Politik

Fast eine Stunde Dauerfeuer Rezos CDU-Bashing: Was bisher geschah

rezo climate.JPG

Rezo hat sein CDU-Bashing mit Fußnoten unterlegt.

(Foto: Screenshot)

Ein Youtuber treibt die CDU mit einem Video an den Rand eines PR-Desasters: Wer ist der Mann und wie hat er das geschafft?

Wer ist Rezo?

Ein Youtuber, der auf seinen zwei Kanälen normalerweise über Musik und Banalitäten spricht. Vor zwei Monaten lieferte er sich mit seinem Kollegen beispielsweise eine "Flachwitz-Challenge". Nach eigenen Angaben ist Rezo 26 Jahre alt und lebt in Aachen.

Worum geht es in seinem CDU-Video?

Der Titel ist Programm: "Die Zerstörung der CDU", so hat Rezo den 55-minütigen Film genannt, wobei die CSU immer mit gemeint ist. Der Film ist ein Dauerfeuer, er zeigt fast ausschließlich einen Monolog, der ein bisschen nach der Art von Late-Night-Komikern aufgebaut ist, mit viel Ironie und Sarkasmus.

Und inhaltlich?

Rezos zentrales Thema ist der Klimawandel, daneben geht es um soziale Gerechtigkeit, die "Inkompetenz" von CDU und CSU, ihren Umgang mit Protesten sowie um den Drohnen-Krieg der USA. In all diesen Punkten wirft er den Unionsparteien - und nebenbei auch SPD und FDP - vor, so gut wie alles falsch zu machen. Die CDU habe dafür gesorgt, dass die Armut in Deutschland zunehme. Sie ignoriere die Befunde der Wissenschaft zum Klimawandel und betreibe "eine zukunftzerstörende, umweltzerstörende und damit lebensverachtende Politik". Sie erlaube den USA, Atombomben in Deutschland zu stationieren und völkerrechtswidrige Drohnen-Angriffe von der US-Basis Ramstein in der Pfalz aus zu steuern.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, die CSU-Politikerin Marlene Mortler, sowie den CDU-Europaabgeordneten Axel Voss führt Rezo als Beispiele dafür an, warum in der Union "pure Inkompetenz" herrsche. Voss und seine Partei hätten in der Debatte um die EU-Urheberrechtsrichtlinie mit "Unwahrheiten, Verschwörungstheorien, Propaganda" gearbeitet.

Was will Rezo?

"Es geht hier nicht um verschiedene legitime politische Meinungen", sagt er, "sondern es gibt nur eine legitime Einstellung, und zwar dafür zu sorgen, dass es so schnell wie möglich einen drastischen Kurswechsel gibt, sonst sind wir faktisch gefickt." Für diesen Satz hat er herbe Kritik einstecken müssen. Nicht wegen des F-Wortes, sondern weil er sein Video nicht als Kommentar darstellt, sondern als objektiven Faktencheck.

Rezos zentrale Botschaft ist von Anfang an klar, am Ende fasst er sie noch mal zusammen: "Wählt bitte nicht die SPD. Wählt bitte nicht die CDU. Wählt bitte nicht die CSU. Und schon gar nicht die AfD." Von der FDP hält er auch nichts, "die hatten einfach Glück, dass das Video schon viel zu lang war", sagte er in einem Interview. Stattdessen ruft Rezo zur Wahl von Linken oder Grünen, alternativ noch von linken Kleinparteien auf.

Wie argumentiert er?

Praktisch alle seine Angaben sind mit Fußnoten unterlegt, die immer wieder eingeblendet werden. Zum Video gehört ein 13-seitiges Dokument, das die Quellen auflistet.

Aber natürlich kann man Fakten interpretieren, und das tut Rezo. Ein Beispiel: Er wirft Union und SPD vor, die Photovoltaik-Industrie in Deutschland aus Kostengründen kaputtgemacht zu haben. Unter Berufung auf den Professor für Regenerative Energiesysteme Volker Quaschning sagt er: "Also, die CDU und SPD bauen 80.000 Arbeitsplätze ab in einem Feld, das es in Jahrzehnten noch geben wird [der Photovoltaik], und halten an 20.000 Arbeitsplätzen fest in einem Feld, das es bald eh nicht mehr gibt [Kohlekraftwerken und Braunkohleabbau]? Klingt irgendwie unsinnig. Vor allen Dingen, weil es ja völlig normal ist, dass durch Entwicklungen und Technologien alte Arbeitsplätze wegfallen und neue entstehen. Also, wegen der Digitalisierung fallen Hunderttausende Arbeitsplätze weg und trotzdem sagt doch niemand: Ey, lass mal bitte die Schreibmaschinen-Industrie retten."

Diese Position ist nicht komplett absurd - Rezo zitiert Wissenschaftler, die sie teilen. Aber er unterschlägt, dass es der CDU beim Festhalten an der Kohle auch darum geht, langfristig für sichere Stromversorgung zu sorgen. Ob ein früherer Kohleausstieg möglich ist, wie weit Speichertechnologien in wenigen Jahren sein werden, wie der Strukturwandel in den betroffenen Regionen aussieht, das ist für Rezo kein Thema. Es ist wie so häufig in der Politik: In dieser Frage gibt es nicht nur eine legitime Position.

Wie erfolgreich ist das Video?

Extrem erfolgreich. Am Samstag wurde es veröffentlicht, am Donnerstag übersprang die Zahl der Aufrufe die Fünf-Millionen-Marke.

Wie reagiert die CDU?

Erst gar nicht, dann träge, dann hektisch. Am Mittwoch bat CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer den Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor, ein Video aufzunehmen, um auf Rezo zu antworten. Er sei "am besten dafür geeignet", zitieren die Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland die Parteivorsitzende. Dieses Video sei dann am Mittwochmorgen in gut zwei Stunden im Konrad-Adenauer-Haus produziert worden.

Warum ist das Video nicht erschienen?

"Das Video hatte allen Beteiligten ganz gut gefallen", sagte Amthor am Donnerstag. Aber es sei richtig, "jetzt den Fokus nicht auf einen Austausch von Videos zu legen, sondern auf Sachthemen". Laut Redaktionsnetzwerk waren im CDU-Vorstand Befürchtungen laut geworden, CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak könne politisch beschädigt werden, wenn ein einfacher Bundestagsabgeordneter - sprich: Amthor - auf Rezo reagiere.

Und dann?

Ziemiak lud Rezo am Donnerstag in sieben Tweets zu einem Gespräch ein. "Wir machen das in der CDU seit 70 Jahren: Wir zerstören einander nicht, sondern wir hören einander zu, wir reden miteinander, wir finden gemeinsame Lösungen", so der ehemalige JU-Chef. "Lass uns treffen, damit wir miteinander sprechen können. Philipp Amthor kommt auch." (Auf Twitter hat Rezo bislang nicht auf die Einladung reagiert.)

Anschließend veröffentlichte die CDU noch eine "offene Antwort an Rezo". Darin heißt es, die CDU nehme Kritik sehr ernst. In einem dort verlinkten pdf-Dokument geht die CDU auch auf die Argumente und Behauptungen von Rezo ein: In ihrer Darstellung ist die Einkommensungleichheit seit 2005 in Deutschland nicht weiter gestiegen, außerdem sei es Bundeskanzlerin Angela Merkel zu verdanken, dass 1997 überhaupt das Kyoto-Klimaprotokoll erreicht wurde (damals war sie Umweltministerin) und für den Kohleausstieg sei ein gesellschaftlicher Kompromiss nötig.

Über die Lagerung von US-Atombomben schreibt die CDU: "Für Rezo macht es offenbar keinen großen Unterschied, ob US-Atombomben in Deutschland uns schützen oder russische Atomwaffen auf uns gerichtet sind. Für die CDU schon." Drohneneinsätze seien "nicht per se völkerrechtswidrig". Außerdem habe die Bundesregierung "wegen des Status der Immunität von Ramstein nur begrenzte Möglichkeiten, Ermittlungen anzustellen. Sie sind auf die Angaben der USA angewiesen". Diese Antwort, dies nur am Rande, ist immerhin deutlich weniger verquast als die von Rezo gezeigten Stellungnahmen des Außenministeriums zu diesem Thema.

Das Fazit?

Viel zu spät hat die CDU auf das Video reagiert und sich damit an den Rand eines PR-Desasters manövriert. "Die CDU läuft mittelfristig Gefahr, die jungen Menschen zu verlieren", so die Politikwissenschaftlerin Sabine Kropp der "Rheinischen Post".

Aber die alte Banalität greift auch hier: In jeder Krise steckt eine Chance. Die Stellungnahme der CDU vom Donnerstag könnte der Einstieg in eine spannende Debatte sein, in der die viel zitierten jungen Leute von der Politik ernst genommen werden und in klarer Sprache offene Antworten bekommen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema