Politik

Bürgerberichte aus Krywyj Rih "Wir haben mit dem Staudamm-Angriff gerechnet"

Der russische Beschuss eines Staudamms im Süden der Ukraine beeinträchtigt die Infrastruktur der Großstadt Krywyj Rih. Für die Einwohner kommt der Angriff offenbar nicht überraschend. Ein 23-Jähriger erklärt, warum es keine Toten gab.

Als die russischen Raketen am frühen Mittwochabend in den Staudamm der südukrainischen Industriemetropole Krywyj Rih einschlagen, bedient Roman gerade einen Kunden des Getränkemarkts, in dem er arbeitet. "Ich hörte laute Explosionen, der Kunde war auch erschrocken. Alle fingen an, irgendwohin zu rennen." Sein Arbeitsplatz liegt im Zentrum der Stadt. Wenige Kilometer südlich von dort wird der Fluss Inhulez zum Karatschuniwka-Stausee angestaut. Dieser ist zentral für die Trinkwasserversorgung der Einwohner von Krywyj Rih. "Dann knallte es wieder, insgesamt sechs oder sieben Mal", sagt der 23-jährige Roman ntv.de. Teile der Staumauer wurden schwer beschädigt.

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Helfer rückten noch in der Nacht aus.

(Foto: picture alliance/dpa/Ukrainian Emergency Service/AP)

Die Angriffe der russischen Armee richteten sich zuletzt vermehrt gegen die zivile Infrastruktur der Ukraine. Insbesondere im Osten des Landes beschießen Moskaus Truppen immer wieder Kraft- und Umspannwerke. Die Millionenstadt Charkiw war zum Wochenbeginn zeitweise ohne Strom und fließend Wasser. Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht darin den Versuch der Demoralisierung der ukrainischen Bevölkerung. "Alles, was die Besatzer können, ist Panik zu säen, eine Notlage zu schaffen, Menschen ohne Licht, Wärme, Wasser oder Lebensmittel zu lassen", schreibt Selenskyj auf Instagram. "Kann uns das brechen? Keineswegs."

Auch der Raketenbeschuss auf den Staudamm von Krywyj Rih - Selenskyjs Heimatstadt, der er bis heute eng verbunden ist - führt zu Ausfällen in der Wasserversorgung. Nach ukrainischen Angaben wurden sieben oder acht Raketen aus der Entfernung von russischen Kampfflugzeugen abgefeuert. Der frühere ukrainische Minister für Infrastruktur, Volodymyr Omelyan, teilte ein Video auf Twitter, in dem reißende Wassermassen gezeigt werden, die unter einer massiv beschädigten Brücke flussabwärts strömen. Einige Stadtteile seien von Überflutung bedroht, hieß es seitens der Ukraine.

Über hundert Häuser überflutet

Die Studentin Kateryna wohnt im Stadtteil Karnavatka, rund sieben Kilometer östlich des Stausees. Auch sie habe sechs oder sieben lautstarke Explosionen gehört, sagt sie ntv.de. "Die Flut hat mich nicht erreicht. Ich weiß aber, dass die Bootsstation und umliegende Gebäude des Stausees überflutet wurden." Der Chef der örtlichen Militärverwaltung, Oleksandr Wilkul, schreibt in seinem Telegram-Kanal, 112 Häuser und Grundstücke rund um den Stausee hätten infolge des Dammbruchs unter Wasser gestanden. Bewohner des Ortes Inhulez am Ufer des gleichnamigen Flusses seien evakuiert worden.

Überrascht war Roman von den Angriffen nicht. "Bei uns in der Stadt haben wir damit gerechnet, dass die Russen den Damm angreifen werden." Ein Bekannter beim Militär habe ihn schon seit Kriegsausbruch davor gewarnt. Laut Roman konnte durch ein schnelles Eingreifen der Einsatzkräfte Schlimmeres verhindert werden. "Das Militär und die Verwaltung waren darauf vorbereitet. Deswegen gab es keine Toten." Die Behörden hätten in Reaktion zwei weitere Dämme gesprengt, um das Wasser umzuleiten. Einsatzkräfte konnten das beschädigte Sperrwerk reparieren.

Die Stadt habe zudem Fässer mit Trinkwasser in die vom Versorgungsausfall betroffenen Gebiete gebracht, sagt Roman. Er glaubt nicht, dass der Angriff vornehmlich darauf abzielte, die Stadt zu überfluten oder die Menschen von der Wasserversorgung abzuschneiden. "Der Fluss ist strategisch sehr wichtig. Russland will mit dem Angriff unsere Gegenoffensive beeinflussen." Denn weiter südlich bei Cherson bildet der Inhulez die Frontlinie zwischen ukrainischen und russischen Truppen. Hochwasser könnte ein Überqueren des Dnipro-Nebenflusses erschweren. Zudem nutzen beide Seiten am Inhulez Ponton-Brücken, die einer Flut kaum standhalten können.

Studentin Kateryna hingegen ist sich sicher, dass der Angriff auch den Bewohnern von Krywyj Rih galt. "Die Russen wollen unsere Stadt und die ganze Welt in eine ökologische und wirtschaftliche Katastrophe stürzen", sagt die 22-Jährige. "Russland ist ein terroristischer Staat."

Quelle: ntv.de

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