Politik

Ungewöhnlicher Vorgang Duma-Abgeordneter will Schoigu einbestellen

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Der Krieg gegen die Ukraine läuft schlecht und mindestens einer muss Schuld sein: Der russische Präsident Putin und seine Verteidigungsminister Schoigu vor der ukrainischen Offensive Mitte August.

(Foto: REUTERS)

Kritik an der eigenen Armee ist in Russland eine Straftat. Doch die jüngsten Rückschläge in Charkiw sind derart bedrohlich, dass die Suche nach einem Schuldigen läuft. Ein Duma-Abgeordneter schlägt vor, Verteidigungsminister Schoigu vorzuladen.

Das russische Parlament erwägt einem Medienbericht zufolge die Vernehmung des Verteidigungsministers Sergej Schoigu. Der Rat der Staatsduma werde die Angelegenheit am Montag diskutieren, zitiert die russische Zeitung "Kommersant" den Vorsitzenden der kleinen kremlnahen Partei Gerechtes Russland, Sergej Mironow. Es ist untypisch für die Staatsduma, einen Verteidigungsminister vorzuladen.

Nachdem die russische Armee große Teile der ukrainischen Region Charkiw durch die Gegenoffensive der Ukrainer verloren hat, wurden die Streitkräfte in Russland zuletzt offen kritisiert. Experten, Analysten, Blogger und Funktionäre überzogen zuletzt in Fernsehsendungen und Onlinenetzwerken das Vorgehen der Armee mit einer Welle der vernichtenden Kritik, wie sie bislang unvorstellbar war.

Kadyrow greift Generäle frontal an

Besonders harte Vorwürfe gegen die russische Armee kamen etwa von Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow. In einer Sprachnachricht an seine 2,4 Millionen Anhänger auf Telegram prangerte der Hardliner die "Fehler" russischer Generäle an. Wenn sich nichts ändere, "werde ich gezwungen sein, mich an das Verteidigungsministerium und die Führung des Landes zu wenden, um die vor Ort herrschende Lage zu erläutern", sagte er.

Der Kreml versuchte, diese Welle zu stoppen. Andersdenkende müssten sich "an jene Gesetze halten", die Menschen bestrafen, welche die Armee "diskreditieren", warnte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow mit drohendem Unterton. "Das ist ein sehr, sehr schmaler Grat, man muss hier sehr vorsichtig sein." Kritik an der Armee wird in Russland seit dem Angriff auf die Ukraine als Straftat behandelt.

"Umgruppierung statt Rückzug"

Das Verteidigungsministerium in Moskau stellte den Rückzug russischer Truppen als strategische "Umgruppierung" seiner Truppen dar. Das Ministerium bestritt zunächst, dass die russischen Streitkräfte ein Debakel erlitten hätten. Doch selbst Wladimir Solowjow, einer der wichtigsten Kreml-Propagandisten, räumte jüngst ein: "Die Situation ist schwierig und ernst."

Offenbar teilen einige russische Soldaten die Zweifel am Verteidigungsminister. Ukrainer fanden laut Kyiv Post in den befreiten Ortschaften in der Region Charkiw ein uraltes Telefon, auf das die Soldaten "Schoigu" geschrieben hatten.

Armee nicht kampftauglich?

Neu ist vor allem, dass die Kritik nun auch von nationalistischen Gruppen kommt, die den Militäreinsatz bisher vehement unterstützten. Die jüngsten Rückschläge in der Ukraine sind zwar nicht die ersten für die russische Armee seit Beginn des Einsatzes im Februar. Schon im April mussten sie sich aus der Umgebung der ukrainischen Hauptstadt Kiew zurückziehen.

Doch die zuletzt erlittenen Rückschläge nach mehr als halbjähriger Dauer des Militäreinsatzes schmerzen nationalistische Kreise besonders. Es gebe für diese Pleiten nur zwei mögliche Erklärungen, urteilt der konservative Kommentator Jegor Cholmogorow: Entweder "wurden wir verraten" - oder "unsere Armee ist nicht kampftauglich".

Quelle: ntv.de, mau/rts/AFP

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