwendig sein, um die Gerüchte über einen möglichen Tod Achundsadas zu zerstreuen. "Es ist aber auch möglich, dass er sich nach seinem Auftauchen wieder zurückzieht".

Eines ist so gut wie sicher: Wenn die Taliban ihre nach 20 Jahren wieder errungene Macht in Afghanistan festigen wollen, müssen sie dafür sorgen, dass das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Miliz gewahrt bleibt. Um diese Aufgabe dürfte sich Achundsada auch weiterhin kümmern - ob in der Öffentlichkeit oder im Verborgenen.

Quelle: ntv.de, David Fox und David Stout, AFP

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen