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Pendlers Lust in Mecklenburg Ludwigslust macht Pendeln sexy

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Der Eurocity aus Prag hält alle zwei Stunden in Ludwigslust - nachmittag herrscht vergleichbare Ruhe auf dem Bahnhof.

(Foto: Julian Vetten)

Mehr als 100 Kilometer trennen Ludwigslust von Hamburg - und trotzdem fahren täglich Tausende zwischen der Hansestadt und der mecklenburgischen Kleinstadt hin und her. Die Gründe dafür: Geld, die Bahn und ein Barockschloss.

50.000 Kilometer sind eine ziemlich weite Distanz. Weit genug, um einmal die Erde zu umrunden und direkt im Anschluss noch nach Japan weiterzufliegen. Oder, um einmal den Umriss Europas annähernd maßstabsgetreu nachzufahren. Man könnte aber auch ganz einfach ein Jahr lang jeden Tag zur Arbeit und zurück pendeln. So wie Tausende Ludwigsluster.

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Das Hotel mit dem gleichen Namen ist für Ludwigsluster sogar noch schneller zu erreichen als die Hansestadt.

(Foto: Julian Vetten)

103 ICE-Kilometer liegen zwischen der mecklenburgischen Kleinstadt und Hamburg, wo ein Gros der Ludwigsluster ihren Arbeitsplatz hat. Aktuelle Vergleichszahlen liefert der Landkreis Ludwigslust-Parchim zwar nicht, aber 2012 - vor der Zusammenlegung mit Parchim - pendelten von den 23.000 Arbeitskräften in der Region rund 15.000 westwärts über die Landesgrenze nach Schleswig-Holstein oder eben noch weiter, bis nach Hamburg.

Klar, Deutschland ist eine Pendlernation, 39 Prozent der rund 32,6 Millionen Beschäftigten pendeln zum Arbeiten in einen anderen Landkreis oder weiter. Und trotzdem steht Ludwigslust ganz weit vorne im Ranking, sowohl was die zurückgelegte Distanz als auch die Zahl der Pendler angeht. Der außergewöhnlich hohe Anteil ist ein Erbe der Wiedervereinigung, das viele Regionen entlang der ehemaligen Grenze teilen.

42 Minuten für 103 Kilometer

Reportageserie Mittelstädte

Rund 70 Prozent der Deutschen leben in Städten oder Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnern, überregionale Nachrichten kommen aber traditionell fast ausschließlich aus den Großstädten. Doch auch andernorts finden Dinge statt, die uns alle etwas angehen. Deshalb besucht n-tv.de unabhängig vom Tagesgeschehen jeden Monat eine deutsche Mittel- oder Kleinstadt und berichtet über die Dinge, die die Region am stärksten beschäftigen.

"Wir hatten nach der Wende eine langanhaltende strukturelle Arbeitslosigkeit. Dann haben Wirtschaftsverbände und Landesregierung über lange Zeit den Fehler gemacht, damit zu werben, dass wir viele Fachkräfte haben und die Löhne hier niedrig sind", sagt der Bürgermeister. Reinhard Mach lenkt die Geschicke der Stadt seit 2010 und ist heute noch sauer über die politischen Entscheidungen der Nachwendezeit: "Das hat uns das Image eines Niedriglohnlandes eingebracht, die negativen Folgen sind bis heute spürbar: Der Lohnniveauunterschied zwischen Hamburg und unserer Region ist immer noch beträchtlich."

Bis zu 25 Prozent mehr können Ludwigsluster verdienen, die sich in der nicht ganz so nahe gelegenen Hansestadt eine Arbeit suchen. Ein lukratives Angebot, das viele annehmen, weil sie in Ludwigslust das nötige Quäntchen Glück in Sachen Infrastruktur haben: Die 12.500-Einwohner-Stadt liegt an der gut ausgebauten ICE-Strecke zwischen Berlin und Hamburg. Die Hochgeschwindigkeitszüge können hier tatsächlich mal ihre Muskeln spielen lassen, Reisende brauchen im günstigsten Fall nur 42 Minuten von Ludwigslust zum Hamburger Hauptbahnhof. "Bei uns halten mehr IC, ICE und EC als im gesamten Rest des Landes, also inklusive Rostock und Stralsund", sagt Mach. Und durch die Nähe zur A24 ist die Stadt auch für Autofahrer interessant.

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Kontrabassist Matthias Sperger diente im 18. Jahrhundert dem damaligen Herzog und ist heute einer von wenigen Ludwigslustern, die sich nicht von der Stelle bewegen.

(Foto: Julian Vetten)

Gute Anbindung hin oder her, eigentlich müsste kaum noch jemand aus Ludwigslust auspendeln, Arbeit gibt es hier mittlerweile genug: Gerade mal 5,3 Prozent beträgt die Arbeitslosenquote im Landkreis, das ist nur knapp über dem deutschen Durchschnitt. Und sie könnte sogar noch niedriger sein, wenn die dringend benötigten Fachkräfte nicht in die große Stadt fahren würden. Tun sie aber trotzdem. Warum? Der Bürgermeister packt ein persönliches Beispiel aus, um die Situation zu erklären: "Vor sechs oder sieben Jahren habe ich meinem Schwager, der seit 1992 nach Hamburg pendelt, gesagt: 'Es gibt wieder was zu tun, willst du nicht mal gucken, dass du wieder hier arbeitest?' Sagt mein Schwager: 'Ich habe mehr als 20 Jahre Betriebszugehörigkeit, die kann ich doch nicht einfach so aufgeben. Und wer sichert mir zu, dass ich meinem neuen Betrieb in der Probezeit nicht doch zu alt bin?'"

Ludwigslust, das Pendlerparadies?

Mach hat verstanden: "Wer so lange pendelt, wird auch bis zur Rente pendeln." Und richtet seinen Blick deshalb auf die jüngere Generation. "Wenn man den Anspruch hat, Pendler zurückzugewinnen, dann muss man das mit denen versuchen, die noch nicht so lange auf Achse sind", sagt der Bürgermeister und bittet seine Sekretärin um eine Ausgabe der "Pendlerpost". Kurz darauf liegt ein dünnes Magazin auf dem Tisch, herausgegeben von der hiesigen Wirtschaftsförderungsgesellschaft und verteilt auf dem geschäftigen Bahnhof: "Das Ding ist voller Stellenanzeigen und soll den einen oder anderen dazu anregen, nochmal nachzudenken."

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Ludwigslust (hier der Schlossgarten) soll zum Rückzugsort gestresster Großstädter werden.

(Foto: Julian Vetten)

Dass ein Anzeigenheft allein die Entwicklung umkehren kann, glaubt allerdings auch der Bürgermeister nicht. Deswegen hat Mach beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und Ludwigslust ganz offensiv als Pendlerparadies zu bewerben. Die Kleinstadt ist seit einigen Jahren Teil der Metropolregion Hamburg und seitdem auch auf dem Radar gestresster Städter, die keine Lust mehr auf hohe Mieten und Großstadtlärm haben. "Die Preisexplosion in den Metropolen führt hoffentlich dazu, dass der eine oder andere sich dafür interessiert, hier bei uns zu wohnen und in Hamburg zu arbeiten", sagt der Bürgermeister.

Die Bedingungen dafür sind gut: 21 Prozent der deutschen Pendler brauchen zwischen 30 und 45 Minuten für ihren Arbeitsweg, 27 Prozent sogar länger als 45 Minuten. Ludwigslust liegt also noch irgendwo im Mittelfeld, obwohl es geografisch gesehen mitten im Nirgendwo verortet ist - mit all den Vorteilen, die das so mit sich bringt: "Wir haben Ende letzten Jahres Wohnungen auf den Markt gebracht mit Tiefgarage, Fahrstuhl und Terrasse für 7,50 Euro kalt und unter 10 Euro warm. Da kriegen sie normalerweise im Randgebiet einer Metropole gar nichts, schon gar nicht mit der Ausstattung", erzählt der Bürgermeister. Und dann wäre da ja noch die Stadt selbst, die ihre eigene kleine Attraktion ist.

Das "Versailles des Nordens"

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Das wuchtige Barockschloss ist das Ludwigsluster Wahrzeichen.

(Foto: Julian Vetten)

Ludwigslust ist ein Kunstprodukt, eine Sommerlaune des damaligen Herzogs Christian Ludwig. Der bekam 1754 Lust, das Dörfchen Klenow zu seiner neuen Residenz zu machen. Zuerst kam die Namensänderung, bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts wurde aus dem verschlafenen Nest dann das "Versailles des Nordens", stilecht mit wuchtigem Barockschloss, einem gewaltigen Schlosspark und einer breiten Prachtstraße, die auch heute noch durch ihre Weite beeindruckt. In Ludwigslust galt lange: Function follows form, weshalb heute auch ein lauschiges Kanälchen durch die Stadt fließt - angelegt, nur um die 24 Wasserspiele im Schlosspark mit Wasser und dem nötigen Druck zu versorgen, eine Fontäne speien zu lassen. Über die Dekadenz der Altvorderen dürfen sich heute alle Ludwigsluster freuen.

Die Pendler, die sich an diesem Maidienstag um 18.17 Uhr aus dem ICE 697 nach Berlin auf den Ludwigsluster Bahnsteig schieben, denken wahrscheinlich eher ans Abendessen als an die Schönheit ihrer kleinen Stadt. Was nicht verkehrt ist, schließlich kommen die Heimkehrenden, die in der Innenstadt wohnen, an einem Delikatessenladen, einem Weindepot, einem Weltladen, einem türkischen Gemüsemarkt und diversen Restaurants und Cafés vorbei: Für eine Stadt dieser Größe ist Ludwigslust erstaunlich breit aufgestellt.

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Der 28 Kilometer lange Kanal fließt durch die Kleinstadt und wurde nur angelegt, um die Fontänen des herzöglichen Wasserspiels anzutreiben.

(Foto: Julian Vetten)

Aller Diversität der Ludwigsluster Ladengeschäfte zum Trotz: Hat der Bürgermeister keine Angst, dass das explizite Umwerben von Hamburger Pendlern Ludwigslust irgendwann zur reinen Schlafstadt machen wird? "Klar, es wird die Leute geben, die am Wochenende die Metropole brauchen. Ich glaube aber nicht, dass die eine so große Zahl bilden werden, dass es zu großen Verwerfungen in der Stadt kommen wird. Unser Ziel, dass die überwiegende Zahl der Menschen nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch ihren Lebensmittelpunkt in der Stadt haben, wird dadurch nicht gefährdet", ist Mach überzeugt.

Also alles gut in Ludwigslust? "Wir wünschen uns, dass wir dem Hamburger Verkehrsverbund angeschlossen werden. Der Metronom fährt bis Lüneburg und ich frage mich: Was haben die, was wir nicht haben?" Man könnte aber auch fragen: Was hat Ludwigslust, was Lüneburg nicht hat? Eine außergewöhnlich gute ICE-Anbindung zum Beispiel. Und die soll sogar noch besser werden: Ab 2021 möchte die Bahn ihre ICEs auf der Strecke zwischen Berlin und Hamburg verdoppeln und sie im Halbstundentakt verkehren lassen. Vielleicht ist es dann tatsächlich an der Zeit, um mal wieder über eine Namensänderung nachzudenken: Wie wäre es denn mit Pendlerslust?

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Quelle: n-tv.de

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