Politik

Die Raute ist Lehrstoff "My dear friend, Angela"

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"Verachtet mir den Kompromiss nicht": Merkel erhält in Leipzig die Ehrendoktorwürde.

(Foto: dpa)

Seit fast eineinhalb Jahrzehnten ist Merkel Kanzlerin. Die Art ihrer Führung ist inzwischen Gegenstand der Forschung. In Leipzig erhält sie ihre 17. Ehrendoktorwürde. Die Laudatio hält Christine Lagarde und macht Merkel bei einer würdevollen Feierstunde ein Geständnis.

Im Bundestagswahlkampf 2013 plakatierte die CDU großformatig die Hände von Angela Merkel, wie sie die Raute formen. Die Geste war längst das Markenzeichen der Kanzlerin. Inzwischen befasst sich – glaubt man der Handelsschule Leipzig (HHL) - sogar die Wissenschaft damit und stilisiert sie zum sichtbaren Zeichen eines neuen Führungsstils. Die Ernsthaftigkeit dahinter rührt die 65-Jährige, wie sie bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde einräumt. Bei der Feier gibt die angehende Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, ein Bekenntnis ab. Die würdevolle Ehrung in der Oper Leipzig ist dann auch eine Zeremonie mit mehreren Geschichten.

Zunächst aber wischt Merkel jeden Verdacht vom Tisch, sie könnte sich auf der Zielgeraden ihrer vierten und letzten Kanzlerschaft sehen und mit solchen Ehrungen bereits das Schaulaufen beginnen. 2021 endet ihre Amtszeit, erneut antreten wird sie nicht. Doch öffentliche Freude über Ehrungen ist Merkels Sache nicht. "Ich kann versprechen, ich werde mich nicht niedersetzen und weiter daran denken, sondern arbeiten, denn es gibt noch viel zu tun", beginnt die frisch Ausgezeichnete ihre Rede. Sie sei überrascht, dass der Würdigung "ein so wissenschaftlicher Prozess vorausgegangen ist", an dessen Ende es sogar zu einer "einstimmigen Entscheidung gekommen ist".

"Verachtet mir den Kompromiss nicht"

"Alle Universitäten, die mir einen Ehrendoktortitel gegeben haben, werden sowieso noch von mir hören, wenn ich nicht mehr Bundeskanzlerin bin."

Angela Merkel

Es gibt also die Geschichte vom Einzug der promovierten Wissenschaftlerin Merkel in die Wissenschaft. Es gehe nicht um gelungene oder nicht gelungene Führungsarbeit, zitiert die Hochschule ihren Rektor Stephan Stubner, sondern vielmehr um ein Muster an Führungshandeln. Und als Sinnbild wählt die Hochschule die Raute mit ihren vier Punkten: pragmatisch-systemisches Denken, Handeln am Machbaren, Bezüge zum größeren Ganzen und ein bescheiden-authentischer Auftritt.

Merkel beschreibt es anders: "Führung setzt die Fähigkeit voraus, verschiedene Überlegungen und Interessen wahrzunehmen, zu prüfen und immer einen Raum zu finden, in dem Ausgleich und Kompromissfindung möglich sind." Die 200 Absolventen mahnt sie: "Verachtet mir den Kompromiss nicht." Denn "Ohne den Kompromiss kann die Gesellschaft nicht zusammenhalten." Und der Raum dafür müsse immer wieder neu erarbeitet werden. In der Vergangenheit wählte Merkel dafür zumeist das Wort Multilateralismus. Dieses Mal kommt es in ihren Ausführungen nicht vor – und doch ist es wieder in beinahe jedem Satz präsent.

"Sie prägt Generationen"

Es gibt neben der akademischen Geschichte an diesem Tag aber auch die Geschichte zweier Frauen in herausgehobenen Führungspositionen. Sie selbst habe, sagte Laudatorin Christine Lagarde, als sie 2005 ins französische Kabinett wechselte, geschaut, wie andere Frauen in Spitzenpositionen handelten. Es war das Jahr, in dem Merkel ihre erste Kanzlerschaft antrat. "Sie hat mich inspiriert", sagt die inzwischen 63-jährige Französin. "Sie weiß es nicht, aber sie hat es."  Und auch Lagarde findet für "my dear friend, Angela" vier zu würdigende Punkte: Diplomatie, Sorgfalt, Entschlossenheit und Pflichtbewusstsein.

Merkel habe Millionen Frauen weltweit inspiriert, sagt Lagarde weiter. Am Ende ihrer Rede wird sie sogar von Generationen sprechen. Die 63-Jährige wird im November von der Spitze des Internationalen Währungsfonds in die EZB-Türme wechseln wird. Dann werden sie und Merkel die wichtigsten und einflussreichsten Frauen in Europa sein. Und an ihre Seite wird Ursula von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin treten.

Vom Löten und der Freiheit

Und schließlich ist es die Geschichte von Erfolgen und der Selbstvergewisserung. Merkel hat in Leipzig studiert. Als Ostdeutsche hat sie es an die Spitze der Regierung geschafft. Jedes dritte der 15 höchst bewerteten deutschen Startups ist von Absolventen der Hochschule gegründet worden. In gut zwei Monaten beginnen die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Wende. Leipzig war damals ein Zentrum des Protests.

"Ich habe mich auch für das Physikstudium ganz wesentlich entschieden, weil die DDR natürlich vieles verbieten konnte, aber die Naturgesetze nicht. Die Erdanziehungskraft galt auch bei uns."

Angela Merkel

Die Auszeichnung ist Merkels 17. Ehrendoktorwürde, und es ist ihre zweite in Deutschland. Beide hat sie in Leipzig erhalten. Und so erzählt sie gut gelaunt von ihrer Studienzeit, davon, dass ihr das Löten schwerfiel, vom ungeliebten Marxismus-Leninismus-Unterricht. Aber auch von der gedanklichen Weite der Forschungen, die nach Feierabend aber beim Pförtner zu enden hatte.

Sie habe die Zäsur, die das Jahr 1989 mit sich brachte, gut überstanden, sagt Merkel. Anderen sei das nicht gelungen. Darüber müsse in Deutschland weiter gesprochen werden. "Doch unser eigentliches Leben sollte auf die Zukunft ausgerichtet sein."

Und was haben die Studierenden von all dem? Am Vortag der Landtagswahl, in der mit Sorge das Ergebnis der AfD erwartet wird, ehrt die Hochschule Absolventen aus mehr als 60 Nationen. Bleiben Sie "Botschafter Deutschlands, Sachsens und Leipzigs", sagt Merkel. "Lassen Sie ihr Studium ein völkerverbindendes Zeichen sein."

Bei der Feier erinnert mit Lagarde eine Französin daran, dass schon Gottfried Wilhelm Leibnitz, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Nietzsche und Richard Wagner in Leipzig studiert haben - und natürlich auch eine Angela Merkel. Das Gewandhausorchester tritt zusammen mit dem mexikanisch-französischer Tenor Rolando Villazón auf. Unter den Gästen sind zwei ehemalige und ein amtierender sächsischer Ministerpräsident. Es ist das vielfältige und bunte Sachsen, es ist das eigentliche Sachsen, das so ganz anders ist als oftmals in der Wahrnehmung im Rest des Landes.

Quelle: n-tv.de

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