Politik

Kopfschütteln über Deutschland Serbien impft im Akkord

Mehr als zwölf Prozent der serbischen Bevölkerung sind bereits geimpft, zumeist mit den Impfstoffen aus Russland und China. Wenn man durch Belgrad läuft, glaubt man fast in einer Welt vor Corona zu sein. Die Infektionszahlen gehen allerdings gerade wieder hoch.

Vor der Messehalle in Serbiens Hauptstadt Belgrad stehen die Menschen an und warten auf ihre Impfung. Für viele hier ist es bereits die zweite. "Ich habe mich online angemeldet, das ging ganz schnell", sagt Goran. Der 55-Jährige hat sich für den chinesischen Impfstoff Sinopharm entschieden. In Serbien kann man nämlich zwischen vier Vakzinen wählen. Wer "egal" ankreuzt, bekommt meist Sinopharm gespritzt. Davon gibt es am meisten.

Ein paar Meter weiter steht Dina Brkic. Die Frau mit den blonden Locken ist erst 26 Jahre alt. "Ich habe mich für Sputnik aus Russland entschieden", sagt sie. Ihre Mutter habe sie beraten, die ist Ärztin. Als ich erzählte, dass meine 76-jährige asthmakranke Mutter in Deutschland noch nicht einmal einen Impftermin hat, ist sie erstaunt: "Ihr seid doch so reich und so gut organisiert in Deutschland. Das ist jetzt schon meine Nachimpfung heute."

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Anstehen für die Impfung in Belgrad.

(Foto: Nadja Kriewald)

Mehr als zwölf Prozent der Serben sind bereits geimpft. Zugegeben, das Land ist klein, hat nur sieben Millionen Einwohner. Aber Serbien ist auch arm verglichen mit Deutschland und es ist nicht Mitgliedsland der EU, sondern nur Beitrittskandidat. "Als ihr im Sommer noch auf Brüssel gewartet habt, haben wir schon Verträge gemacht", begründet Goran Vesic, Belgrads Vizebürgermeister den Impferfolg. Er ist stolz auf die große Menge an Impfstoff im kleinen Serbien. "Und jetzt haben wir mehr Impfstoff von Biontech/Pfizer als mancher EU-Staat", fügt Vesic hinzu.

Heute gibt es allerdings in der Messehalle keinen Impfstoff von Biontech/Pfizer, morgen wieder, heißt es. Dafür wird hier in großen Mengen Sinopharm und Sputnik verimpft. Bei den Serben sind diese Vakzine ohnehin beliebter. Und es wird im Akkord geimpft und dabei geht es auch nicht streng nach Impfplan. Eine Frau erzählt, sie wollte nur ihren älteren Mann begleiten, aber dann hat man sie gleich gefragt, ob sie nicht auch will, wo sie schon mal da ist. Formular ausfüllen, Gesundheitsfragen beantworten, dann wird sie geimpft. Dass in Deutschland Strafen für Impfvordrängler diskutiert werden, gar 25.000 Euro Bußgeld drohen, darüber schütteln sie hier den Kopf. "Es ist doch gut, wenn sich so viele Menschen wie möglich impfen lassen", sagt eine Ärztin.

Und so sieht es auch Gesundheitsminister Zlatibor Loncar: "Unser Ziel war es, Menschenleben zu retten mit so vielen Impfdosen, wie wir bekommen konnten." Er selbst ist mit Sinopharm geimpft. Auch seine Mitarbeiter seien geimpft. "Wir haben Pfizer, Astrazeneca, Sinopharm und Sputnik. Wir haben die Verträge vergangenen Sommer unterzeichnet, um das für unsere Bürger zu organisieren. Unser Präsident hat das persönlich mit Präsident Putin und mit Präsident Xi Jinping verhandelt." Loncar hofft, dass bis Sommeranfang die Herdenimmunität erreicht ist, dass also genügend Bürger geimpft sind und Antikörper gegen das Virus entwickelt haben.

Doch die Experten sind sich nicht einig, wann die Herdenimmunität erreicht ist. "Die Regierung geht von 60 Prozent aus, das kann aber auch bei 70 oder erst 90 Prozent der Fall sein", sagt Rade Panic. Er ist Chef der Ärztegewerkschaft und selbst Arzt. "Gerade mit den Mutationen weiß man nicht, wann die Bevölkerung wirklich genug Antikörper durch Impfung oder Erkrankung entwickelt hat, um diese Herdenimmunität zu erreichen." Durch den Impfstoff wähnen sich die Serben in Sicherheit und so benehmen sie sich auch. Gerade gehen die Infektionszahlen wieder hoch. Kein Wunder, einen harten Lockdown gab es nur im Frühjahr 2020. Jetzt gibt es nur zarte Einschränkungen.

Wenn man durch Belgrad läuft, glaubt man fast in einer Welt vor Corona zu sein. Alle Geschäfte sind geöffnet, in den Restaurants und vor den Cafés sitzen die Menschen und genießen die ersten Sonnenstrahlen. Masken sieht man selten. Die Serben schütteln auch noch oft die Hände zur Begrüßung. "Ich habe keine Angst, ich hatte schon Covid im Dezember", sagt Dragana Kostica und fügt hinzu: "Ich weiß, in Deutschland sieht das gerade ganz anders aus. Ich studiere in Hamburg, aber die Serben fürchten sich nicht vor Corona."

Barbesitzer Pavle Vucic ist froh, dass  die Regierung in Impfstoff investiert hat, statt in Wirtschaftshilfen als Entschädigung für den Lockdown. "Der Lockdown im Frühjahr war hart. Wir sind froh, dass jetzt alles geöffnet ist. Wenn auch nicht am Abend." Denn dann müssen sie schließen. Das ist die kleine Einschränkung. "Wir tun alles, damit es hier sicher ist", fügt Vucic hinzu. Auch der 25-Jährige wartet auf die Impfung - auf seine zweite.

Quelle: ntv.de

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