Politik

FDP-Vize Suding über Politik "Eine 80-Stunden-Woche ist kein Traumjob"

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Katja Suding trat erst 2006 in die FDP ein - und legte eine steile Karriere hin. Doch nun soll Schluss sein.

(Foto: imago images / Metodi Popow)

Mit 45 Jahren beendet Katja Suding im kommenden Jahr ihre politische Karriere. Damit fehlt der FDP künftig eine weitere Führungsfrau. Im Interview mit ntv.de erklärt sie, wie es zu ihrem Entschluss kam, was sie an ihrem Job am meisten genervt hat und warum Christian Lindner kein Frauenproblem hat.

ntv.de: Frau Suding, dass sich Politiker aus der Politik zurückziehen, ist eher selten - und wenn, tun Sie es oft im Groll mit ihrer Partei. Sie betonen, dass das bei Ihnen anders ist. Nervt es Sie, wenn man Ihnen das nicht abnimmt?

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Suding als Spitzenkandidatin der FDP auf einem Wahlplakat zur Wahl der Hamburger Bürgerschaft 2011.

(Foto: REUTERS)

Katja Suding: Ich bin eher verwundert darüber, als wie besonders das empfunden wird. Für mich ist das ein total normaler Schritt. Ich bin damals sehr plötzlich in die Politik gekommen. Ich habe nicht wirklich auf ein Mandat im Parlament hingearbeitet. Ich hatte meinen Job und habe mich ehrenamtlich in der Partei engagiert. Als es in Hamburg 2010 zum Koalitionsbruch kam und plötzlich Neuwahlen anstanden, war ich gerade im Urlaub in Ägypten. Auf einmal bombardierten mich die Parteifreunde mit Fragen, ob ich nicht einspringen wolle. So kam ich aus dem Urlaub und war plötzlich nominierte Spitzenkandidatin. Eigentlich hatte ich was ganz anderes vor.

Von außen betrachtet ist es doch ein Traumjob: Als Abgeordnete hat man Einfluss, kann Dinge verändern - und das Gehalt stimmt auch. Glauben Sie, dass das Bild, das die Leute von Ihrer Tätigkeit haben, der Realität entspricht?

Ich halte es für eine große Ehre, gewählte Abgeordnete sein zu dürfen. Aber ich glaube nicht, dass es für alle ein Traumjob ist, 80 Stunden pro Woche zu arbeiten und permanent unter öffentlicher Beobachtung zu stehen. Auch in meinem Umfeld sagen viele, dass sie den Job um keinen Preis machen möchten. Aber es gibt eben auch viele, die das gern tun. Das galt viele Jahre auch für mich, aber bald ist was anderes dran.

Was hat Sie denn besonders genervt?

Das meiste war gut. So ganz warm geworden bin ich nicht damit, auf der Bühne und in der Öffentlichkeit zu stehen. Medial präsent zu sein, ist für mich Mittel zum Zweck. Eine gewisse Bekanntheit hilft sehr dabei, Themen voranzutreiben. Aber für mich als Mensch ist das eher schwierig, es fiel mir schwer, mich daran zu gewöhnen.

Sie haben in der FDP eine steile Karriere hingelegt - das Vertrauen in Sie war groß. Hatten Sie Sorge, die großen Erwartungen mit Ihrem Rückzug zu enttäuschen?

Wer ist Katja Suding?

2006 tritt Katja Suding, eine PR-Beraterin, in die FDP ein. 2011 führt sie die Hamburger Liberalen nach zwei Legislaturen außerparlamentarischer Opposition als Spitzenkandidatin zurück in die Bürgerschaft. Als die FDP 2013 aus dem Bundestag fliegt, wird sie Teil des Teams von Christian Lindner, "das den Wiedereinzug in den Deutschen Bundestag organisieren soll." 2014 übernimmt sie den Hamburger Landesvorsitz. Ein Jahr später wird sie zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt. Bei der Bürgerschaftswahl 2015 holt die FDP mit Suding als Spitzenkandidatin 7,4 Prozent. Ein wichtiger psychologischer Sieg, weil die FDP erstmals seit dem Ausscheiden aus dem Bundestag wieder in ein Landesparlament einzieht. 2017 wird sie in den Bundestag gewählt, behält aber auch nach ihrem Wechsel nach Berlin die Zügel im Hamburger Landesverband in der Hand. Am 5. September 2020 gibt sie bekannt, für keines ihrer Ämter erneut zu kandidieren.

Klar habe ich darüber nachgedacht. Ich habe mich jahrelang voll reingehangen und das rechnen viele mir hoch an. Dadurch, dass ich es so früh gesagt habe, gebe ich meiner Partei die Möglichkeit, einen guten Übergang zu finden. Das ist keine Kamikaze-Aktion.

Sie sagen, dass Sie noch keinen konkreten Plan für Ihre Zukunft haben …

Ich habe gar keinen Plan. (lacht)

Glauben Sie denn, dass es ein einfaches Zurück aus der Politik für Sie gibt? Immerhin haben Sie als Abgeordnete eine ziemliche Prominenz erlangt?

Ich bin mir sogar sicher, dass es kein einfaches Zurück in mein altes Leben geben wird. Es wird anders - ein komplett neuer Abschnitt.

Wo würden Sie sich in fünf Jahren um 9:30 Uhr morgens denn gern sehen? Am Frühstückstisch oder auf dem Chefsessel?

Ich habe keine Ahnung. Meine neue Aufgabe wird mich finden.

Wie lange haben Sie sich mit dem Gedanken an einen Rückzug getragen?

Dass ich aus der Politik nicht in Rente gehen will, das war für mich immer klar. Ich wusste nur den konkreten Zeitpunkt noch nicht - ob es jetzt schon soweit ist oder erst in vier Jahren. Zwölf Jahre im Bundestag hätte ich mir schon gar nicht mehr vorstellen können.

Gab es einen konkreten Auslöser?

Gedanken ans Aufhören habe ich seit Monaten, aber sie verschwanden auch immer wieder. Erst über den Sommer sind sie konkreter geworden. Zum Parteitag in Hamburg [am 5. September] wurde mir klar, dass ich einen klaren Schlussstrich ziehen wollte, damit der Landesverband ausreichend lange vor der nächsten Listenaufstellung Klarheit über meine Pläne bekommt.

Haben Sie die Parteiführung denn in Ihre Gedanken eingeweiht?

Die Entscheidung habe ich natürlich für mich alleine getroffen. Den Vorsitzenden und mein engeres Umfeld habe ich aber vorab informiert.

Wie war denn die Rückmeldung für Ihren Entschluss?

Da war schon viel Wehmut, aber auch Verständnis. Viele haben auch gesagt: "Ich bewundere deinen Mut." Das schwang immer mit.

Für Parteichef Lindner ist der Zeitpunkt Ihres Rückzugs ein bisschen ungünstig. Es sieht nun so aus, als würde die FDP ihre Führungsfrauen vergraulen. Fühlen Sie sich vergrault?

Ganz im Gegenteil. Ich habe viel Wertschätzung und Anerkennung erfahren. Außerdem lasse ich mich nicht vergraulen, das ist ein schräges Bild. Mit Christian Lindner arbeite ich seit Jahren sehr gern und gut zusammen. Und zu den Frauen in der FDP: Ich habe doch gezeigt, dass man in der FDP als Frau Karriere machen und etwas bewegen kann. Mir hat nie irgendjemand Steine in den Weg gelegt.

Hat Sie die Vorstellung gar nicht gereizt, noch höher aufzusteigen innerhalb der Partei?

Davon habe ich meine Entscheidung nicht abhängig gemacht. Mich könnte auch kein Ministerjob kicken.

Mit Blick auf die Bundestagswahl nächstes Jahr: Was muss passieren, damit es nicht bei fünf Prozent für die FDP bleibt?

Wir müssen unsere Kompetenzen noch sichtbarer machen. Das wird uns gelingen, da bin ich mir sicher. In Wahlkampfzeiten richtet sich die Aufmerksamkeit wieder stärker auf Konzepte und Programme. Und da können wir sehr selbstbewusst sein. Es braucht eine politische Kraft, die dafür sorgt, dass wir besser aus der Krise herauskommen als wir hineingegangen sind. Während der Pandemie sind Schwachstellen unübersehbar geworden - etwa in der Bildungspolitik. Der Handlungsbedarf ist immens und doch taucht die Bundesbildungsministerin seit März ab. Sie müsste sich aber darum kümmern, dass unseren Kindern ihr Recht auf Bildung nicht länger vorenthalten wird und eine staatliche Bildungs- und Betreuungsgarantie kommt, die eingehalten wird. Dazu muss auch der digitale Unterricht endlich Realität werden.

Bildungspolitisch kann die FDP allerdings bisher keine großen Akzente setzen.

Ganz im Gegenteil. Gerade im Bildungsbereich hat keine politische Kraft in den letzten Monaten so viel Druck gemacht wie wir. Wir haben unermüdlich konstruktive Vorschläge gemacht und gute Konzepte vorgelegt. Jetzt liegt es an der Bundesregierung, sie umzusetzen oder aber eigene Ideen zu entwickeln.

Trotzdem geht es in den Umfragen nicht aufwärts. Ist ein Teil des Problems der Fokus auf den Parteichef?

Klar steht bei der FDP, wie auch bei allen anderen Parteien, der Parteivorsitzende besonders im Fokus. Das ist ganz normal. Es gibt aber schon noch ein paar mehr von uns. Alexander Graf Lambsdorff und Gyde Jensen als Außenpolitiker, Johannes Vogel in der Arbeitsmarktpolitik, Linda Teuteberg in der Migrationspolitik, unser Innenpolitiker Konstantin Kuhle. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Nach Teuteberg verliert die FDP mit Ihnen aber eine weitere starke Frauenstimme. Gibt es jemanden, den Sie gern an Ihrer Stelle sähen?

Linda Teuteberg hört nicht auf. Und was meine Nachfolge angeht: Das ist keine Erbfolge. Wir haben viele gute, talentierte Frauen.

Würden Sie im Sinne der Parität lieber Annalena Baerbock als Spitzenkandidatin der Grünen sehen?

So eine Frage würde ich nie danach entscheiden, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Ich finde es paradox, dass man einerseits sagt, das Geschlecht dürfe keine Rolle spielen, dann aber bei der Auswahl der Positionen das Geschlechterkriterium so hochstellt. Ich habe mich in Hamburg nicht durchgesetzt, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich den Job am besten mache. Und das trifft auch auf viele andere Frauen zu. Leider entscheiden sich immer noch wenige Frauen für eine politische Karriere, gerade auch in meiner Partei. Deshalb ermutige ich gerade Frauen immer wieder, sich zu engagieren. Wir haben gute weibliche Vorbilder, allen voran die Kanzlerin, die seit 15 Jahren im Amt ist. Von einer paritätischen Vergabe von Listenplätzen halte aber ich nichts. Wir dürfen dem Wähler nicht vorschreiben, was er wählen soll.

Warum gibt es denn so wenige Frauen in der Politik?

Ich glaube, dass die Bereitschaft, Zeit in überlangen Sitzungen zu verbringen, bei Frauen geringer ist. Frauen tragen immer noch die größere Last bei der Erziehung der Kinder, bei der Hausarbeit und der Pflege von Angehörigen. Viele haben einfach nicht die Zeit, Gremiensitzungen zu ertragen, wo endlos geredet wird. Sie sind davon genervt. Und ich auch. Wenn ich Sitzungen leite, versuche ich das anders zu machen, auch aus Respekt vor der kostbaren Zeit der Teilnehmenden.

Hört sich an, als gäbe es für Sie kein Zurück in die Politik.

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.

Mit Katja Suding sprach Judith Görs

Quelle: ntv.de