Politik

EU-Politiker Giegold zu Gamestop "Diesmal haben die kleinen Vielen getrickst"

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Giegold ist seit 2009 Mitglied des Europaparlaments.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Die verabredeten Aktienkäufe von Kleinanlegern zum Nachteil von Hedgefonds schlagen hohe Wellen. Grünen-Europapolitiker und Finanzmarktexperte Sven Giegold ist alarmiert: Der Gamestop-Fall zeige systematische Defizite bei den Finanzmärkten auf, weshalb sich das Europaparlament auf Giegolds Initiative hin des Themas annimmt. Der Sprecher der deutschen Grünen-Europaabgeordneten will Leerverkäufe ins Visier nehmen und nennt im Interview mit ntv.de weitere Problemfelder.

ntv.de: Herr Giegold, wie interpretieren Sie die Aufregung rund um die Gamestop-Aktie? Ist das eine als Klassenkampf verbrämte Marktmanipulation oder decken hier Kleinanleger reale Probleme auf?

Sven Giegold: Ich kann nicht leugnen, dass ich die Geschichte in gewisser Weise ganz cool finde. Große Hedgefonds wurden von vielen Kleinanlegern in einen sogenannten "Short Squeeze" gezwungen - sie mussten also Aktien kaufen, die sie nicht besitzen, aber anderen schuldig sind, weil sie auf einen Preisverfall gesetzt hatten. Das ist schon amüsant. Wir wissen, dass es am Finanzmarkt nicht nur nach Angebot und Nachfrage zugeht, sondern auch nach Marktmacht und Insiderinformationen. Aber diesmal haben die kleinen Vielen getrickst, nicht die wenigen Großen. David hat mit Schwarmintelligenz Goliath in die Knie gezwungen.

Aber?

Gar nicht amüsant ist, was hinter dem Fall steckt: nämlich eine Dysfunktionalität der Kapitalmärkte. Der Gamestop-Fall legt die systematischen Defizite in der Preisbildung offen. Das ist schlecht, denn den Finanzmärkten kommt eine wichtige Rolle bei der Information von Investoren zu. Die Informationsqualität der Märkte wird nicht besser, wenn sich Kleinanleger in Foren verabreden und beschließen Aktien zu kaufen, obwohl sie nicht viel über das Unternehmen wissen.

Woher rührt dieser Qualitätsverlust?

Wir haben so viel Liquidität im Finanzmarkt wie noch nie. Sehr viele Anleger kaufen Aktien, wenn sie den Eindruck haben, sie können da noch irgendwie Rendite erzielen. Solche Situationen haben in der Geschichte schwere Finanzkrisen ausgelöst. Viel Geld fließt in die wachsende Zahl passiv gemanagter Fonds, die sogenannten ETFs. Die werden nicht aktiv gemanagt, sondern folgen nur einem Index. Für die Anleger ist das attraktiv, aber für den Markt ist das schlecht. Weil der Anteil derjenigen, die die Preise erstellen, die sich über Unternehmen informieren, an der Summe aller Teilnehmer sinkt.

Das heißt Sie wollen die ETFs stärker regulieren?

Nein, ich bin froh, dass es ETFs gibt. Zuvor haben sehr viele Menschen in aktiv gemanagte Aktienfonds investiert und darauf im Jahr zwei Prozent Gebühren bezahlt, häufig ohne es zu merken. Grundsätzlich muss unser Ziel sein, mehr Leuten einen kostengünstigen Weg in den Kapitalmarkt zu ebnen. Warum sollen nur Vermögende und institutionelle Anleger dessen Vorteile nutzen? Unser Auftrag ist, zu verhindern, dass kleine Leute abgezockt werden.

Wo liegt dann das Problem bei den ETFs?

Der Kapitalzufluss über ETFs ist dermaßen stark, dass die drei großen Hedgefonds Blackrock, Vanguard und State Street zu den größten Anteilseignern an den verschiedenen Aktienindizes geworden sind. Sie üben dabei Macht aus, zum Beispiel wenn sie auf den Aktionärsversammlungen abstimmen. Das kann uns nicht egal sein.

Es braucht also mehr Transparenz?

Das Europaparlament hat bereits festgelegt, dass Fonds ihre Beteiligungen offenlegen müssen und Informationen darüber geben müssen, wie sie ihre Stimmrechte ausüben. Was wir aber, auch wegen des Widerstands der Christdemokraten, nicht erreicht haben, ist eine Informationspflicht darüber, wenn die Fonds direkt mit den Unternehmen reden und Forderungen an sie stellen. Da üben sie große Marktmacht aus, die kontrolliert werden muss.

Die Gamestop-Kleinanleger rechtfertigen ihr Vorgehen damit, dass Melvin Capital und andere Hedgefonds mit Leerverkäufen von Gamestop-Aktien selbst Wetten platziert hätten. Ist dieses Instrument das eigentliche Problem?

Nein, Leerverkäufe haben eine sinnvolle Funktion: Es gibt am Kapitalmarkt relativ viele Anleger, die sehen, dass ein Kurs steigt und da raufspringen. Negative Informationen über Unternehmen werden dabei oft ausgeblendet. Daher kann ein Leerverkauf diese negative Information in den Kapitalmarkt bringen. Was ich aber kritisch finde ist, dass man bei Leerverkäufen eine Aktie häufiger verkaufen kann, als es sie überhaupt gibt. Das finde ich fragwürdig.

Normalerweise leihen sich die Händler eine Aktie, gegen die sie wetten wollen, bei ihrem ursprünglichen Eigentümer und verkaufen die Aktie direkt zu einem hohen Preis. Sie wollen sie günstiger einkaufen, bevor sie sie dem Eigentümer zurückgeben müssen. Das war bei den Gamestop-Leerverkäufen anders?

Bei Gamestop zeigen die Daten, dass Investoren mehr Aktien leerverkauft hatten, als überhaupt im Umlauf waren. Das ist prinzipiell möglich, weil Aktien mehrfach verliehen und verkauft werden können. Allerdings ist damit bei steigenden Kursen Panik vorprogrammiert, wenn sich alle Leerverkäufer plötzlich in einem viel zu kleinen Markt eindecken müssen. Ich schlage deshalb vor, dass wir hier eine stärkere Begrenzung bei Leerverkäufen ins Auge fassen, um solche Short Squeezes in Zukunft unwahrscheinlicher zu machen.

Sie haben durchgesetzt, dass der Ausschuss für Wirtschaft und Währung des Europaparlaments demnächst Experten zum Thema anhört. Wer wird da befragt?

Zuvorderst wird die europäische Marktaufsichtsbehörde ESMA angehört, weil die für die Integrität der Kapitalmärkte in Europa zuständig ist. Das Entscheidende ist, dass im Parlament eine öffentliche Diskussion stattfindet. Wir sind in der Pflicht, zu verstehen, was passiert ist, um dann im Sinne gut regulierter Finanzmärkte die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Werden Sie auch die zockenden Anleger aus den Reddit-Foren ins Visier nehmen?

Wenn sich alle gleichzeitig in einem Chatraum verabreden, kann das auch eine Verabredung zur Marktmanipulation sein. Deshalb ist auch richtig, dass man prüft, inwieweit die vorhandenen Regeln gegen Marktmissbrauch ausreichen. Zumal viele Kleinanleger neue Tradingplattformen genutzt haben, die auf den ersten Blick gebührenfrei sind. Was viele aber nicht wissen: Die Preise, die da für eine Aktie aufgerufen werden, sind häufig nicht die Optimalpreise. So erfolgt indirekt doch eine Vergütung.

Also doch mehr Regulierung. Darüber sollen sich Kleinanleger freuen?

Manch einer behauptet, die Politik sei zu doof für den Kapitalmarkt und solle sich raushalten. Diese Einstellung finde ich genau falsch. Unregulierte oder schlecht regulierte Finanzmärkte haben uns in der Geschichte immer wieder in große Krisen geführt. Deshalb ist es wichtig, dass demokratische Politik sich neue Entwicklungen anschaut, um die soziale Marktwirtschaft zu verteidigen.

Mit Sven Giegold sprach Sebastian Huld

Quelle: ntv.de

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