Politik

Karte zur Lage in der Ukraine Staudamm-Attacke bedroht Cherson-Front

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Nächtliche Reparaturarbeiten am Staudamm.

(Foto: via REUTERS)

Russland beschießt zivile Einrichtungen im ukrainischen Hinterland. Ein massiver Luftschlag trifft den Staudamm bei Krywyj Rih, das Sperrwerk wird beschädigt. Die aufgestauten Wassermassen fluten das Tal des Inhulez - und bringt auch russische Truppen in Bedrängnis.

Der russische Angriff mit Marschflugkörpern gegen den Staudamm bei Krywyj Rih könnte sich als folgenschwerer Fehlschlag erweisen. Die Einschläge der russischen Geschosse in der Nacht auf Donnerstag haben ukrainischen Angaben zufolge Teile der Staumauer des Karatschuniwka-Stausees beschädigt. Die austretenden Wassermassen führten unterhalb des Sperrwerks im Tal des Inhulez zu Überflutungen. Die Flutwelle ließ den Pegel des Flusses Inhulez stark ansteigen.

Der Stausee liegt in unmittelbarer Nähe der 600.000 Einwohner zählenden Regionalmetropole Krywyj Rih und dient unter anderem der Trinkwasserversorgung. Der Damm, der das Wasser des Dnipro-Nebenflusses Inhulez aufstaut, ist eindeutig Bestandteil der zivilen Infrastruktur. Selbst die Straße, die über die Staumauer führt, hat offenkundig keine überregionale Bedeutung. Ein Bahn-Viadukt in der Nähe wurde bei dem Angriff anscheinend nicht beschädigt. Ein unmittelbarer militärischer Nutzen des Luftangriffs ist nicht erkennbar. Wollten die Strategen des Kreml gezielt die Versorgung der Großstadt Krywyj Rih zerstören?

Die ukrainische Seite wertet den massiven Luftschlag als Terrorangriff gegen die Zivilbevölkerung. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der aus Krywyj Rih stammt, erklärte, die russischen Streitkräfte hätten hydrotechnische Infrastruktur angegriffen, um seine Heimatstadt zu "überfluten". In den Stunden nach den Explosionen am Damm bestand im Zentrum der Stadt und insbesondere in den an den Inhulez angrenzenden Wohngebieten Hochwassergefahr.

Ein Zufallstreffer scheint ausgeschlossen: Der Damm wurden nach Aussage von einer ganzen Salve überschwerer Geschosse getroffen. Der Gouverneur der Region Dnipropetrowsk, Valentin Resnitschenko, sprach von einem Angriff mit insgesamt sieben bis acht Marschflugkörpern, die russische Bomber auf die Stadt abgefeuert hätten. Dabei seien neben dem Damm auch weitere Infrastruktur-Einrichtungen beschädigt worden.

Auf ersten Bildern aus Krywyj Rih sind Spuren massiver Explosionen, aber keine tiefen Krater zu erkennen. Die tatsächlich angerichteten Schäden halten sich offenbar in Grenzen. Unterhalb der Staumauer seien noch in der Nacht 112 Häuser überflutet worden, teilte der Chef der örtlichen Militärverwaltung, Olexander Wilkul, am Morgen nach dem Angriff mit. Berichte über Verletzte oder gar Tote liegen bisher nicht vor.

Die Arbeiten zur Reparatur des Damms liefen noch in der Nacht an. Der Damm selbst hielt dem russischen Angriff Stand. Einsatzkräfte konnten das Sperrwerk behelfsmäßig reparieren. Die Pegelstände des Inhulez gingen angeblich bereits zurück. Weiter flussabwärts könnte die Flutwelle jedoch noch Folgen haben: Der Inhulez fließt von Krywyj Rih in Richtung Süden, in Richtung Kampfgebiet. Der stark gewundene Flusslauf bildet in der Region Cherson über weite Strecken die Frontlinie zwischen ukrainischen und russischen Truppen.

Die aus dem Stausee bei Krywyj Rih ausgetretenen Wassermassen könnten die Überquerung des Inhulez erschweren. Beide Seiten nutzen am Inhulez auch Ponton-Brücken, die größeren Flutwellen kaum standhalten können. Für die ukrainische Seite wäre das insbesondere bei der Ortschaft Davydiv Brid problematisch: Dort verlaufen die Nachschubrouten für einen der Hauptstöße der Cherson-Offensive über den Inhulez.

Ein größeres Hochwasser am Inhulez könnte jedoch auch für die russischen Truppen gefährlich werden. Der Inhulez teilt die Front bei Cherson kurz vor der Einmündung in den Dnipro in zwei Abschnitte. An größeren Verkehrsverbindungen stand den Russen dort bis vor wenigen Wochen noch die Brücke bei Darjiwka zur Verfügung - bis ukrainische Präzisionsangriffe sie zerstörten. Seitdem quert dort eine russische Pontonbrücke den Inhulez. Die Flutwelle im Inhulez-Tal bei Cherson gefährdet somit auch russische Einheiten.

Quelle: ntv.de, mit Material von AFP und rts

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