Politik

Der Kriegstag im Überblick Putin bleibt Soldaten den Sold schuldig - Ukraine zielt auf Zermürbung der Kreml-Truppen

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Nach einem Raketenangriff in der Region Mykolajiw im Süden der Ukraine inspiziert eine Kinderärztin ihr früheres Büro.

(Foto: REUTERS)

Aus London heißt es, dass Putins Truppen ihren Sold nicht erhalten. Ein US-Institut erläutert die Strategie hinter Kiews Offensive und Kanzler Scholz streicht Russland von der Liste seriöser Energielieferanten.

Weil der russischen Armee die Soldaten fehlen, zwingt der Kreml staatliche Unternehmen zur Rekrutierung, berichten ukrainische Militärs. Aus London heißt es, dass Putins Truppen ihren Sold nicht erhalten. Ein US-Institut erläutert die Strategie hinter Kiews Offensive und Kanzler Scholz streicht Russland von der Liste seriöser Energielieferanten. Der 193. Kriegstag im Überblick.

Generalstab: 50.000 Russen gefallen

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs sind seit Februar dieses Jahres 49.500 Soldaten auf russischer Seite gefallen - 450 alleine in den vergangenen 24 Stunden. Unter den Gefallenen sind laut Sergej Sumlenny, dem ehemaligen Direkter der Böll-Stiftung in Kiew, auch viele Ukrainer, die in den russisch besetzten Gebieten zwangsverpflichtet worden seien, oder Angehörige von Minderheiten in Russland.

Russische Angestellte in Unternehmen rekrutiert?

Laut Generalstab in Kiew verstärkt der Kreml derzeit den Druck auf staatliche Unternehmen, unter ihren Mitarbeitern Soldaten für den Krieg zu rekrutieren. Den staatlichen Unternehmen seien "neue Normen" für die Auswahl von "Freiwilligen" vorgelegt worden, berichtete der Generalstab. Demnach erhielt die Russische Eisenbahngesellschaft den Auftrag, unter ihren Angestellten bis zu 10.000 neue Kandidaten für einen befristeten Vertrag zu suchen. Wie "Kyiv Independent" schrieb, sollen diese Sechs-Monats-Verträge unterzeichnen und 5100 Dollar pro Monat erhalten.

London: Kreml-Truppen warten auf Sold

Das britische Verteidigungsministerium führt die anhaltenden Moral- und Disziplinprobleme des russischen Militärs allerdings auch darauf zurück, dass der versprochene Sold nicht gezahlt werde. "Neben der Kampfmüdigkeit und den hohen Verlusten sind die Probleme mit der Bezahlung wahrscheinlich nach wie vor einer der Hauptkritikpunkte der russischen Soldaten im Einsatz", hieß es in London.

Beim russischen Militär besteht das Einkommen der Soldaten aus einem bescheidenen Grundgehalt, das durch eine Vielzahl von Prämien und Zulagen aufgestockt wird. London führte drei Gründe an, warum das Geld nicht ankommt: eine ineffiziente Militärbürokratie, den ungewöhnlichen rechtlichen Status der "besonderen Militäroperation" und offene Korruption unter den Kommandeuren.

US-Institut: Süd-Offensive zielt auf Militärlogistik

Nach Einschätzung des Institute for the Study of War zielt die ukrainische Gegenoffensive im Süden vor allem darauf, die logistischen und militärischen Kapazitäten Russlands zu beeinträchtigen. Der Thinktank zitierte den ukrainischen Präsidentenberater Oleksyj Arestowytsch, der im "Wall Street Journal" erklärte, dass das derzeitige Ziel der ukrainischen Streitkräfte im Süden die "systematische Zermürbung von Putins Armee" sei und dass die ukrainischen Truppen langsam und systematisch Russlands operatives logistisches Versorgungssystem mit Artillerie- und Präzisionswaffenschlägen zerstören würden. Das Institut erläuterte, dass das ukrainische Militär russische Bodenkommunikationslinien, Ausrüstung und Personal sowie die Logistik im Süden der Ukraine angreife. Lokales Bildmaterial aus den sozialen Medien bestätige wirksame ukrainische Angriffe in der Region Cherson, analysierte der Thinktank.

Hinweise auf russischen Beschuss von AKW

Urheber der Schäden am ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja könnte Russland sein. Ein Video, das die russische unabhängige Investigativseite "The Insider" veröffentlichte, legte das nahe. Demnach soll das Video aus der Nacht des 2. September stammen und zeigen, wie ein russischer Mehrfachraketenwerfer Raketen aus der Nähe des Kraftwerks abfeuert. Seit Donnerstag befinden sich internationale Inspektoren auf dem Gelände des AKW, doch nach wie vor ist die Lage dort instabil.

Moskau erneuert Bio-Labor-Vorwürfe

Derweil warf Moskau den USA vor, biologische Forschungsprogramme in Gegenden nahe der russischen Grenzen zu verlegen. "Das Pentagon ist bereit, die in der Ukraine unvollendeten Programme in Kürze in andere postsowjetische Staaten sowie in osteuropäische Staaten wie Bulgarien, die Tschechische Republik und die baltischen Staaten zu verlagern", zitierte die russische Agentur TASS Generalleutnant Igor Kirillow, den Chef der russischen Streitkräfte für den Strahlen-, chemischen und biologischen Schutz. "Die Ausweitung des Netzes von Biolaboren, die zur Entwicklung und Lagerung von Komponenten biologischer Waffen genutzt werden können, stellt eine Bedrohung für die militärische Sicherheit der Russischen Föderation dar."

Kreml: EU Schuld am Stopp von Nord Stream 1

Nach dem Stopp der Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 gab der Kreml der EU die Schuld dafür. "Wenn die Europäer eine absolut absurde Entscheidung treffen, wonach sie sich weigern, ihre Anlagen zu warten, oder besser gesagt, Anlagen, die Gazprom gehören, dann ist das nicht die Schuld von Gazprom, sondern die Schuld der Politiker, die Entscheidungen über Sanktionen getroffen haben", sagte Sprecher Dmitri Peskow.

Vor Wahl in Italien: Salvini wettert gegen Sanktionen

Der italienische Rechtspopulist Matteo Salvini stellte die wegen des Ukraine-Krieges verhängten EU-Sanktionen gegen Russland in Frage. Mehrere Monate seien vergangen, und die Menschen würden ihre "Rechnungen doppelt und vierfach zahlen", während sich nach sieben Monaten Krieg "Russlands Kassen mit Geld füllen", sagte der Chef der rechtsradikalen Lega-Partei dem Radiosender RTL. Salvinis derzeit wichtigste Verbündete, die Chefin der ultrarechten Partei Fratelli d'Italia Giorgia Meloni, distanzierte sich von seinen Äußerungen.

"Kein zuverlässiger Lieferant": Scholz entzieht Russland Vertrauen

Bundeskanzler Olaf Scholz machte dagegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin wegen dessen Angriffskriegs auf die Ukraine für die schwierige Lage auch in Deutschland verantwortlich. "Unser Land steht vor einer schweren Zeit", sagt der SPD-Politiker bei der Vorstellung des dritten Entlastungspakets der Bundesregierung zur Abfederung steigender Preise für die Bürger. Der Krieg habe Folgen auch für Engpässe bei der Energieversorgung: "Putins Russland ist vertragsbrüchig geworden", es erfülle seine Lieferverträge schon lange nicht mehr. "Russland ist kein zuverlässiger Energielieferant mehr."

Ukrainischer Premier in Berlin

Der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal bat bei seinem Besuch in Berlin um weitere Lieferungen von schweren Waffen für sein Land. Bei einem Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unterstrich Schmyhal nach Angaben seines Büros, wie wichtig es für sein Land sei, dass die Waffenlieferungen "verstärkt" würden. Die von Deutschland gelieferten Panzerhaubitzen des Typs 2000 sowie die Raketenwerfer Mars II hätten sich "auf dem Schlachtfeld bewährt", sagte Schmygal.

Bei einem Treffen mit Scholz unterbreitete Schmyhal dem Kanzler konkrete Vorschläge zur Lieferung von Leopard-2-Kampfpanzern. "Wir haben vorgeschlagen, auf welche Weise Deutschland die Ukraine mit diesen Panzern versorgen kann", sagte Schmyhal vor Journalisten.

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Quelle: ntv.de, mau/dpa

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