Politik

Gedenkstunde im Bundestag Israels Parlamentspräsident spricht den Kaddisch

Levy war im Bundestag sichtlich erschüttert.

Levy war im Bundestag sichtlich erschüttert.

(Foto: REUTERS)

Zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz gedenkt der Bundestag der Holocaust-Opfer. Eine Überlebende, Inge Auerbacher, wirbt für Versöhnung und warnt vor dem "Krebs" des Antisemitismus. Israels Parlamentspräsident Levy spricht von Gefahren für die Demokratie und rezitiert unter Tränen das jüdische Totengebet.

Der israelische Parlamentspräsident Mickey Levy hat in Berlin an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnert und vor den Gefahren für die Demokratie gewarnt. In einer Veranstaltung des Bundestags am Holocaust-Gedenktag sagte Levy, im Reichstagsgebäude könne man eine Ahnung davon bekommen, wie Menschen Demokratie ausnutzen könnten, um sie zu überwinden.

"Dies ist der Ort, wo die Menschheit die Grenzen des Bösen gedehnt hat, ein Ort, wo Werteverlust einen demokratischen Rahmen in eine rassistische und diskriminierende Tyrannei verwandelt hat", sagte Levy. "Und nun erfahren wir hier, in den Mauern dieses Hauses - stummer Zeuge aus Stahl und Stein - wieder die Zerbrechlichkeit der Demokratie, und wir werden wieder an die Pflicht erinnert, sie zu schützen."

Das Wahren der Erinnerung an den Holocaust sei eine schwere Aufgabe, die jede Generation aufs Neue auf sich nehmen müsse, sagte Levy. Er erinnerte an die sogenannte Wannseekonferenz, bei der führende NS-Beamte und Offiziere die Umsetzung des Völkermords an den europäischen Juden besprochen hatten. 80 und 7 Jahre seien vielleicht nicht genug Zeit, damit Wunden verheilen könnten, sagte der Knesset-Präsident.

Doch verbinde die Erinnerung Israelis und Deutsche. Beide Nationen hätten es geschafft, das historische Trauma zu überwinden. Und beide seien sich einig über die Bedeutung der Demokratie und den Einsatz für ihren Schutz. Als Levy am Ende seiner Rede das jüdische Totengebet rezitierte, kamen ihm die Tränen und er konnte nicht weitersprechen. Die Abgeordneten spendeten ihm minutenlang Applaus.

"Leider ist dieser Krebs wieder erwacht"

Vor Levy hatte bereits die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher im Bundestag appelliert, sich dem Antisemitismus entgegenzustellen. "Leider ist dieser Krebs wieder erwacht, und Judenhass ist in vielen Ländern der Welt, auch in Deutschland, wieder alltäglich", sagte Auerbacher bei der Gedenkstunde. "Diese Krankheit muss so schnell wie möglich geheilt werden."

Auerbacher erzählte vor den Abgeordneten, wie sie wie durch ein Wunder mit ihren Eltern das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatte und nach Kriegsende nach New York ausgewandert war. Dort litt sie jahrelang unter Krankheiten als Folge der NS-Verfolgung, überwand aber auch diese und arbeitete jahrzehntelang als Chemikerin.

Sie schloss ihre Rede, die die Bundestagsabgeordneten sichtlich bewegte, mit den Worten: "Menschenhass ist etwas Schreckliches. Wir sind alle als Brüder und Schwestern geboren. Mein innigster Wunsch ist die Versöhnung aller Menschen." Die Vergangenheit dürfe nie vergessen werden. "Zusammen wollen wir beten für Einigkeit auf Erden."

"Der Antisemitismus ist mitten unter uns"

Zu Beginn der Gedenkstunden hatte Bundestagspräsidentin Bärbel Bas zur Wachsamkeit gegenüber anhaltender Judenfeindlichkeit aufgerufen. "Der Antisemitismus ist mitten unter uns", warnte die SPD-Politikerin bei einer Gedenkstunde des Parlaments. Antisemitismus gebe es nicht nur am äußersten politischen Rand - er sei ein Problem der ganzen Gesellschaft.

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Zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erinnert der Bundestag traditionell an die Opfer des Nationalsozialismus. Bas betonte jedoch: "Erinnern und Gedenken machen nicht immun gegen Antisemitismus." Vielmehr seien Freiheit und Demokratie auf engagierte Bürger angewiesen, die in diesem Fall auch "Mut zur Intoleranz" zeigen müssten. "Wer gegen Muslime und ihren Glauben hetzt, der macht sich als Freund des Judentums unglaubwürdig", sagte Bas. Bei rechtsextremen Wahlerfolgen sei es "höchste Zeit zusammenzustehen, um die Werte und Institutionen unserer freien, demokratischen Gesellschaft zu beschützen".

Am 27. Januar 1945 hatten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des deutschen Konzentrationslagers Auschwitz im besetzten Polen befreit. Die Nazis hatten dort mehr als eine Million Menschen ermordet. Seit 1996 wird das Datum in Deutschland als Holocaust-Gedenktag begangen.

Quelle: ntv.de, ghö/dpa

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