Politik

Ex-SPD-Mann Christ geht zur FDP "Frust ist in der Politik fehl am Platz"

Vor drei Monaten verlor die SPD ihren Ex-Mittelstandsbeauftragten: Unternehmer Christ wollte keinen Linksruck mitmachen. Nun ist er frisches FDP-Mitglied, denn politisch aktiv zu sein, ist für ihn selbstverständlich. Was er von den Liberalen erwartet, sagte er ntv.de. 

ntv.de: Erst SPD, jetzt FDP – Sie mögen Parteien, die mit der Bedeutungslosigkeit kämpfen, oder?

Harald Christ: Ich mag vor allem Parteien, die für die Stabilität unserer Demokratie in der Vergangenheit eine wichtige Rolle hatten und auch in Zukunft eine wieder wichtigere Rolle übernehmen sollten. Niemand kann ein Interesse daran haben, dass die beiden Volksparteien CDU/CSU und auch SPD immer mehr an Zuspruch verlieren. Für die FDP gilt das ebenso. Die FDP war viele Jahrzehnte innerhalb unserer Parteiendemokratie ein stabiler Partner für Koalitionen im Bund, sowohl für die Union aber auch für die SPD, in einigen Bundesländern ist sie das heute noch. Das gilt es, wieder zu stärken. Mitglied in der FDP zu werden, ist für mich, als politisch aktiver Demokrat, mit meinen sozial-liberalen Werten eine logische Konsequenz.

Sie machten in der Wirtschaft Karriere. Waren Top-Manager, Vorstandschef. Warum ausgerechnet die FDP?

Mit 15 Jahren bin ich politisch aktiv geworden - aus der Überzeugung heraus, dass unsere Demokratie davon lebt, dass Menschen sich engagieren, um etwas zu verändern. Ich habe in jungen Jahren meine spätere berufliche Entwicklung nicht absehen können. Ich habe damals gehadert, Mitglied in der SPD zu werden oder in der FDP. Nach 31 Jahren Mitgliedschaft in der SPD und den jüngsten politischen Entwicklungen in dieser Partei, habe ich nun meine Entscheidung von damals konsequent revidiert. Nicht mehr politisch aktiv zu sein, war für mich keine Alternative. Hier hat sich an meiner Einstellung, die ich als Jugendlicher hatte, nichts geändert. Die Freien Demokraten sind für mich eine Partei, mit der ich viele politische Überzeugungen teile - auch wenn ich meine politische Vergangenheit und Einstellungen dafür nicht ändern werde. Ich bin ein überzeugter Vertreter unserer sozialen Marktwirtschaft und trete dafür auch ein.

Parteichef Christian Lindner gilt bislang als alternativlos. Laufen Sie sich als Nachfolger warm?

Ich werde Mitglied in der FDP und will mich dort einbringen, wo mein Netzwerk und mein Sachverstand helfen können. Wie in der Vergangenheit strebe ich nach keinen Mandaten. Wieso sollte ich? Mir machen mein privates Leben, mein berufliches und soziales Engagement große Freude. Mir geht es in erster Linie um die Inhalte, und gerne unterstütze ich Christian Lindner als Parteivorsitzenden der FDP mit seinem Team.

Was, wenn die FDP bei der nächsten Bundestagswahl nicht in die Regierung kommt? Frust ist da programmiert…

Sehen Sie, wenn ich ein Opportunist wäre, würde ich wohl kaum aus einer Regierungspartei austreten, viele politische Freunde und Weggefährten damit enttäuschen, um dann Mitglied in einer Oppositionspartei zu werden mit einer Reihe von großen Herausforderungen. Überhaupt wird von zu vielen in der Politik zu viel taktiert. Es geht mir um Überzeugungen und einen Beitrag zu leisten, dass die FDP eine starke inhaltliche Rolle ausfüllt. Wir brauchen starke Alternativen, um stabile Regierungsbildungen möglich zu machen. So oder so - mehr Gedanken mache ich mir dabei nicht. Gefrustet bin ich maximal, wenn mein Lieblings-Fußballclub verliert. Ich kenne sonst dieses Gefühl nicht, und in der Politik ist das auch fehl am Platz.

Mit welcher weiteren politischen Entwicklung rechnen Sie für Deutschland?

Es wird für beide Volksparteien schwieriger, und Besserung ist kurzfristig nicht in Sicht. Sowohl die Union aber auch die SPD verlieren immer mehr an Zustimmung bei den Menschen in unserem Lande, das stärkt die politischen Ränder und destabilisiert unser System. Sobald die Grünen in Regierungsverantwortung kommen sollten, wird es hier nicht besser gehen. Das macht mir große Sorgen. Es macht das Regieren in den Bundesländern, aber auch im Bund nicht einfacher. Wir stehen vor der großen Herausforderung, die sozial-ökologisch-ökonomische Transformation unserer Gesellschaft und Wirtschaft zu organisieren. Das erfordert stabile politische Verhältnisse, eine konzeptionell innovative Politik und überzeugende Politiker. Es gilt, die Menschen dafür zu gewinnen. Um die geht es nämlich.

Die jüngste Forsa Umfrage im Auftrag von ntv sieht die FDP nur noch bei 5 Prozent. Damit ist der Wiedereinzug in den Bundestag 2021 gefährdet. Wie sehen Sie das?

Jetzt warten wir erst mal ab. Richtig ist: Es gibt keine Zeit zu verlieren, deutlich zu machen, um was es im Kern geht für die Menschen in Deutschland. Wenn die Freien Demokraten schwächer werden oder sogar nicht mehr dem Bundestag angehören würden, besteht die Gefahr einer sozialistischeren, grün-rot-roten Politik im Bund. Somit würde sich die Republik deutlich nach links verändern. Enteignungen, Deckelungen, noch mehr regulatorische Instrumente, staatliche Bevormundung, Einflussnahme, mehr Bürokratie. Private Initiative, Investitionen und unternehmerische Dynamik würden verstärkt abwandern. Es lohnt sich, mal einen Blick in das Parteiprogramm der Linken und der Jusos zu werfen oder genau hinhören, was Kevin Kühnert und Saskia Esken so alles fordern. Realitätsfern, wirtschaftsfeindlich und gefährlich für die Zukunft unseres Landes. Ein Grund mehr, mit maximalem persönlichen Einsatz bei den Menschen dafür zu werben, dass es eine Stärkung der Freien Demokraten braucht. Nur so lassen sich diese Entwicklungen verhindern.

Kommt es der FDP zu Gute, dass die SPD-Doppelspitze in Umfragen nicht überzeugt und in der Union ein Machtpoker läuft?

Ich wünsche mir, dass die SPD und auch die Union sich wieder als starke Volksparteien stabilisieren. Für die Union speziell wünsche ich mir, dass Armin Laschet und Jens Spahn sich durchsetzen. Der FDP empfehle ich, weniger die aktuellen Probleme der anderen zu sehen, sondern vielmehr kraftvoll und mit Selbstbewusstsein an der eigenen politischen Agenda zu arbeiten und vor allem die Menschen davon zu überzeugen. Wir sollten immer in Erinnerung rufen: Es sind die Wählerinnen und Wähler, die politischen Parteien und der Politik, für die sie stehen, am Ende die Mehrheiten sichern.

Mit Harald Christ sprach Ulrich Reitz.

Quelle: ntv.de