Politik

Kohle-Kampf in Buir Eine Stadt sieht schwarz

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Gleich nach der Abbruchkante schon der Mond: Der Tagebau reißt tiefe Wunden in die Natur.

(Foto: Julian Vetten)

Das Ringen zwischen RWE und Waldbesetzern um den Hambacher Forst bestimmt seit Wochen die Schlagzeilen. Was im Schatten des Schlagabtauschs vergessen wird: Der Kampf der Ideologien spaltet einen ganzen Ort und seine 4000 Einwohner.

Kerzengerade führt ein Waldweg mitten durch den Hambacher Forst in Richtung Abbruchkante. Breit wie eine Bundesstraße soll er den Lastern des Energiekonzerns RWE ungestörten Zugang zu dem gewaltigen Tagebaugebiet garantieren, an dem sich momentan Deutschlands Umweltschützer und Kohlebefürworter gleichermaßen abarbeiten. Dass die Laster auf absehbare Zeit wohl keine Muttererde aus dem artenreichen Urwald abtransportieren werden, ist einem gerichtlich verfügten Rodungsstopp von Anfang Oktober zu verdanken.

Und trotzdem fliegen im Hambacher Forst weiterhin regelmäßig die Fetzen: An diesem sonnigen Freitag Ende November ist es ruhig auf diesem Weg, aber nicht einmal 24 Stunden zuvor lieferten sich Umweltschützer und Polizei dort eine heftige Waldschlacht. Kein Tag vergeht ohne Berichterstattung über die Ereignisse im Wald: RWE gegen Waldschützer. Waldschützer gegen Polizei. Und so weiter. Und so fort. Doch darum soll es in dieser Reportage nicht gehen. Stattdessen: Buir.

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Ausnahmezustand: Regelmäßig sind in Buir mehr Aktivisten und Polizisten unterwegs als der Ort Einwohner zählt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Knapp 4000 Einwohner zählt der Ort, auf dessen Rücken gerade ein mit allen Mitteln geführter Kampf um die Deutungshoheit ausgetragen wird: Waldbesetzer und Sympathisanten aus ganz Deutschland steigen tagtäglich an dem kleinen Bahnhof in Buir aus der S-Bahn und absolvieren die anderthalb Kilometer bis zur Waldgrenze zu Fuß. Viele der Tagebau-Mitarbeiter wohnen in dem Städtchen. Und von hier aus starten auch die sonntäglichen Waldspaziergänge, die zwischenzeitlich bis zu 10.000 Teilnehmer anlockten. Kurz gesagt: In Buir (sprich: Bür) treffen Welten aufeinander, die sich nicht miteinander vertragen. Und darunter leiden alle.

Die Zukunft der Energiewende?

"Ein Drittel der Bevölkerung steht zu RWE, ein Drittel sympathisiert mit uns und ein Drittel hat schon längst den Kopf in den Sand gesteckt", fasst Andreas Büttgen die Gemengelage zusammen. Eine explosive Mischung, die den Ort tief gespalten hat. Mit "uns" meint Büttgen die Mitglieder der Bürgerinitiative "Buirer für Buir", die sich ursprünglich mal gegründet hatte, um gegen die Verlegung der A4 zu protestieren. Die Autobahn führte damals mitten durch den Wald, wurde aber in Steinwurfnähe zum Ort verlegt, um dem Tagebau mehr Platz zu verschaffen. Und der frisst sich seit Jahrzehnten immer tiefer ins Umland: Mittlerweile umfasst die Mondlandschaft gewaltige zwölf mal acht Kilometer und fällt an ihrer tiefsten Stelle 440 Meter ab.

Reportageserie Mittelstädte

Rund 70 Prozent der Deutschen leben in Städten oder Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnern, überregionale Nachrichten kommen aber traditionell fast ausschließlich aus den Großstädten. Doch auch andernorts finden Dinge statt, die uns alle etwas angehen. Deshalb besucht n-tv.de unabhängig vom Tagesgeschehen jeden Monat eine deutsche Mittel- oder Kleinstadt und berichtet über die Dinge, die die Region am stärksten beschäftigen.

Eine offene Wunde in der Region, die selbst die bergbaugestählten Bewohner auf die Barrikaden brachte: "Die Kohlebahn fährt alle zwölf Minuten, das ist häufiger als die S-Bahn verkehrt", sagt Büttgen und deutet auf eine zweigleisige Bahntrasse, die direkt neben der sechsspurigen Autobahn und dem regulären Schienennetz in die Landschaft gebügelt wurde. Um es in einem Satz zu sagen: Das Ausmaß der Kohleförderung im Hambacher Tagebau ist gewaltig - und für RWE äußerst lukrativ. Buirs Nachbardörfer Manheim und Morschenisch wurden schon vor Jahren evakuiert, bald sollen sich dort die monströsen Braunkohlebagger in die Erde bohren. Der Ort mit der über 1000-jährigen Geschichte selbst wurde nur aus einem Grund verschont: "Der Kohleflöz knickt kurz vor Buir steil in die Tiefe ab, eine Förderung würde sich für RWE nicht lohnen."

Wirklich freuen können sich die Buirer darüber momentan aber nicht, denn: "Im Hambacher Forst entscheidet sich die Zukunft der Energiewende", ist Büttgen überzeugt. Und um die wird mit harten Bandagen gekämpft: Teile der ursprünglich sehr friedfertigen Waldbesetzer haben sich in den vergangenen Jahren radikalisiert, werfen mitunter mit Kot auf Polizisten oder bauen gar Bombenattrappen - um bei anstehenden Räumungen Zeit zu gewinnen und die Polizei zu beschäftigen. Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Staatsmacht. Und dann gibt es auch noch die ortsansässigen RWE-Angestellten, die um ihre Jobs fürchten und für deren Erhalt immer aggressiver vorgehen. Und zwar nicht im Wald, sondern in Buir selbst.

Die Eskalationsspirale dreht sich

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Ende Oktober besetzten Aktivisten kurzzeitig die Hauptschlagader des Tagebaus, die zweigleisige Kohlebahn.

(Foto: imago/Tim Wagner)

"Wenn ich im Dunkeln unterwegs bin, bin ich mittlerweile schon sehr vorsichtig geworden", sagt Büttgen. Er berichtet von Beschimpfungen und unverhohlenen Morddrohungen gegen ihn und seine Mitstreiter - und von einer Eskalationsspirale, die sich immer schneller dreht: Zerkratzte Autos und zerstochene Reifen standen am Anfang. Nicht schön, aber nichts im Vergleich zu der lebensgefährlichen Praxis, die Muttern an Reifen zu lösen. Ein trauriger Höhepunkt war schließlich erreicht, als Anfang September kurz nacheinander zuerst das "Bürgermobil" der Bürgerinitiative und dann das Auto eines Unterstützers der Waldbesetzer brannte. In beiden Fällen liegt Brandstiftung nahe, im Fall des "Bürgermobils" will ein Zeuge sogar den mutmaßlichen Brandstifter erkannt haben. "Bis heute hat die Polizei den Zeugen nicht vernommen", sagt Büttgen und zuckt mit den Schultern.

Seit 25 Jahren wohnt der Mann mit der sanften Stimme und dem eisernen Willen, die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen, in Buir - und gilt trotzdem noch als Zugezogener. Trotzdem kann er die Alteingesessenen verstehen: "Das ist keine einfache Situation, für niemanden. Es werden ja auch immer wieder RWE-Leute von Aktivisten bedroht." Büttgen muss für die Gegenseite sprechen, weil die Gegenseite kein Interesse daran zu haben scheint, ihre Position selbst zu erklären: Weder RWE selbst noch die für die Beschäftigten zuständige Gewerkschaft IG BCE reagierten auf eine schriftliche Anfrage von n-tv.de, am Telefon werden wir vertröstet - und im Ort selbst möchte erst recht niemand, der mit dem Tagebau und damit auch mit der Rodung des Hambacher Forsts sympathisiert, über die Angelegenheit sprechen.

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Das brennende "Bürgermobil", aufgenommen von einem Anwohner.

(Foto: Buirer für Buir)

Im Internet sind die Tagebaubefürworter dafür umso lauter: Gleich mehrere Facebook-Seiten mit mehreren Tausend Mitgliedern befassen sich intensiv mit dem Thema. Ein Großteil der Nutzer macht seinem Unmut über die "Baumschmuser" vergleichsweise zivilisiert Luft, immer wieder sind aber auch krasse Kommentare in bestem Pegida-Sprech darunter. "FEIND LIEßT MIT" (sic!), warnt einer der Vielschreiber. Und tatsächlich hat Andreas Büttgen auf seinem Computer eine Sammlung mit Screenshots der übelsten Beiträge gesammelt. Waldbesetzer und "Buirer für Buir" sollen hier wahlweise niedergeknüppelt oder, noch besser, "an einem der Bäume, die sie so lieben" aufgeknüpft werden. Harter Tobak. Und dazu offenbar auch noch völlig unnötig.

Die Angst, "ins Bergfreie" zu fallen

Erst im vergangenen Jahr stellte eine von den Grünen in Auftrag gegebene Studie fest, dass der Strukturwandel in den drei verbliebenen deutschen Braunkohleregionen bereits so gut wie vollzogen ist: Gerade einmal 9000 Beschäftigte arbeiten noch im gesamten Rheinischen Revier, rund 1500 von ihnen in Hambach. Und von denen ist knapp die Hälfte bereits über 50, was bedeutet, dass selbst bei einem frühzeitigen Kohleausstieg zum Jahr 2030 viele Kumpel reif für den Ruhestand wären. Der Rest der jetzigen Belegschaft könnte dann bei der Abwicklung der Tagebaustätten und der Kultivierung der "Bergbaufolgelandschaften" eine Anschlussbeschäftigung finden.

Trotzdem haben viele Kumpel Angst, "ins Bergfreie zu fallen", wie Büttgen sagt. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit wird von den Gewerkschaften noch angeheizt. "Und die sind der verlängerte Arm von RWE", davon ist der Buirer überzeugt. Von der Politik fühlen sich die "Buirer von Buir" bei der Vermittlung zwischen den verhärteten Fronten im Stich gelassen: "Die Ortsvorsteherin kümmert sich um die Blumenkübel, aber nicht um die Spannungen im Dorf." Also nahm sich die Bürgerinitiative vor, selbst Brücken zu bauen.

Mit der "Initiative Friedensplan" wollen die "Buirer für Buir" wieder Ruhe in den Ort und die Konfliktparteien an einen Tisch bringen. Bislang erfolglos. Ebenso erfolglos blieb die Aktion eines Hamburger Künstlers, der einen Wohnwagen in den Ort stellte und dort die verfeindeten Einwohner miteinander ins Gespräch bringen wollte. Die Aktion wurde wegen mangelnden Interesses eingestellt. "Friede, Freude, Eierkuchen: Daran glaube ich nicht. Das muss sich rauswachsen", sagt seitdem auch Andreas Büttgen.

So verfahren die Situation auch sein mag, es ist trotzdem nicht alles schlecht in Buir, findet Büttgen: "Ich bin dankbar für all die Erfahrungen. Mein Leben hätte in den vergangenen zwölf Jahren ganz anders ausgesehen, wenn uns all das hier nicht zusammengeschweißt hätte. So eine Gemeinschaft wie hier, so eine außerfamiliäre Familie, das findet man nur ganz selten." Büttgen hängt nach zwölf Jahren Kampf mit Leib und Seele an diesem Wald, das merkt man in jeder Sekunde. Was aber, wenn all die Bemühungen umsonst sein sollten? "Wenn der Wald tatsächlich fallen sollte, muss ich weg: Das würde ich nicht aushalten."

Kurz sieht es am Freitagnachmittag so aus, als sei Büttgens Zukunft in Buir bereits gesichert: Der "Spiegel" will erfahren haben, dass die Kohlekommission in ihrem Abschlussbericht eine Stilllegung der westdeutschen Braunkohlekraftwerke bis 2022 empfehlen wolle - was automatisch das Aus für den Hambacher Tagebau bedeuten würde. Büttgen muss nicht einmal auf das kurz darauf folgende Dementi ("Die gesamte Meldung entbehrt jeder Grundlage") der Kohlekommission warten, um zu wissen: "Das ist eine Ente." Das große Finale, es lässt weiter auf sich warten.

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Quelle: n-tv.de

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