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Immunologe Kern im Interview "In gestufte Lockerungen könnten wir morgen einsteigen"

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"In gestufte Lockerungen könnten wir morgen einsteigen", sagt Peter Kern.

(Foto: picture alliance /)

Dem Gesundheitssystem drohe keine Überlastung mehr, heißt es von der Krankenhausgesellschaft. Peter M. Kern, Leiter der Klinik für Immunologie am Klinikum Fulda, plädiert dafür, sofort zu lockern - stufenweise, im Einzelhandel, in der Gastronomie und auch bei Open Air Events. Für die Endphase der Pandemie müsse die Gesellschaft endlich einen Konsens finden.

ntv.de: Aus Sicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist für die kommenden Wochen nicht mehr mit einer Überlastung des Gesundheitswesens zu rechnen. Wie kann man das vorhersehen, wenn der Scheitelpunkt der Omikronwelle noch gar nicht erreicht ist?

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Der Immunologe und Internist Peter M. Kern leitet die Klinik für Immunologie am Klinikum Fulda und lehrt an der Philipps Universität Marburg.

Peter Kern: Für diese Einschätzung ist es nicht nötig, den Scheitelpunkt abzuwarten, das hat die Medizin auch in den vorangegangenen Wellen nicht getan. Entscheidend, ist, dass die Beobachtungsphase lang genug war. In den vorherigen Wellen haben wir gelernt, dass es vom Ausbruch der Symptome bis zu einer schweren Erkrankung und der folgenden Intensivpflichtigkeit in der Regel drei bis vier Wochen dauert. Bei Omikron würde ich gerne noch etwas Zeit dazu geben und fünf bis sechs Wochen betrachten.

Weil Omikron sich anders verhält?

Weil wir erstens diese neue Variante haben und zweitens aber auch der Immunisierungsgrad in der Population völlig verändert ist. Die meisten Menschen sind bereits in irgendeiner Weise immunisiert - durch Impfung oder Infektion. Darum könnte es sein, dass es bis zum Ausbruch einer schweren Erkrankung länger dauert, weil der Körper sich länger gegen den Erreger wehren kann, bevor er aufgibt und Hilfe braucht.

Das ist ja eigentlich eine gute Nachricht.

Absolut, und diese gewachsene Immunisierung war übrigens auch der Grund, warum schon die vierte Welle, die ja noch eindeutig von Delta getragen war, nicht mehr zu der Fallzunahme auf den Intensivstationen geführt hat, die man zuvor befürchtet hatte.

Und aus der aktuellen Situation, in der das Gesundheitssystem die Omikronwelle bewältigt, lässt sich hochrechnen, dass das auch in den kommenden Wochen der Fall sein wird?

Wir haben jetzt in Deutschland nur noch wenige Menschen, die nicht immunisiert sind, und von denen interessieren uns für diese Berechnung nur die über 60-Jährigen. Die Jüngeren haben statistisch gesehen nur ein ganz geringes Risiko, schwer an Covid zu erkranken. Das macht keine Welle, das belastet nicht die Intensivstationen. Dieses Risiko, das Gesundheitssystem zu stark zu belasten, bezieht sich nur auf die Älteren ohne Immunschutz.

Also ist die spannende Frage: Wie groß ist diese Gruppe?

Präzise Daten dazu gibt es nicht, aber die Schätzungen gehen in Richtung 1,5 bis maximal 2 Millionen Menschen. Wir wissen, dass 3 Millionen über 60-Jährige nicht geimpft sind, aber wir dürfen annehmen, dass etwa die Hälfte davon schon immunisiert ist durch eine durchgemachte Infektion. Diese 1,5 bis 2 Millionen Gefährdeten sind aber nach allem, was wir in den vergangenen Wochen mit Omikron beobachtet haben, auch im Ausland, nicht mehr genug, um das Gesundheitssystem zu gefährden.

Wie wäre die Belastung grob geschätzt?

Grob geschätzt: Wenn all diese Menschen sich im Laufe dieses Jahres infizieren und fünf Prozent von ihnen würden schwer erkranken - das war der Anteil schwerer Verläufe in den vorherigen Wellen -, dann hätten wir eine Querschnittsbelastung von 3000 Patienten auf den Intensivstationen. Zum Vergleich: In der Spitze der zweiten Welle waren es knapp 6000 in Intensivtherapie, das war der bisherige Höchstwert. Ich glaube, das hat die Krankenhausgesellschaft dazu bewogen zu sagen, das können wir jetzt stemmen, da kommt nichts Gravierendes mehr.

Kann man denn die geimpften Älteren ganz außer Acht lassen? Deren Immunantwort ist ja oft schwächer ausgebildet. Kein Risiko für das Gesundheitssystem?

Es stimmt, das Alter ist ein ganz entscheidender Faktor für den Verlauf einer Covid-Infektion und für die Immunkompetenz. In Zahlen: Das Risiko eines 75-Jährigen, an Corona schwer zu erkranken, ist 1000 Mal höher als das Risiko eines 25-Jährigen. Ein fittes und durch Impfung und/oder Infektion gut geschultes Immunsystem kann vielleicht 99 Prozent Immunität erreichen, manche von uns haben diesen Wert vermutlich schon. Andere, weder geimpft noch infiziert, stehen noch bei null.

Und der ganze Rest tummelt sich zwischen diesen beiden Polen?

Auf der gesamten Skala. Wir alle haben unterschiedlich gute Immunsysteme, sind zu verschiedenen Zeitpunkten geimpft worden, mit verschiedenen Impfstoffen, und manche haben sich auch noch infiziert. Deutschland ist ein riesiges, buntes Immunmosaik. Was aber immer gilt: Mit jeder Impfung und jeder Infektion klettert jedes Immunsystem auf seiner individuellen Lernkurve nach oben. Und auch wenn die Lernkurve eines alten Immunsystems flacher und länger verläuft als bei einem jungen Menschen, bildet es mit drei Impfungen trotzdem in den meisten Fällen schon Schutz aus.

Der reicht, um das Gesundheitssystem nicht zu gefährden?

Dieser Schutz ist meines Erachtens inzwischen ausreichend, um auch in der großen Gruppe der älteren Geimpften eine Welle schwerer Verläufe zu verhindern. Und darum geht es ja. Na klar, es werden sich ältere Geimpfte infizieren und manche von ihnen müssen ins Krankenhaus. Aber dafür gibt es die Medizin, denen können wir ja helfen. Entscheidend ist, keine Welle zu bekommen, die das System so überlasten würde, dass wir nicht mehr helfen können. Und dieses Risiko sehe ich für die schon Immunisierten nicht mehr.

Wenn das nun die Erkenntnis ist, wir können das jetzt stemmen, welche Konsequenzen können oder sollten sich daraus ergeben?

Generelle Lösungen, also alle Maßnahmen überall beibehalten oder überall aufheben, sind in dieser Phase der Pandemie nicht mehr richtig. In gestufte Lockerungen könnten wir morgen einsteigen.

Und in welcher Weise gestuft? Welche Öffnung könnte man sich aus Ihrer Sicht leisten, ohne ein zu großes Risiko einzugehen?

Ich plädiere dafür, individualisiert zu lockern entlang der Risikoprofile, denn sowohl das Risiko für eine schwere Erkrankung als auch inzwischen der Immunisierungsgrad der Menschen sind ja sehr unterschiedlich. Auch haben wir genug Evidenz, um zu wissen, in welchen Situationen man sich leicht ansteckt und in welchen eher nicht. Ein Altenpflegeheim beispielsweise sollte alle Schutzmaßnahmen weiter aufrechterhalten. Aber 2G im Einzelhandel oder in der Kultur könnte aus meiner Sicht in ganz Deutschland morgen abgeschafft werden. Einschränkungen für Veranstaltungen im Freien und für die Gastronomie wären meines Erachtens ebenso verzichtbar. Die Maskenpflicht sollten wir hingegen noch weitestgehend beibehalten.

Auch in den Schulen?

Das ist eine schwierige Entscheidung. Einerseits haben Schulen derzeit eine hohe Infektionsrate, weil viele Kinder nicht geimpft sind. Andererseits verläuft eine Covid-Infektion im Schulalter in der Regel ohne Probleme. Vorerkrankte Kinder und vulnerable Lehrkräfte müssten geschützt werden. Aber die generelle Maskenpflicht wäre inzwischen zu pauschal.

An welchen Parametern orientiert sich diese Strategie?

Wir müssen uns als Gesellschaft einen Konsens geben. Was möchten wir tolerieren? Darüber müssen wir uns klar werden. Als Beispiel: Wenn wir uns als Gesellschaft einig sind, dass möglichst wenige Menschen an Covid sterben sollen, so wenig wie man nur schaffen kann, dann dürfen wir nicht lockern. Entwickeln wir aber einen anderen Konsens, zum Beispiel den, dass auch an Corona Menschen sterben können, so wie an anderen Viruserkrankungen auch, etwa in ähnlicher Zahl wie an der Grippe, dann haben wir ungefähr den Spielraum, den ich eben skizziert habe. Über allem steht diese Konsensbildung: Was möchte die Gesellschaft erreichen? Aber diesen Prozess sehe ich bei uns noch nicht. Schweden zum Beispiel hat das schon sehr früh für sich entschieden. Wir sind aber noch immer im Anfangsmodus.

Mit dem Ziel, so viele Infektionen wie möglich zu verhindern?

Ja, und dieser Modus ist vollkommen richtig in der Hochphase einer Pandemie und noch viel wichtiger in der Anfangsphase, wenn es noch gar keine Erkenntnisse gibt über Verläufe und Risiken. Was wussten wir denn vor zwei Jahren? Gar nichts. Da konnte man nicht anders, als in den vollen Lockdown zu gehen. Heute wissen wir so viel mehr zu diesem Virus, seiner Ausbreitung, den Erkrankungsrisiken, den Behandlungsmöglichkeiten und vor allem zur Entwicklung individueller Immunantworten nach Impfung und Infektion. Dieses Wissen sollten wir für unsere Entscheidungen jetzt nutzen.

Mit Peter Kern sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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