Wirtschaft

Hedgefonds im Visier der Anleger "Es trifft genau die Richtigen"

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Nach den Kurskapriolen an der New Yorker Börse haben Dutzende Menschen auf der Wall Street für eine stärkere Kontrolle von Banken und Hedgefonds durch die Politik demonstriert.

(Foto: picture alliance / AA)

Beim Kräftemessen an der Börse zwischen Hedgefonds und Kleinanlegern können sich vorerst die Hobby-Trader durchsetzen. Im Interview mit ntv.de sympathisiert Vermögensverwalter Schön mit den Attacken auf die Gamestop-Aktie und kritisiert die "leichenfleddernden Hedgefonds".

ntv.de: Durch die Attacken von Kleinanlegern geraten gerade Hedgefonds in Schieflage. Trifft es Ihrer Meinung nach die Richtigen?

Markus Schön: Natürlich trifft es genau die Richtigen. Hedgefonds sind aus meiner Sicht ganz schreckliche Einrichtungen geworden, die mit dem Geld fremder Leute spekulieren und so den Kapitalmarkt, der ohnehin zu viel Verschuldung zulässt, noch weiter in Unsicherheit bringen.

Haben Leerverkäufe denn eigentlich wirklich keinen Nutzen?

Einen konkreten Effekt sehe ich überhaupt nicht. Ein Unternehmen, das unverschuldet oder durch gewisse Rahmenbedingungen in Schieflage geraten ist, kann einen Leerverkäufer natürlich gar nicht gebrauchen. In der Phase, in der ein Konzern noch zu retten ist, ist es sinnvoller, es operativ zu stützen. Als Leichenfledderer auf ein Unternehmen, das eh am Abgrund steht, noch draufzuschlagen, entspricht auch nicht meinen moralischen Vorstellungen.

Hat nicht gerade Wirecard gezeigt, wie nützlich Leerverkäufe sind?

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Markus Schön ist Geschäftsführer des gleichnamigen Vermögensverwalters Schön & Co, der 1968 in München gegründet wurde. Zusammen mit Stefan Broszio managet Schön den 2020 aufgelegten Schön & Co Nachhaltigkeitsfonds.

Wirecard hat gezeigt, wie wichtig unabhängiges Research ist, das es immer seltener gibt. Wenn dies ein Hedgefonds wirklich erbringt, ist es gut. Hier wurden aber auch eigene Interessen verfolgt - nur andere als bei den Banken, die dem Treiben bei Wirecard viel zu lange zugeschaut haben, weil sich damit Geld verdienen ließ. Würden Hedgefonds nicht nach dem Motto verfahren "erlaubt ist, was nicht verboten wurde", wären die Angriffe der Kleinanleger überhaupt nicht nötig geworden.

Wie viel Sympathie haben sie für die Anleger?

Die Kleinanleger finde ich super, weil sie gerade die Machtverhältnisse verkehren. Bislang hatten die Hedgefonds die Möglichkeit, zu entscheiden, gegen gewisse Firmen zu spekulieren. Eine kleine Gruppe von Menschen entscheidet über das Wohl und Weh richtig großer Unternehmen. Jetzt kommen ein paar Tausend Kleinanleger daher und sagen: so nicht. Damit hat keiner gerechnet.

Für wie politisch halten sie Hobby-Trader, die sich verabreden und nicht nur die Preise von Gamestop, sondern jetzt auch von Dogecoin und Silber in die Höhe treiben?

Ich bezweifle, dass die Kleinanleger politisch motiviert handeln. Was sie mir unheimlich sympathisch macht, ist die Tatsache, dass sie sich gegen ein System stellen. Sicher geht auch bei den Kleinanlegern nicht alles in die richtige Richtung. Aber natürlich ist zum Beispiel der Silberpreis deutlich unterbewertet. Dass der jetzt ein bisschen getrieben wird, ist schon ganz lustig.

Wenn die Kleinanleger keine politische Agenda haben, was treibt sie dann an?

Es gibt immer wieder die Behauptung, in der Corona-Pandemie streben mehr Menschen an die Börse. In den USA ist das belegt, in Europa eher weniger. Es gibt eine Gruppe von Kleinanlegern, die die Nase davon voll haben, dass eine Handvoll top-bezahlter Hedgefonds-Manager wie in einer Diktatur über Unternehmen entscheiden können.

Ist dieses "Gut gegen Böse"-Schema nicht zu einfach? Vom Anstieg des Silberpreises profitiert schließlich der Hedgefonds Citadel von Ken Griffin, gegen den sich die Gamestop-Attacke vor allem richtete. Citadel ist massiv im weltweit größten Silber-Fonds von Blackrock investiert.

Die Frage ist eigentlich, wer ist weniger böse. Die Kleinanleger demokratisieren in einem gewissen Maße den Kapitalmarkt. Dabei machen sie nicht alles richtig. Umgekehrt machen nicht alle Hedgefonds alles falsch. Aber wer dem Profit alle moralischen Regeln unterordnet, muss Grenzen aufgezeigt bekommen. Genau dies geschieht und zeigt, dass der Aktienmarkt nicht gierigen Spekulanten überlassen werden darf.

Die Aktion von Kleinanlegern gilt als Rachefeldzug. Wird diese Aktion einige Hobby-Trader am Ende nicht einfach nur viel Geld kosten?

Gamestop ist ein Unternehmen, das eigentlich operativ nicht überlebensfähig ist. Dementsprechend war schon der Kurs von 18 US-Dollar, bevor die Kleinanleger eingestiegen sind, ambitioniert. 360 US-Dollar sind natürlich ein schlechter Scherz und zeigen, dass Aktien nicht unbedingt ein Sachwert sind. Viele Hobby-Trader werden viel Geld verlieren. Wer erst am Ende aufspringt, hat das größte Risiko. Letztendlich muss man hoffen, dass Kleinanleger nur Geld investieren, auf das sie tatsächlich auch verzichten können.

Wenn sich Kleinanleger im Internet verabreden und gezielt den Kurs einer Aktie in die Höhe treiben, handelt es sich dabei ihrer Einschätzung nach um Marktmanipulation?

Soweit würde ich nicht gehen. Denn dann wäre das, was Hedgefonds vorher gemacht haben, auch schon Marktmanipulation. Nur weil ich Geld bündele, führt das nicht automatisch zu einer Marktmanipulation. Im Fall vom Gamestop haben Kleinanleger vielmehr ein Stopp-Schild hochgehalten, um damit den Marktexzesse von großen Hedgefonds auszubremsen.

Wieso gibt es die Beschwerden um Marktmanipulation nicht, wenn sich Hedgefonds absprechen?

Die Frage ist immer: Wo steckt das richtig große Geld? Und das steckt nun mal in der Finanzindustrie, die viel Lobbyismus betreibt. Bislang unterliegt die Fonds-Industrie in Deutschland nicht dem Kreditwesengesetz und wird nicht von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und der Bundesbank reguliert. In den USA, wo die meisten Hedgefonds beheimatet sind, ist das positive Bild auf einen extrem ausgeprägten Finanzkapitalismus viel größer als in anderen Regionen.

Sogenannte Neo-Broker haben die Aktion erst möglich gemacht. Gleichzeitig haben etwa Robinhood und Trade Republic zeitweise den Kauf der Aktie ausgesetzt. Wieso haben sie das gemacht?

Eine Antwort kann nur spekulativ sein. Ich glaube, die Neo-Broker sind von der Aufmerksamkeit, der sie plötzlich ausgesetzt sind, überrascht worden. Gerade bei Robinhood, die sich auf die Fahnen schreiben, Anlageprozess zu vereinfachen und ihren Anlegern das große Geld versprechen, ist man wahrscheinlich lieber auf die Bremse getreten, ehe man eine Welle losschlägt, deren Ende nicht absehbar ist.

Halten Sie es für möglich, dass die Handelsplattformen den Hedgefonds damit den Rücken freihalten wollten?

Das ist nicht auszuschließen. Ich glaube allerdings nicht, dass die Neo-Broker große Hedgefonds als besonders schützenswert sehen. Natürlich treibt die Neo-Broker auch die Sorge um das Finanzsystem um. Wenn jetzt ein Hedgefonds nach dem anderen durch die Kleinanleger an die Wand gedrückt werden würde, kommt schließlich ganz schnell das Finanzsystem ins Wanken. Das könnte auch der Auftakt zu einer neuen Finanzkrise sein, deswegen muss man damit letztendlich auch verantwortungsvoll umgehen.

Wenn sich ein Hedgefonds verspekuliert und Pleite geht, kann der gesamte Kapitalmarkt ins Wanken geraten. Wie gefährlich ist das für das Finanzsystem?

Das hat man Ende der 1990er als Vorläufer der Finanzkrise 2008 am Beispiel von Longterm Capital gesehen, die nur durch den Zusammenschluss der Investmentbanken gerettet werden konnte. Ist der Marktteilnehmer groß genug, gilt wieder: "Too big to fail". Wenn nicht gerettet wird, kommt es auch deswegen zu Crashs, weil die Hedgefonds teilweise so intransparent investiert sind, dass niemand weiß, an welcher Stelle eine Insolvenz durchschlagen würde.

Gerade in den USA rufen jetzt viele nach Konsequenzen, sagen aber nicht wie diese aussehen könnten. Halten Sie das nur für Gebrüll?

Kein Gebrüll, eher blinder Aktionismus. Damit soll nur suggeriert werden: Wir tun etwas, wir sorgen für Sicherheit und Transparenz an den Kapitalmärkten. Da wird relativ wenig kommen, gerade in einer Zeit nach Donald Trump, der ja die Märkte massiv deregulieren wollte und das teilweise auch getan hat.

Was wäre möglich?

Eigentlich ist es sehr einfach. Auch Schattenbanken, zu denen Investment- und Hedgefonds zu zählen sind, müssen unter staatliche Aufsicht gestellt und reguliert werden. Sie müssen dieselben Anforderungen erfüllen wie Kreditinstitute. Je internationaler das geregelt wird, desto besser wäre das.

Mit Markus Schön sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de