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Ein Hauch Mali im Camp Castor Mit der Bundeswehr im "offenen Vollzug"

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Ein Bautrupp mit Tagelöhnern aus Mali.

(Foto: Issio Ehrich)

Der UN-Einsatz in Mali gehört zu den gefährlichsten der Bundeswehr. Die meisten Soldaten verbringen daher Monate in ihrem sicheren Camp. Kontakt zur Außenwelt haben sie vor allem durch Tagelöhner, die zum Arbeiten ins Lager kommen.

Die Isolation beginnt nur Minuten nach der Landung auf dem Flughafen. Bundeswehrsoldaten, die im Norden Malis dienen, werden mit dem "MuConPers" in ihr Lager gebracht, dem Mannschafts-Transport-Container. Dabei handelt es sich um einen gewaltigen Metallblock auf Rädern. Bis zu 18 Personen passen hinein. Fällt die schwere Tür im Heck ins Schloss, gibt es nur noch zwei natürliche Lichtquellen: mit Waben durchzogene, circa 30 Zentimeter breite gepanzerte Scheiben. Das Glas dieser Scheiben ist allerdings so dick und die Waben so eng, dass Insassen draußen nur noch verschwommene Umrisse erkennen können.

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Am Rollfeld wartet der "MuConPers".

(Foto: Issio Ehrich)

Hat der Soldat, der in Mali dienen soll, Platz genommen, fahren die Sitze im "MuConPers" von den Panzerscheiben weg in die Mitte des Containers. "Damit der Blast einen nicht direkt trifft", sagt der Kamerad, der die Neuankömmlinge in Empfang nimmt. Damit meint er die Wucht einer Explosion.

Im Norden Malis beteiligt sich die Bundeswehr an einer Friedensmission der Vereinten Nationen. Es ist der verlustreichste Einsatz der Staatengemeinschaft – und einer der gefährlichsten für die Bundeswehr. Der "MuConPers" ist eine Sicherheitsvorkehrung, er schützt die Soldaten vor Sprengfallen, die hier nur kurz "IEDs" genannt werden.

Nach ungefähr zehn Minuten öffnet sich die Hecktür wieder. Die Soldaten treten hinaus ins gleißende Sonnenlicht, und sie sehen: "Hesco-Packs". Hesco-Packs sind die moderne Variante des Sandsacks. Sie lassen sich übereinanderstapeln, sodass in kurzer Zeit überall auf der Welt eine ummauerte Festung entstehen kann: Willkommen in Mali. Willkommen in Camp Castor.

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In dem Militärlager am Rande der Stadt Gao leben die derzeit rund 850 deutschen Soldaten. Dass sie sich im sagenumwobenen Mali befinden, in dem einst König Keita herrschte, durch das seit Jahrhunderten die Tuareg-Nomaden wandern, und dessen Bevölkerung sich 1960 der Kolonialisierung durch Frankreich entledigte, merken sie hier nicht wirklich. Sie spüren nur die Hitze und sehen den roten Sand zwischen den Hesco-Pacs.

Ein Soldat, der schon etwas länger hier ist, spricht von seiner Zeit in Mali augenzwinkernd als "offenem Vollzug". Der durchschnittliche Heeressoldat verbringt derzeit sechs Monate in Camp Castor, und nur ein Drittel der Soldaten verlässt in dieser Zeit regelmäßig das Lager.

"Wir leben, die überleben"

Das liegt in der Natur des Auftrags. Nach einem komplexen Aufstand in Mali im Jahr 2012 gingen zunächst die Franzosen gegen die Rebellen aus dem Norden des Landes vor, 2013 stieg die UN ein, um den fragilen Frieden im Land zu sichern. Seit 2015 gibt es einen Friedensvertrag zwischen Regierung und einstigen Aufständischen. Deutschland unterstützt die UN-Mission in erster Linie mit Informationen. Raus aus Camp Castor kommen deshalb vor allem Aufklärer, die in gepanzerten Wagen ausrücken und mit ihren sensiblen Sensoren Daten sammeln, um das Lagebild zu verbessern. Zu den Aufklärern kommen Soldaten hinzu, die sich der Sicherung des Lagers widmen und außerhalb von Camp Castor zum Beispiel Stellungen observieren, die der Feind für Angriffe mit Mörsern oder Raketen nutzen könnte. Einige Bundeswehrsoldaten sprechen mit Einheimischen, um Informationen zu gewinnen. Und sie setzen auf das, was hier "Show of Force" genannt wird: Abschreckung durch ihre schiere Präsenz. Ein Mandat zur Terroristenjagd haben die UN-Truppen nicht.

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"Hesco-Packs" so weit das Auge reicht.

(Foto: Issio Ehrich)

Knapp 300 Soldaten der Bundeswehr gehen diesen Tätigkeiten nach. Damit sie das können, sind sie auf Unterstützung und Infrastruktur der Soldaten aus dem Camp angewiesen. Das gilt im Prinzip für jeden Einsatz. Aber nicht in jedem Einsatz sind die Sicherheitsvorkehrungen so hoch und der Bewegungsspielraum der unterstützenden Kräfte so eingeschränkt wie in Gao. Die Isolation der Männer und Frauen, die ihre Zeit teils ausschließlich im Lager verbringen, ist hier besonders augenscheinlich.

Die Soldaten im Lager gehen unterschiedlich damit um: "Ich persönlich will gar nicht so nahen Kontakt zu den Menschen in Mali aufnehmen", sagt ein Spezialpionier, der noch verhältnismäßig häufig draußen ist. "Wenn ich mich zu viel mit ihnen befasse, reise ich vielleicht mit dem Gedanken ab, nicht genug für sie getan zu haben", sagt er. "Da muss man Distanz halten." Ein Soldat, der für die Wetterbeobachtung zuständig ist, sieht das anders: "Ich hätte mir gewünscht, Mali kennenzulernen, aber das ist nicht unser Auftrag." Der Mann versucht, sich vorzustellen, was jenseits der Hesco-Packs passiert: "Hier drinnen kann man das Wasser aus dem Hahn trinken, draußen sicher nicht", sagt er. "Wir leben, die überleben." Dann spricht er vom "Lagerkoller", davon, dass man sich manchmal  "ganz schön am Riemen reißen muss", damit man sich bei all der Enge nicht auf die Nerven geht. Camp Castor ist nicht groß: 800 mal 500 Meter misst es. Und neben den Deutschen sind noch andere Nationen hier stationiert, die Kanadier etwa und die Niederländer, insgesamt rund 1400 Armeeangehörige.

Ein weiterer Tag im Paradies

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Tagelöhner werden im Camp Castor beaufsichtigt.

(Foto: Issio Ehrich)

Die Menschen im Lager, die weder weiß noch Armeeangehörige sind, nennen hier viele Soldaten "Locals". Doch das ist ein irreführender Begriff. In Militärbasen wie Camp Castor kommen verschiedene zivile Dienstleister zum Einsatz. Das Catering etwa übernimmt "Valiant". Hinter der Marke steht ein Unternehmen mit Hauptsitz in Great Falls im US-Bundesstaat Montana. Wer die Kantine betritt, wird unter anderem von Indern und Nepalesen begrüßt. Auf die Frage "Wie geht's?" bekommt man da mit einem breiten Grinsen schon mal Antworten wie diese: "Another day in paradise" - ein weiterer Tag im Paradies.

Reinigungsdienste stellt "Ecolog" bereit, ein großer Militärdienstleister mit Hauptsitz in Dubai. Die Angestellten kommen aus den verschiedensten Ländern, laut dem Camp-Manager zu einem nennenswerten Teil vom Balkan. Solche Großaufträge für Hunderte Soldaten werden öffentlich ausgeschrieben. Viele Unternehmen aus Mali, so heißt es in Camp Castor, können mit den Wettbewerbern nicht immer mithalten.

Kevin M., ein Spezialpionier, der schon zum zweiten Mal für die Bundeswehr in Mali ist, belächelt, wer hier alles "Local" genannt wird. M. kennt einige Malier gut, denn auch wenn es zunächst so scheint, kommen aus dem Umland nicht nur Staub und Hitze ins Lager.

"Wenn wir nicht zum Markt kommen, kommt der Markt zu uns"

Einmal im Quartal dürfen Händler aus der Region unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen im Camp ihre Waren anbieten. Eine Gelegenheit für die Soldaten, Kontakt aufzunehmen und Souvenirs für die Heimat zu erstehen. "Wenn wir nicht zum Markt kommen, kommt der Markt zu uns", ist das Motto. Ein Hauch Mali weht aber vor allem ins Camp, weil in der Basis eigentlich immer irgendwo gebaut wird. Dutzende Tagelöhner sind in der Hesco-Festung im Einsatz. Da ist etwa der 27-Jährige Hamada aus Gao, der noch ganz frisch hier ist: "Bisher kenne ich nur die Schwarzen im Camp, sagt er, aber ich bin sehr gespannt darauf, die Deutschen kennenzulernen." Wer sich ein bisschen mit Hamada unterhält, erfährt schnell, dass in Mali nicht nur Französisch gesprochen wird. Es gibt mehr als 30 verschiedene Sprachen und etliche lokale Dialekte. Am weitesten verbreitet ist Bambara.

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Früher war Nouhou Englisch-Lehrer, jetzt leitet er einen Bautrupp.

(Foto: Issio Ehrich)

Die Reaktionen auf die Tagelöhner fallen bei den Bundeswehrsoldaten verschieden aus: Einige interessieren die Menschen nicht sonderlich. Auch abfällige Bemerkungen sind zu hören. Auf die Tagelöhner angesprochen, lassen die meisten Bundeswehrsoldaten aber nichts auf die "helfenden Hände" kommen. Sie beschränken ihre sozialen Kontakte dennoch vor allem auf freundliche Begrüßungen und ein bisschen Smalltalk. Dahinter steckt auch eine gewisse Scheu – wegen "der Sprachbarriere". Der Erstkontakt mit Händen und Füßen gestaltet sich mitunter tatsächlich etwas schwierig. Aber wer Englisch oder Französisch spricht, findet in den Tagelöhner-Trupps mit etwas Geduld immer jemanden, der übersetzen kann. Einige Bundeswehrsoldaten machen sich diese Mühe. Dann lernen sie junge Männer wie Nouhou kennen. Der 22-Jährige stammt ursprünglich aus Ghana und spricht ein lupenreines Englisch. Er kam schon vor Jahren nach Mali, um sein Französisch aufzupolieren. Mittlerweile leitet er im Auftrag eines malischen Unternehmens einen Bautrupp im Camp. Wer Nouhou darum bittet, lernt schnell sehr viele seiner Kollegen kennen, auch diejenigen, die nicht so sprachgewandt sind wie er.

"Wir brauchen mehr solcher Jobs"

Für Außenstehende wirkt die Interaktion zwischen malischen Tagelöhnern und Bundeswehrsoldaten auf den ersten Blick befremdlich: Die "Locals" dürfen sich in Camp Castor nicht frei bewegen. Während sie in der Sonne schuften, schieben die Deutschen Wache – oft von einem bequemen Sitzplatz im Schatten aus. Das Sprichwort "Gast ist König" bekommt so eine ganz andere Bedeutung.

Doch zugleich gilt: Die internationalen Truppen sind auf Wunsch der malischen Regierung im Land, und viele Einheimische ahnen, dass Gewalt und Terror wieder eskalieren könnten, wenn sie frühzeitig abziehen. Außerdem sind für junge Männer wie Hamada oder Nouhou andere Dinge viel wichtiger als die Hierarchien im Camp, den Eindruck erwecken sie zumindest. Hamada und Nouhou klagen über Arbeitslosigkeit und Hungerlöhne in Mali, und sie sprechen von fehlenden Perspektiven für die junge Generation. "Wir sind sehr glücklich hier", sagt Hamada. Nouhou ergänzt: "Wir brauchen mehr solcher Jobs."

Die "Locals" bekommen im Camp Castor zwar nicht den deutschen Mindestlohn, sie verdienen aber immerhin zwischen 200 und 600 Euro im Monat - je nachdem, ob sie Tagelöhner, Techniker oder Übersetzer sind. Um so viel zu verdienen, brauchen Malier außerhalb des Camps im Durchschnitt fast ein Jahr.

Quelle: n-tv.de

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